Neues Recycling-Verfahren Altreifen - geschreddert und gekocht

Stand: 19.02.2021 09:59 Uhr

Eine Firma aus dem Saarland hat ein aufwendiges Verfahren entwickelt, um Altreifen auf nachhaltige Weise wiederzuverwerten. Der BASF-Konzern will es nun europaweit einsetzen.

Von Peter Sauer, SR

Wiederaufbereitung statt Entsorgung: Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet Pascal Klein an der Idee, abgenutzte Reifen nachhaltig zu recyceln; sie mit Hilfe einer sogenannten Thermolyse-Technik in ihre Ausgangsstoffe zu zerlegen. Für die Dillinger Pyrum Innovations AG und den Gründer Klein war es ein langer und schwieriger Weg bis zur Marktreife. "Jeder hat gemeint, die basteln da irgendetwas in Dillingen, und daraus wird sowieso nie etwas", sagt der Vorstandsvorsitzende.

Im Spätsommer 2020 investierte dann der Chemiekonzern BASF 16 Millionen Euro in Pyrum. Klein nennt es den "Durchbruch". Denn dadurch sei weltweites Interesse entstanden. Fast noch wichtiger als die BASF-Millionen sei der Vertrauensgewinn gewesen. "BASF hat uns fast acht Monate komplett auf den Kopf gestellt." Finanzen, Patente und technische Machbarkeit wurden genauestens geprüft. "Seitdem glaubt uns auf einmal jeder. Die Banken sagen auch: Wenn die BASF an euch glaubt, glauben wir auch dran." Jahrelang ging es für Klein vor allem darum, Geld und Investoren aufzutreiben - die Zeiten sind vorbei.

Draht geht an die Stahlindustrie

Bisher wurde Gummi aus Altreifen wegen seines hohen Heizwertes überwiegend als Brennstoff genutzt - beispielsweise in Zementwerken. Pyrum zerlegt die Reifen mit dem Thermolyse-Verfahren in seine ursprünglichen Bestandteile - als würde man beispielsweise aus einem Kuchen wieder Eier, Zucker und Mehl machen.

"Auf dem Weg in eine klimaneutrale Welt wird es immer wichtiger, Abfälle möglichst weit aufzuschließen, chemisch in einen 'Urzustand' zurückzuführen", erklärt ARD-Umwelt-Experte Werner Eckert. Deshalb ist die Pyrum-Anlage für ihn eine sinnvolle Investition in die Zukunft, da die hier gewonnen Stoffe höchst flexibel wieder einsetzbar sind.

Bis zu 3000 Altreifen werden in Dillingen im Schnitt pro Tag verarbeitet. Im ersten Schritt werden die Reifen geschreddert. Der Stahldraht wird aussortiert und an die Stahlindustrie weiterverkauft. Der Rest - eine Art Gummigranulat - wird dann ganz fein gemahlen und kommt in einen Thermolyse-Reaktor. Fast zehn Jahre hat Pyrum an diesem extrem aufwendigen und sensiblen Verfahren gearbeitet. Seit Mai 2020 läuft die Anlage im Dauerbetrieb.

Im Thermolyse-Reaktor wird der Gummi bei rund 700 Grad CO2-schonend gekocht. "Der Gummi verdampft wie Wassertopfen auf einer Herdplatte", sagt Klein. Dadurch zerfällt er in seine Bestandteile Gas, Koks und Rohöl. Das gewonnene Gas wird in zwei Blockheizkraftwerke geleitet. Mit der erzeugten Energie wird die Anlage komplett betrieben - es besteht kein zusätzlicher Energiebedarf. Das Koks wird überwiegend an Reifenhersteller verkauft. Diese produzieren damit neue Pneus. Aus dem wiedergewonnenen Öl stellt BASF Kunststoffe, Medikamente und Kosmetika her.

Europaweit 50 neue Anlagen geplant

Der Chemiekonzern BASF hat in Pyrum investiert, um so die Recyclingraten von Altreifen zu erhöhen und das Potenzial der darin schlummernden Rohstoffe zu nutzen. "Das gewonnene Pyrolyseöl setzen wir als Rohstoff in unserer Verbund-Produktion anstelle fossiler Rohstoffe ein", erklärt eine Unternehmenssprecherin. Das Investment und die Zusammenarbeit solle zudem den Weg zur Seriennutzung der Pyrum-Technologie beschleunigen.

BASF nutzt das Öl bereits am Standort in Ludwigshafen und ist laut Klein von dem umweltfreundlichen Öl so überzeugt, dass er in den kommenden fünf Jahren europaweit 50 Thermolyse-Reaktoren aufbauen will. "Das ist das Wunschziel von BASF. Ob wir das packen, stelle ich mal so in den Raum", sagt Klein. Zunächst sollen in den kommenden zwei Jahren zwei weitere Reaktoren in Dillingen gebaut werden. Das Geld dafür ist jetzt vorhanden, Pyrum braucht aber neue Fachkräfte - vom Projektleiter über den Verfahrenstechniker bis hin zum Programmierer.

Dass Pyrums Ansatz jetzt Früchte zu tragen scheine, liege auch an einem veränderten Zeitgeist, sagt Klein: "Die Europäer möchten mittlerweile mehr ökologische Produkte." Das lernten langsam auch die Großkonzerne. Der Druck seitens der Europäischen Union in Richtung nachhaltiger Produktion tue sein übriges.

Über dieses Thema berichteten die BR Regionalnachrichten aus der Oberpfalz am 27. Januar 2021 um 15:00 Uhr.

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