Ein aufgeschnittenes Kabelbündel | Bildquelle: dpa

Klimakosten durch Daten EU will umweltfreundlichere Digitalisierung

Stand: 17.12.2020 11:27 Uhr

Mit der Pandemie hat der weltweite Datenverkehr stark zugenommen - was auch Auswirkungen auf das Klima hat. Die EU-Staaten wollen sie für den Verbraucher transparenter machen.

Von Julie Kurz, ARD-Hauptstadtstudio

Das Smartphone ist ein steter Begleiter im täglichen Leben, und doch bleibt es für die meisten eine Blackbox. Was steckt da eigentlich alles drin? Welche Ressourcen wurden verarbeitet? Und welche Elemente könnte man austauschen, anstatt das ganze Handy wegzuschmeißen?

Viele Verbraucher interessieren sich für "Klima-Fußabdruck"

Bis dato müssen Besitzerinnen und Besitzer schon viel Liebe zur Technik haben und sich aktiv auf die Suche machen. Künftig soll das leichter gehen: Ein digitaler Produktpass schwebt den EU-Umweltministern vor - eine Art zweites Preisschild, wenn man so will.  Womöglich mit Hilfe eines Barcodes könnte man künftig schnell Informationen über das Produkt abfragen: wo die Rohstoffe herkommen, unter welchen Bedingungen Produkte entstanden sind und wie viel CO2 dabei ausgestoßen wurde.

Bei den Batterien von Elektroautos soll das bereits im kommenden Jahr getestet werden. So zumindest steht es im Ratsbeschluss der EU-Umweltministerinnen und -minister, der dem ARD-Hauptstadtstudio exklusiv vorab vorliegt. Der Produktpass ist ein zentraler Punkt der Agenda zur umweltfreundlichen Digitalisierung, die jetzt von den EU-Mitgliedstaaten im Umweltrat verabschiedet werden soll.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hatte die nachhaltige Digitalisierung ins Zentrum der deutschen EU-Ratspräsidentschaft gerückt. In einem Beitrag für den "Tagesspiegel" schrieb die Ministerin kürzlich: "Wir werden in Zukunft sicherstellen, dass die entsprechenden Regelungen für Rechenzentren, IT-Server und Elektronikprodukte die europäischen Klimaziele unterstützen und nicht konterkarieren. Die europäischen Klima- und Umweltminister sitzen dann nicht länger am Katzentisch der Entscheidungen. Wir brauchen einen Platz am Steuerpult."

Mehr Daten durch Corona

Es liegt auch an der Corona-Pandemie, dass die Digitalbranche zunehmend ins Visier der Umweltpolitik rückt. Wie groß die Auswirkungen der Pandemie auf Digitalisierung und Umwelt sind, hatte bereits eine Studie des Wuppertal Instituts aus dem Sommer gezeigt. Sie ist während des ersten Lockdowns entstanden.

Die Studie legt dar, wie mit dem Rückgang des Personenverkehrs gleichzeitig das Datenvolumen durch Streaming und Videokonferenzen gestiegen ist. Im Vergleich zum durchschnittlichen Datenvolumen vor Covid-19 wuchs es um zehn Prozent - insbesondere wegen Videokonferenzen (plus 120 Prozent). Zum einen wird durch das Homeoffice der Verkehr reduziert und damit CO2 eingespart; gleichzeitig benötigen Rechenzentren, digitale Infrastruktur und Endgeräte Unmengen von Ressourcen und Energie.

Genau das sei die Krux, meint der Forscher Stephan Ramesohl vom Wuppertal Institut.  "Wenn man sich die drei großen Komponenten der Digitalisierung anschaut - die Endgeräte, die wir nutzen, die Rechenzentren und die dazugehörige Kommunikationsinfrastruktur -, kommt man in der Summe ungefähr auf zwei bis drei Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Das ist in etwa vergleichbar mit dem Anteil, den der internationale Flugverkehr hat."

Schulze fordert "Digital Green Deal"

In der Ratsschlussfolgerung der EU-Umweltminister spricht man deshalb von einer "twin challenge" - einer doppelten Herausforderung: Zum einen müsse die grüne Transformation gelingen, zum andern die digitale Transformation. Die Digitalisierung sei ein "exzellentes Mittel", um klimaneutral zu werden, aber man müsse eben auch die "ökologischen Nachteile limitieren".

Umweltministerin Schulze fordert deshalb einen "Digital Green Deal" in Anlehnung an das Klimaschutz-Konzept der Europäischen Kommission. Die hatte bereits das Ziel formuliert, dass Rechenzentren bis 2030 klimaneutral werden sollen. Achim Berg, der Präsident des Digitalverbands Bitkom, hält das in Deutschland für völlig unrealistisch: "Wir brauchen erstmal einen vernünftigen Energiemix, dann werden die Rechenzentren automatisch dekarbonisiert. Ob wir das bis 2030 schaffen, liegt nicht an uns, sondern an der Politik. Ich persönlich glaube nicht, dass das funktioniert."

Grundsätzlich sieht er seine Branche zu Unrecht an den Pranger gestellt. Man sei nicht der Gegner, sondern Retter, um die Klimaziele zu erreichen. Am Ende ist es wohl beides: Die Digitalisierung ist der Schlüssel für mehr Nachhaltigkeit, aber sie muss selbst auch nachhaltiger werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. März 2020 um 13:55 Uhr.

Korrespondentin

Julie Kurz, NDR Logo NDR

Julie Kurz, NDR

@juliekurz bei Twitter
Darstellung: