Herbert Diess | Bildquelle: REUTERS

Herbert Diess Warum der VW-Chef unter Druck ist

Stand: 01.12.2020 22:53 Uhr

Die zuletzt gezeigte Harmonie zwischen VW-Chef Diess und Betriebsratschef Osterloh war wohl oberflächlich. Jetzt ist der Konflikt neu entbrannt - die Aufsichtsratsspitze hat über Diess' Zukunft beraten, aber keine Entscheidung getroffen.

Von Hilke Janssen, NDR

Es ist wie so oft bei Volkswagen: Viel wird geraunt, gemunkelt und spekuliert. Dieses Mal darüber, dass Vorstandschef Herbert Diess eine vorzeitige Vertragsverlängerung verlangt haben soll. Offiziell bestätigt wird diese Forderung nicht. Da aber keiner im Konzern vehement widerspricht, dürften entsprechende Medienberichte stimmen.

Das Problem für Diess: Mit genau der gleichen Forderung hatte er sich bereits im Sommer eine blutige Nase geholt. Der Vertrag des Top-Managers läuft noch bis April 2023. Der Wunsch, diese Laufzeit vorzeitig zu verlängern, ist im VW-Aufsichtsrat bisher auf Unverständnis gestoßen.

Am Abend traf sich darum die Spitze des Aufsichtsrats, um im kleinen Kreis über die Zukunft des Vorstandschefs zu sprechen. Der große Knall blieb aber aus - und der Vorstandschef von VW heißt weiter Herbert Diess.

Osterloh sieht keinen Grund für Neuvertrag

Vor allem der einflussreiche Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh hat bisher keinen Grund gesehen, Diess' Wunsch zu erfüllen. Im Umfeld des VW-Aufsichtsrats ist in diesen Tagen immer wieder zu hören, dass es deutlich drängendere Probleme gebe als die Karriere eines einzelnen Vorstandsmitglieds.

Man habe wenig Verständnis dafür, dass Diess "zwei Mal mit dem Kopf durch dieselbe Wand" wolle, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Das Land Niedersachsen, das sich als Anteilseigner oft hinter Diess gestellt hatte, will aktuell lieber gar nichts zur Diskussion sagen.

Diess' Motivation bleibt im Dunklen

Warum Diess auf die Verlängerung seines Vertrags pocht, bleibt unklar. Möglicherweise will er frühzeitig Pflöcke einschlagen, um seine Position gegen den einflussreichen Wolfsburger Betriebsrat zu stärken.

Seit seinem Amtsantritt 2018 tritt Diess forsch auf und bürstet manch lieb gewonnene Tradition gegen den Strich. Obwohl der Betriebsrat die Ideen des Vorstandschefs in Sachen Transformation und Elektromobilität durchaus unterstützt, gibt es auch immer wieder Kritik, Diess sei zu forsch, zu polterig, nicht empathisch genug.

Mitbestimmung ist Diess ein Dorn im Auge

Mit dem Prinzip der starken Mitbestimmung, so ist zu hören, habe der ehemalige BMW-Manager sich nie anfreunden können. Aus Diess‘ Sicht gehört die einflussreiche Arbeitnehmerseite wohl zu den größten Bremsklötzen in Wolfsburg. Seinen Frust über den eigenen Konzern hat der VW-Vorstandschef in dieser Woche im Karriere-Netzwerk LinkedIn öffentlich gemacht.

Dort schreibt er offen über "gewachsene Strukturen und Prozesse. Viele verkrustet und kompliziert". Es gebe "unterschiedlichste Interessen und politische Agenden im Konzern". Bei Amtsantritt, so Diess weiter, habe er sich vorgenommen, dieses System  zu verändern, also verkrustete Strukturen aufzubrechen. Das sei zum Teil gelungen - "in unserer Konzernzentrale Wolfsburg aber noch nicht".

Über dieses Thema berichtete NDR1 Niedersachsen am 01. Dezember 2020 um 08:00 Uhr.

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