Spitzenbeamter Röller Merkels "Firewall" im Wirecard-Skandal?

Stand: 12.01.2021 16:31 Uhr

Im Wirecard-Skandal muss ein Spitzenbeamter aus dem Bundeskanzleramt aussagen. Zentrale Frage: Warum warb die Bundesregierung in China für das Unternehmen - trotz Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten?

Von Tom Schneider, ARD Hauptstadtstudio

Lars-Henrik Röller sagt heute im Wirecard-Untersuchungsausschuss aus. Für die Öffentlichkeit ist er meist unsichtbar. Allenfalls auf Auslandsreisen gerät der einstige Wirtschaftsprofessor eher unabsichtlich auf Fotos, gemeinsam mit seiner Chefin, der Bundeskanzlerin, deren wichtigster Stichwortgeber er bei solchen Gelegenheiten ist. Röller ist einer von sieben Abteilungsleitern in Angela Merkels Verwaltung, zuständig für Wirtschaft, Finanzen und Energie, auch für die internationalen Kontakte in diesen Bereichen.

Und so war seine Einschätzung zweifelsohne gefragt im Falle des Münchner Finanzdienstleisters Wirecard, der derart wuchs, dass er schnell zu einer der deutschen Zukunftstechnologiehoffnungen wurde und schließlich in den Deutschen Aktienindex aufstieg.

Wirtschaftsgrößen begleiten Merkel gerne - auch Markus Braun

Wenn Merkel auf große Auslandsreisen geht, sitzt der eine oder andere Vorstandsvorsitzende von Großunternehmen schon mal mit an Bord - in der begleitenden Wirtschaftsdelegation. Es winken wichtige Wirtschaftskontakte und im besten Fall sogar Marktzugänge und lukrative Aufträge.

So mag sich das auch Markus Braun vorgestellt haben, der heute inhaftierte einstige Wirecard-Chef. Auf verschiedenen Wegen, das belegen inzwischen öffentliche E-Mail-Wechsel, ist Wirecard auf das Kanzleramt zugegangen. Das Interesse des Managements: Die Regierung möge beim vielversprechenden Marktzugang in China behilflich sein. Nachdem der einstige Minister und heutige Lobbyist Karl-Theodor zu Guttenberg in Diensten von Wirecard zunächst direkt bei Merkel vorgesprochen hatte, ging das Thema an Berater Röller.

Wusste Röller über alles Bescheid?

"Röller war in der Sache Teil der Firewall der Kanzlerin", beschreibt Jens Zimmermann, SPD-Obmann im U-Ausschuss. "Da kann man im Zweifel immer sagen: Die Kanzlerin selbst wusste von nichts." Belegt ist ein Austausch Guttenbergs mit Röller nach seinem direkten Gespräch mit der Kanzlerin. Dabei könnte es um eine Strategie für den Marktzugang von Wirecard in China gegangen sein. "Nach der China-Reise Merkels im Herbst 2019 war Röller es, der an Guttenberg Vollzug gemeldet hat", so Zimmermann. Das gehe aus E-Mail-Verläufen hervor, die der Ausschuss auswerten konnte. "Röller ist jemand, der wahrscheinlich über alles Bescheid weiß, was die Aktivitäten des Kanzleramts gegenüber Wirecard betrifft," vermutet der SPD-Mann.

Für die FDP sind die genauen Zeitabläufe dabei der springende Punkt. Kurz vor Merkels Chinareise im September 2019 habe es Vorbereitungstreffen gegeben, berichtet Florian Toncar, Obmann der FDP im U-Ausschuss. "Uns interessiert, was die Kanzlerin zwischen der persönlichen Intervention von Herrn zu Guttenberg und ihrer Chinareise mit ihrem Berater besprochen hat", so Toncar.

Der Schwarze Peter wandert hin und her

Die Aussagen Röllers dürften auch für das Verantwortungsgeschacher innerhalb der Großen Koalition relevant sein. Die Verteidigungslinie von Unionsseite heißt bisher: Das SPD-geführte Finanzministerium und die nachgelagerten Behörden hätten das Kanzleramt nicht rechtzeitig gewarnt. Allerdings hat der U-Ausschuss kürzlich neue Dokumente geliefert bekommen, die belegen könnten, dass Informationen der Finanzaufsicht BaFin just in dem Moment an das Finanzministerium geliefert worden seien, in dem das Kanzleramt sich näher für den Fall Wirecard interessiert hat und Informationen angefordert hat.

"Wenn sich herausstellen sollte, dass diese Informationen im August 2019 auch ans Kanzleramt geflossen sind, dann müsste man festhalten, dass das Kanzleramt von da an das volle Bild über die Vorwürfe an Wirecard hatte", meint FDP-Mann Toncar. "Das würde die Rolle der Bundeskanzlerin dann doch entscheidend verändern."

Eine Theorie, auf die auch die SPD schielen dürfte. Falls die Aussagen von Merkels Berater ergeben sollten, dass dem Kanzleramt Informationen zu Wirecard frühzeitiger vorlagen, würde der Vorwurf, das Finanzministerium habe nicht hinreichend gewarnt, weniger schwer auf Finanzminister und SPD-Kanzlerklandidat Olaf Scholz lasten.

Wirecard-Untersuchungsausschuss vernimmt weitere Zeugen
Lothar Lenz, ARD Berlin
12.01.2021 15:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Januar 2021 um 06:30 Uhr.

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