Musik-Streaming boomt Spotify & Co. lassen aufhorchen

Stand: 22.02.2021 16:42 Uhr

Beim Streaming kaufen Kunden keine Musik mehr auf CD oder als MP3, sondern nur die Nutzungsrechte. Die Titel liegen auf den Servern der Anbieter. Das Geschäftsmodell boomt.

Von Constantin Röse, ARD-Börsenredaktion

Wenn die 25-jährige Anna Musik hört, dann am liebsten über ihr Smartphone oder auf ihrem Laptop - und das, wie sie sagt, gefühlt rund um die Uhr: "Während dem Lernen höre ich Musik, um mich zu konzentrieren - und wenn ich Sport mache." Die Studentin ist eine von weltweit rund 400 Millionen Nutzerinnen, die Musik streamen. Das heißt, sie besitzt ihre Musik nicht mehr physisch, zum Beispiel in Form einer CD, sondern spielt sie direkt von den Servern eines Anbieters ab.

Die meisten ihrer Freunde machen das auch schon so, erzählt Anna. Die Vorteile lägen auf der Hand. "Ich habe früher auch CDs gehört, aber da warst du halt beschränkt darauf, was du dir gekauft hast." Der Streaming-Account an sich sei nicht teuer, sagt sie, und: "Man hat unendliche Möglichkeiten - und natürlich durchs Handy die Musik immer dabei ohne, dass man groß CD-Mappen mit sich rumtragen muss."

Spotify dominiert den Markt

Marktführer der Streamingdienste ist das schwedische Unternehmen Spotify. Rund die Hälfte seiner 345 Millionen Nutzer zahlt monatlich für den Dienst. Im Gegenzug stehen rund 60 Millionen Songs zur Verfügung. Möglich ist aber auch eine kostenlose Nutzung mit Werbung. Das Vertriebsmodell dahinter heißt "Freemium", erklärt Jürgen Seitz, Professor an der Hochschule der Medien Stuttgart: "Man versucht die Leute erstmal für das System zu begeistern - also dafür zu begeistern, dass ich alle Musikinhalte, aber auch alle Podcast-Inhalte habe." Anschließend überzeuge man seine Kunden dann von einem Bezahl-Abo: "Das ist eine ganz intelligente Marketingstrategie", sagt Seitz.

Und diese Strategie geht für Spotify auf: Die Schweden können sich sogar gegen Schwergewichte wie Apple oder Amazon behaupten. Wirtschaftlich gesehen ein schwieriges Geschäft, denn das Musikstreaming spült bisher kaum Geld in die Kasse: Spotify wirft immer noch keine Gewinne ab. Grund sind unter anderem die teuren Musikrechte sowie Investitionen in bessere, nutzerfreundliche Funktionen. Der Marktstart in neuen Ländern kostet ebenfalls viel Geld.

Kritik an Umgang mit Künstlern

Kritik an Streaminganbietern gibt es außerdem bei der Bezahlung der Künstler. Spotify & Co. nutzen ihre Marktmacht aus, meint Philipp aus Stuttgart. Er verzichte deshalb ganz bewusst auf Musikstreaming-Anbieter: "Wenn ich ein Lied wertschätzt, dann ist dem Künstler auch wesentlich mehr geholfen, wenn ich es direkt beziehe, als wenn ich bei Spotify einen Stream tätige, von dem er 0,2 Cent oder was auch immer er am Ende kriegt", meint er.

Vom Streaming profitieren oft die ganz großen Künstler, in Deutschland etwa Rapper wie Capital Bra und Apache 207. Kleine Künstler haben oft das Nachsehen. Trotzdem: Der Musikstreaming-Markt boomt - in Deutschland noch etwas verhaltener als in anderen Ländern, meint Medien-Experte Seitz. Aber: "Alle Zahlen sprechen im Moment dafür, dass das Wachstum weitergehen wird.", sagt er. Die Frage sei nur, wie schnell der Wachstum sei - und wie hoch die Zahlungsbereitschaft der Kunden: "Welche Preise können durchgesetzt werden für diese Abo-Angebote?"

Verdrängt non-lineares Streaming das Radio?

Erfolg verspricht sich Marktführer Spotify in Zukunft von exklusiven Audio-Inhalten wie Podcasts. Bereits jetzt hört jeder vierte Spotify-Nutzer Podcasts. Spotify-CEO Daniel Ek denkt aber noch größer. Er meint, Streaming werde das Radio irgendwann ablösen. Es gebe weltweit Milliarden Radio-Konsumenten, die ihre Hörgewohnheiten langsam, aber sicher ins Online-Angebot verlagerten. Und diesen Trend werde die Pandemie wahrscheinlich weiter beschleunigen.

Ob Ek recht behält, wird die Zukunft zeigen, immerhin wurde das Radio schon oft totgesagt - und feierte Ende 2020 trotzdem seinen 100. Geburtstag.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Februar 2021 um 15:41 Uhr.

Darstellung: