Branche in Not Kommt jetzt das große Kinosterben?

Stand: 17.02.2021 13:02 Uhr

Die Zahl der Kinobesucher ist 2020 um über zwei Drittel eingebrochen. Und noch immer sind die Filmtheater geschlossen. Kommt nicht bald Hilfe, bleiben viele Leinwände wohl für immer dunkel.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

"We'll be back", verkündet trotzig der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) auf der Startseite seiner Homepage. Die Aussage ist verbunden mit einem Hilferuf nach schneller und unbürokratischer Unterstützung. "Sonst gehen die Lichter aus", warnt der größte Kinoverband Deutschlands.

Tatsächlich warten die meisten Kinos noch immer auf die Auszahlung der November- und Dezemberhilfen. Für kleinere Betreiber wie Christopher Bausch, der in Frankfurt zwei Programmkinos unterhält, eine heikle Situation. "Wir haben keinen Puffer mehr auf unseren Konten", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de.

"Politik lässt die Kultur ausbluten"

Er habe den Eindruck, dass die Politik die Kultur ausbluten lasse und Kinos völlig vergessen habe. "Dabei zeigen mir die zahlreichen E-Mails, die wir von unseren früheren Gästen bekommen, dass die Leute endlich wieder runter vom Sofa und rein ins Kino wollen." Bis es soweit ist, versucht Bausch über einen Newsletter und den Verkauf von Gutscheinen wie zuletzt zum Valentinstag den Kontakt zu den Gästen aufrecht zu erhalten und ein wenig Geld in die Kassen zu bekommen.

Doch eine Öffnungsperspektive für die Filmtheater gibt es derzeit nicht. Selbst bei einem Inzidenzwert von unter 35 sollen zunächst die Einzelhändler öffnen dürfen, von Kinos ist in den jüngsten Beschlüssen der Regierung nicht die Rede.

Dramatischer Besucherschwund

Bereits im vergangenen Jahr haben die Kinos in Deutschland einen dramatischen Besucherschwund hinnehmen müssen. Wie die Filmförderungsanstalt (FFA) mitteilte, wurden 2020 rund 38,1 Millionen Kinobesuche gezählt. Damit wurden 80,5 Millionen Tickets weniger verkauft als im Vorjahr - ein Rückgang von rund 68 Prozent. Der Umsatz schrumpfte um 706 Millionen Euro auf 318 Millionen Euro.

Von Mitte März bis Anfang Juli mussten alle deutschen Kinos schließen. In den Sommermonaten war nur eine maximale Auslastung von 20 bis 25 Prozent erlaubt. Und Anfang November 2020 wurden die Lichtspielhäuser erneut geschlossen, bis heute.

Sitzreihen im Kino sind zur Einhaltung der Abstandsregeln gesperrt | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Während der Öffnungszeiten im Sommer durften die Kinos nur ein Viertel der vorhandenen Plätze besetzen.

"Das ist ein sehr schlechtes Ergebnis, wie es in dieser Situation aber zu erwarten war", erklärte FFA-Vorstand Peter Dinges. Die Filmförderungsanstalt habe "gemeinsam mit den anderen Förderungen des Bundes und der Länder alles in ihrer Macht Stehende getan, um die Not zu mildern." Trotzdem sei die Lage für die Branche sehr schwierig.

"2020 war absolute Katastrophe"

Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kinos in Berlin, formuliert es drastischer: "Insgesamt war das Jahr 2020 eine absolute Katastrophe." Die Filmwelt drehe sich zwar weiter, jetzt aber vor allem bei den Streamingdiensten. Das sei schade für die große Leinwand. Die ersten zweieinhalb Monate des vergangenen Jahres seien gut gelaufen, auch im Herbst seien Kinos so weit ausverkauft gewesen, wie es die Auflagen zugelassen hätten. Kinos seien eben für viele Menschen ein unverzichtbarer Bestandteil des kulturellen Lebens, so Bräuer.

Noch hat die dramatische Lage vieler Betreiber nicht zu dem befürchteten Kinosterben geführt. So ist die Zahl der Kinounternehmen im vergangenen Jahr mit 1227 unverändert geblieben, die Zahl der Spielstätten und Leinwände ging kaum merklich zurück. Die Verluste liegen unter einem Prozent. Doch die vermeintliche Ruhe ist trügerisch.

Folgen werden sich erst noch zeigen

"Die Auswirkungen der Pandemie auf die Kinolandschaft werden sich erst im Laufe dieses Jahres zeigen", befürchtet FFA-Vorstand Dinges. Vereinzelt ist es seit Jahresbeginn schon zu Insolvenzen gekommen. So musste im Januar das seit 40 Jahren existierende Frankfurter "Berger Kino" Insolvenz anmelden. Betreiber Harald Metz gab als Gründe die Corona-Pandemie sowie die Konkurrenz durch Streaming-Dienste an.

Der Branchenverband HDF schlägt daher unermüdlich Alarm. In einem Brief an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier mahnt er, nun endlich die versprochenen Novemberhilfen auszuzahlen, denn inzwischen seien alle Rücklagen und KfW Darlehen aufgebraucht. Die Branche befinde sich in einem Stadium der Liquiditätsengpässe. Es sei entscheidend, dass jetzt Hilfsgelder ankämen, sagt auch Yorck-Kino-Geschäftsführer Bräuer. Bisher hätten nur wenige Kinos mehr als Abschlagszahlungen erhalten.

Branche braucht dringend Öffnungsperspektive

Auch benötige die Kino- und Filmwirtschaft dringend eine Öffnungsperspektive, um wieder Fuß zu fassen. "Es ist Zeit, dass das kulturelle Leben nach Deutschland zurückkehrt, auch wenn die Pandemie noch nicht überwunden ist", heißt es in einem Brief des HDF an die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten aus der vergangenen Woche.

An den nötigen Filmen werde es nicht mangeln, versichert Kinobetreiber Bausch. Im Gegenteil. Wegen der langen Schließung der Kinos gebe es einen regelrechten Filmstau, so dass die Branche eine Vielfalt an Angeboten zeigen könne. Dazu dürfte dann auch der neue "James Bond"-Film gehören, der schon im Frühjahr gezeigt werden sollte. Er trägt den für die Kinobranche so passenden Titel "Keine Zeit zu sterben".

Über dieses Thema berichtete RBB Radio am 15. Juli 2020 um 08:10 Uhr.

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