Virtuelle Hannover Messe "Hauptsache weitermachen"

Stand: 16.04.2021 13:19 Uhr

Normalerweise ist die Hannover Messe die größte Industrieschau der Welt. Doch dieses Jahr musste sie pandemiebedingt rein digital abgehalten werden. Hat das funktioniert?

Von Jörg Ihßen, NDR

Für Messe-Chef Jochen Köckler steht fest: Die erste internationale Großmesse, die rein online stattgefunden hat, "ist viel besser gelaufen, als wir alle gedacht haben." Aber die Lehre für die Zukunft laute, "dass eine digitale Messe die Magie einer physischen Veranstaltung nicht ersetzen kann". 1800 Aussteller haben sich von Montag bis Freitag auf der Messe-Plattform präsentiert. Das war ein Bruchteil der sonst üblichen 6000 Unternehmen, die in den vergangenen Jahren auf einem der größten Messegelände der Welt ihre Roboter, Logistiksysteme oder Verpackungsbänder präsentierten. Alle Messehallen bis auf die Halle 18 waren verwaist. Aller pandemiebedingten Widrigkeiten zum Trotz: Die Branche hat sich wie üblich im April verabredet, um für sich zu werben . Mit Kanzlerin, Ministerien, Verbänden. Nur halt diesmal vor dem Bildschirm.

"Besser als nichts"

Für Gernot Gehrke, Professor für Management und Marketing an der Hochschule Hannover, ist dem 70 Jahre alten "Schaufenster der Industrie" jetzt das passiert, was sich in den vergangenen Jahren schon längst abgezeichnet habe. "Es geht nicht darum, Quadratmeter zu vermieten, sondern eine Vertrauensbasis für Geschäftskontakte und gemeinsames wirtschaftliches Handeln entstehen zu lassen". Das Internet sei hier aber nur die zweitbeste Lösung. Aber: "besser als nichts". Nach der Pandemie werde es nun darum gehen, wie sich Realbesuche auf Messen dieser Art und Online-Begleitung ergänzen werden.

VW-Konzernchef Herbert Diess, dessen Hunderte Quadratmeter großen Stände 2019 noch zu den festen Anlaufpunkten von Kanzlerin Angela Merkel gehörten, präsentierte jetzt gerade mal 15 Minuten lang seine Mobilitätsstrategie und stellte sich dann Fragen im Chat. Bei der rein digitalen Begegnung "bleibt viel auf der Strecke", so der Manager, der die traditionelle Autoindustrie Richtung E-Mobilität und Digitalisierung steuert. Denn es gehe um den nachhaltigen Effekt des Vertrauens. "Und da ist die persönliche Begegnung extrem wichtig." Doch allein, dass es auf der Hannover Messe die Möglichkeit gab, dass jeder eingeloggte Besucher direkt Fragen zur Wasserstofftechnik, synthetischen Kraftstoffen oder möglichen Kooperationspartnern an den Konzernchef stellen konnte, stellt sicher ein neues Qualitätsmerkmal der Hannover Messe 2021 dar.

Digitale Messen kein dauerhafter Ersatz

Aber rein digitale Messen werden auf Dauer kein Ersatz für Präsenzmessen sein, glaubt Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des Branchenverbandes der Messewirtschaft. "Es ist eben nicht möglich, alles in den virtuellen Raum zu verlagern." Neue Kunden zu gewinnen und die Möglichkeit Produkte zu testen, gehe eben nur auf realen Messeplätzen.

Es war ein "Test-Case", so Messe-Chef Köckler in Hannover. Am Ende stehen 90.000 Teilnehmer, die mehr als vier Millionen Seiten auf der Industrieplattform mit dem Hannover-Messe-Logo aufgerufen haben. 800.000 Mal wurden Suchanfragen an Unternehmen oder zu konkreten technischen Produkten gestellt. Der Appell von Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie: "Mehr denn je muss darum gehen, mit neuen Lösungen und Geschäftsmodellen aus der Corona-Krise herauszuwachsen." Finanziell hat sich der Aufwand für die Messegesellschaft nicht wirklich gelohnt. Ein kleiner Gewinn stehe wohl am Ende, hofft Köckler.

Stundenlang vor dem Bildschirm?

"Insgesamt interessant, eine positive Erfahrung. Aber ich hoffe zukünftig auf eine hybride Lösung", bilanziert auch Christian Wendler, Vorstandschef des Automatisierungsexperten Lenze. In Hannover sei der "Charakter hin zum Informations- und Kontaktkongress" aber gut weitergeführt worden. Klickzahlen seien aber genauso wie klassisch gezählte Kundenkontakte kein Garant für Geschäftsabschlüsse. Kundenpflege passe da eher. Wichtig ist aus seiner Sicht, dass der Austausch der unternehmerischen Top-Entscheider auch in der Pandemie weiter möglich gewesen sei.

Die Bilanz sowohl bei den Ausstellern als auch bei den Veranstaltern fällt eindeutig aus: Es war in diesem Jahr die einzig mögliche Alternative. Und diese wird zukünftige Messen verändern. Wie genau aber ein Mix aus persönlichen Kontakten in Hannover und Internetverknüpfungen aussehen kann, bleibt eine spannende Frage. Aber sicher ist: Neun Stunden vor dem Bildschirm - das möchte auch zukünftig kaum ein Messebesucher.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 16. April 2021 um 12:39 Uhr.

Darstellung: