Michael Strauss | Bildquelle: Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel

Zum Tod von Michael Strauss Erfolgreich mit den Werten der Jeckes

Stand: 23.10.2020 14:51 Uhr

Nach ihrer Flucht vor dem NS-Regime baute die Familie Strauss einen der größten Konzerne Israels auf. Die Tugenden der Jeckes, der deutschsprachigen Juden, hätten dabei geholfen, sagte Michael Strauss kurz vor seinem Tod.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Während des Interviews mit Michael Strauss vor einem Jahr klingelte sein Handy. Der israelische Unternehmer ging dran. Und natürlich sprach er Hebräisch. Seine Muttersprache war aber eine andere. "Wir haben zu Hause nur Deutsch gesprochen. Meine Eltern konnten eigentlich keine andere Sprache sprechen. Sie konnten nie richtig Hebräisch sprechen", erzählte er damals.

Michael-Peter Strauss wurde 1934 in Ulm geboren. Seine Eltern stammten aus erfolgreichen Unternehmerfamilien. Hilda und Richard Strauss glaubten nicht, dass die Nationalsozialisten ihre Macht bald wieder verlieren würden. Außerdem waren sie überzeugte Zionisten. "Als meine Eltern aus Deutschland auswanderten, war ich zwei Jahre alt. Die Juden in Deutschland hatten damals keine Zukunft. Das haben sie gesehen", so Strauss.

Strauss-Konzern einer der größten in Israel

Den Firmennamen "Strauss" kennen heute jede Israelin und jeder Israeli. Der Lebensmittelkonzern ist eines der größten Unternehmen des Landes. Strauss stellt zum Beispiel Kaffee her, Hummus, Schokolade und Wasserspender.

Am Anfang standen jedoch Molkereiprodukte: Desserts, Käse und Milch. Mit Rezepten aus der alten Heimat. Die Familie lebte damals in Naharija, einer Stadt im Norden des heutigen Israels. Dort lebten viele Jeckes, wie deutschsprachige Juden in Israel bis heute genannt werden.

Für die Familie Strauss waren die ersten Jahre eine schwierige Zeit. Zu Beginn lebten sie in einer einfachen Hütte und kauften sich zwei Kühe. Seine Eltern hätten dabei mit dem, was sie zuvor in Deutschland gelernt oder studiert hatten, nichts anfangen können, erzählte Strauss einmal. "Mein Vater ist jeden Tag um vier Uhr aufgestanden und hat angefangen zu arbeiten. Und wir haben die Milch mit Fahrrädern verteilt. Und mit einem Esel."

Michael Strauss als junger Mann einer Fabrik des Familienunternehmens
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Aus dem zunächst kleinen Betrieb entwickelte die Familie von Michael Strauss - hier als junger Mann in einer Fabrik - ein Großunternehmen.

Inmitten der politischen Konflikte

Den Nationalsozialisten entkommen, wurde die Familie Strauss mit neuen Konflikten konfrontiert. Im damaligen Mandatsgebiet Palästina kam es immer wieder zu Konfrontationen mit Arabern und britischen Soldaten. Die Familie unterstützte die damalige jüdische Untergrundorganisation Haganah, versteckte Munition in Milchkannen. Und der Jugendliche Michael fuhr nachts schon mal aufs Meer hinaus und half jüdischen Einwanderern an Land, obwohl die britische Mandatsmacht das nicht erlaubte.

Die Geschichte der Familie Strauss steht stellvertretend für die Geschichte des Staates Israel. Die Staatsgründung wenige Jahre nach dem Holocaust. Die vielen Kriege in den Jahrzehnten danach. Die Wirtschaftskrisen eines weitgehend isolierten Landes. Michael Strauss sagte dazu: "Wir haben es trotzdem geschafft."

Zu Deutschland habe seine Familie immer ein enges Verhältnis gehabt. "100 Prozent gibt es Emotionen. Das geht nicht weg. Das bleibt", sagte Strauss. "Bei uns zu Hause gibt es Spätzle mit Linsen. Und meine Enkelkinder sind sehr happy mit Spätzle. Wir versuchen die Tradition zu halten. Auch von meinen Eltern."

Konzern hat weltweit 15.000 Mitarbeiter

Der Holocaust sei nicht vergessen, sagte Michael Strauss. Die Nähe zum heutigen Deutschland aber kein Problem mehr. Michael Strauss gab die Führung des Unternehmens vor 20 Jahren an seine Tochter Ofra ab. Auch sie spricht Deutsch. Mittlerweile hat der Konzern weltweit 15.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Unternehmen, das seine deutsch-jüdischen Wurzeln nicht vergessen will.

Die Werte und Tugenden der Jeckes, so sah es Michael Strauss, haben zum Erfolg des Unternehmens beigetragen. "Man sagt doch bei uns in Deutschland: Von nix kommt nix. In Ulm sagt man: Schaffe, schaffe, Häusle baue. Also: Sehen Sie!" Michael Strauss starb im Alter von 86 Jahren in einem Krankenhaus in Tel Aviv.

Eine „Jeckes“-Dynastie in Israel: Zum Tod von Michael Strauss
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
23.10.2020 13:21 Uhr

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