Kollaps von Archegos Weckruf für die Aufsichtsbehörden

Stand: 09.04.2021 18:31 Uhr

Der Zusammenbruch des Vermögensverwalters Archegos wirft Fragen auf: Wieso leihen Banken Bill Hwang Milliarden, die er an den Märkten verzocken kann? Der Ruf nach Regulierung wird lauter.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Bill Hwang, der Gründer und Co-Chef von Archegos Capital, dessen Sturz einigen großen Banken der Welt immensen finanziellen Schaden zugefügt hat, unterstrich regelmäßig, wie inspirierend der Glaube für ihn und sei Handeln sei. "Wo kann ich investieren, um Gott zu gefallen?“, lautet die Frage, die sich der bekennende Christ vor seinen Anlageentscheidungen regelmäßig gestellt habe.

Die Antworten, die Hwang sich bislang gab, haben dem gebürtigen Südkoreaner ein Vermögen eingebracht. Schätzungen zufolge soll sein Family Office Archegos Capital zwischen zehn und 20 Milliarden Dollar verwaltet haben.

Family Offices: Praktisch unreguliert

Der Vorteil eines sogenannten Familiy Office, in dem Investoren ihr eigenes Vermögen verwalten, liegt darin, dass sie praktisch keinen regulatorischen Anforderungen und Publizitätspflichten unterliegen. Das ist bei anderen Konstruktionen wie beispielsweise Hedgefonds, die mit dem Vermögen anderer Personen Geschäfte machen, anders: Sie müssen bei der US-Börsenaufsicht SEC registriert sein und quartalsweise über die Anlagen in ihrem Portfolio berichten.

Außerdem sind sie verpflichtet, auch Daten über die Eigentümerstruktur, das verwaltete Vermögen und die Kontakte zu Banken offenzulegen. Für vermögende Privatleute ist ein Family Office deshalb eine ideale Möglichkeit, die Milliarden abseits von Öffentlichkeit und Regulierungsbehörden zu bewegen und Geschäfte zu tätigen, die nicht unbedingt bekannt werden sollen. Welcher Superreiche wünscht sich schon, dass seine Investitionen im Detail von einer breiten Öffentlichkeit diskutiert werden können?    

Das ist auch der Grund, warum über Hwangs Wetten nur wenige Einzelheiten bekannt sind. Auslöser für die Probleme bei Archegos war offenbar die Kursentwicklung der Aktie des US-Medienkonzerns ViacomCBS. Vor allem Credit Suisse und die japanische Bank Nomura hat es hart getroffen.

Konkurrenten wie Morgan Stanley, Goldman Sachs, JP Morgan oder die Deutsche Bank, die ebenfalls in Geschäftsbeziehungen zu Archegos standen, hatten sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen können.

Die Warnung missachtet

Für Hwang dürfte die heimlichtuerische Natur eines Family Offices also ein wesentlicher Faktor gewesen sein, denn er ist in seinem Investorenleben wiederholt mit Gesetzen in Konflikt geraten. Im Jahr 2012 warf ihm die US-Börsenaufsicht SEC Insiderhandel vor. Hwang musste 44 Millionen Dollar zahlen, um die Sache aus der Welt zu schaffen.

Hwang habe eine schmerzvolle Lektion gelernt, er wäre gut beraten, diese Warnung zu beachten, riet ihm SEC-Direktor Robert Khuzami in der Mitteilung der Börsenaufsicht.

Khuzamis Warnung blieb ungehört: Im Jahr 2014 verbot ihm ein Gericht in Hongkong für vier Jahre den dortigen Aktienhandel, nachdem Hwang zugegeben hatte, beim Handel mit Titeln chinesischer Banken Insider-Informationen verwendet zu haben. Im Jahr 2013 hatte er sein Family Offive Archegos Capital gegründet.

          

Family Offices werden immer beliebter

Family Offices spielen eine wachsende Rolle als Akteure an den Finanzmärkten. Natürlich wollen viele vermögende Familien ihr Kapital nicht auf äußerst riskante Weise vermehren - und dabei Schiffbruch erleiden wie Hwang. Ziel ist es, das Kapital über Jahre hinaus zu verwalten und Rendite zu erwirtschaften. Die meisten Family Offices seien an langfristigen Investments interessiert, wie eine Studie der Business School Insead herausgefunden hat.

In einer Studie der Analysefirma Campden Research aus dem Jahr 2019 heißt es, sie würden ungefähr sechs Billionen Dollar Vermögen weltweit verwalten. Im Jahr 2020 lag das Family Office der Walton-Familie, der Gründerfamilie des Einzelhändlers Walmart, mit mehr als 160 Milliarden Dollar verwalteten Vermögens an der Spitze.        

Schätzungen der Beratungsfima EY zufolge gibt es global derzeit rund 10.000 Family Offices. Seit Jahren ist die Tendenz steigend. Die meisten Family Offices seien laut Insead in den vergangenen 20 Jahren entstanden. Ein Grund für die Beliebtheit ist nach Ansicht der Experten der Beratungsgesellschaft KPMG schlicht die Tatsache, dass es immer mehr vermögende Familien gibt.     

Wo waren die Aufsichtsbehörden?

Der Zusammenbruch von Archegos könnte nun das Thema Regulierung von Familiy Offices auf die Tagesordnung bringen: Die massiven Transaktionen und Verluste würden Fragen aufwerfen, die Banken und ihr Verhältnis zu Archegos beträfen, kommentierte der demokratische US-Senator Sherrod Brown die Vorfälle. Auch die Behandlung von Family Offices sei zu hinterfragen.   

Die"Financial Times" zitiert Mark Sobel, Chairman des US-Think-Tanks OMFIF, langjähriger und hochrangiger Mitarbeiter im US-Finanzministerium. Er pflichtet Brown bei: Archegos werfe fundamentale Fragen über die Tauglichkeit des Risikomanagments der Banken auf. Zu untersuchen sei auch der regulatorische Blick auf die Interaktionen zwischen Banken und Nicht-Banken - zu denen Family Offices wie wir sahen als potente Akteure an den Finanzmärkten längst gehören.

EZB-Direktorin Isabel Schnabel sagte gegenüber dem "Spiegel", der Kollaps zeige, dass es bei Fonds erhebliche Regulierungslücken gebe. "Zum Glück war es bisher nur ein einzelner Fonds. Dennoch ist das ein Warnsignal, dass es hier erhebliche systemische Risiken gibt, die besser reguliert werden müssen."

Wieso also versorgen Banken eine mindestens zwielichtige Gestalt wie Hwang per Kredit mit Milliarden, die er bei dubiosen Wetten verzocken kann? Und wieso weiß keine Aufsichtsbehörde etwas davon? Fragen, die schnell beantwortet werden sollten.

Crédit Suisse reagiert auf Archegos- und Greensill-Ausfälle
Sabine Hackländer, ARD Zürich
10.04.2021 06:52 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: