Ampullen vom BioNTec/Pfizer Impfstoff gegen Covid-19 | Bildquelle: dpa

Rolle der Pharmakonzerne Wer hat den Corona-Impfstoff erfunden?

Stand: 23.01.2021 21:33 Uhr

Niemals zuvor haben Forscher so schnell einen Impfstoff entwickelt. Die Pharmaindustrie feiert das als Erfolg. Doch welche Rolle haben die großen Konzerne tatsächlich gespielt?

Von Christian Baars und Oda Lambrecht, NDR

Von der Entdeckung des neuen Coronavirus bis zur Zulassung des ersten Impfstoffs hat es nicht einmal ein Jahr gedauert. Nie zuvor wurde ein Impfstoff so schnell entwickelt. Die Pharmabranche zeigt sich stolz. "Ich denke, wir von der Industrie sind da, um der Pandemie ein Ende zu bereiten", erklärte Thomas Cueni, Generalsekretär des Internationalen Pharmaverbandes (IFPMA), in einer virtuellen Pressekonferenz im Dezember. Der Verband vertritt die großen Pharmakonzerne der Welt.

Doch was haben die Pharmariesen konkret zur Forschung beigetragen? Haben sie die Impfstoff-Technologien erfunden? Welche Rolle spielten Biotech-Firmen, welche öffentliche Forschungseinrichtungen? Und wer wird am Ende von der Corona-Impfstoffentwicklung profitieren?

Pfizer zeigt sich stolz

Albert Bourla.
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Pfizer-Chef Bourla ist stolz auf die Leistung seines Unternehmens.

Zu den Gewinnern gehört auf jeden Fall der US-Pharmakonzern Pfizer. Das Unternehmen hat gemeinsam mit der Mainzer Firma BioNTech den ersten Corona-Impfstoff auf den Markt gebracht, der alle klinischen Studien durchlaufen hat. Entsprechend stolz war auch Pfizer-Chef Albert Bourla in der Pressekonferenz des Internationalen Pharmaverbandes (IFPMA). Es zeige sich, "dass in diesem privaten Sektor wirklich etwas Mächtiges und Wertvolles für die Gesellschaft steckt", sagte Bourla.

Und in einem aktuellen Werbevideo feiert sich das Unternehmen mit viel Pathos. Seit mehr als 170 Jahre sorge es für medizinische Durchbrüche. "Und jetzt haben wir die größte Gesundheitskrise unserer Zeit durchbrochen: Mit unserem Partner haben wir einen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt", heißt es in dem Video. Namentlich genannt wird der Partner BioNTech allerdings nur nach dem Spot - klein gedruckt im Abspann.

Grundlagenforschung von Unis

Dabei hat Pfizer die bahnbrechende neue Technologie für den Corona-Impfstoff gar nicht selbst erfunden. Der US-Konzern stieg erst im März in das Impfstoff-Projekt bei BioNTech ein. Da hatte das Mainzer Unternehmen bereits mehrere aussichtsreiche Impfstoff-Kandidaten in der Entwicklung. Und dem vorausgegangen waren jahrzehntelange Vorarbeiten an Universitäten. An einem möglichen Einsatz der mRNA-Technologie für Medikamente oder Impfstoffe forschen Wissenschaftler an öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen weltweit seit mehr als 50 Jahren. In vielen kleinen Schritten sind sie dabei vorangekommen.

Impfstoff-Fläschen von Biontech / Pfizer.
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BioNTech und Pfizer haben zusammen einen Corona-Impfstoff auf den Markt gebracht.

"Wenn wir uns die Schlüsseltechnologie hinter dem ansehen, was viele Leute als den Pfizer-Impfstoff bezeichnen, gab es eine Reihe von verschiedenen Einrichtungen, die dazu beigetragen haben", sagt Suerie Moon, Co-Direktorin des Global Health Centre in Genf. Dazu gehöre natürlich die Firma BioNTech. "Aber davor wurde bereits ein Teil der Technologie auch mit öffentlichem Geld entwickelt", so Moon.

BioNTech kooperiert mit Uni in den USA

Drew Weissman.
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Drew Weissman und seine KollegInnen an der Penn Uni forschen schon lange an mRNA.

An der Universität von Pennsylvania etwa forscht Drew Weissman schon lange an mRNA. "Dass ein COVID Impfstoff in nur zehn Monaten entwickelt werden konnte, liegt daran, dass er auf einer Technologie basiert, die wir seit vielen Jahren erforschen", sagte Weissman kürzlich in einem Fernsehinterview. Sie würden seit mehr als 23 Jahren an RNA arbeiten und hätten "jede Menge interessanter Entdeckungen" gemacht. Eine der Forscherin, die daran maßgeblich beteiligt war, ist Katalin Karikó. Sie arbeitet seit 2013 für BioNTech.

Und die Mainzer Firma kooperiert seit 2018 auch offiziell mit der Universität von Pennsylvania bei der Entwicklung von mRNA-Therapien und hat zudem Rechte an Erfindungen der Penn Uni erworben - wie auch von weiteren Unis etwa in Louisiana (USA) und Warschau.

Das Beispiel zeigt, wie es häufig in der Arzneimittel-Entwicklung läuft: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Unis entwickeln die grundlegenden Ansätze und Ideen für neue Wirkstoffe und gründen anschließend selbst ein Start-Up oder kooperieren mit Unternehmen, um daraus ein mögliches Produkt zu entwickeln.

Große Konzerne steigen spät ein

Doch kleine Firmen sind in der Regel nicht in der Lage, Medikamente oder Impfstoffe allein auf den Markt zu bringen. Sie brauchen dafür die großen Pharmakonzerne - wie etwa Pfizer. Denn nach der teils jahrzehntelangen Forschung müssen die Mittel noch in umfangreichen Studien an Probandinnen und Probanden getestet werden. Dieser Teil ist aufwändig und teuer. Dutzende oder gar Hunderte Millionen Euro kosten die abschließenden Studien in der Regel.

Die großen Konzerne haben dafür das nötige Geld, und sie verfügen über die nötigen Strukturen und das Wissen, um die Mittel zur Zulassung zu bringen, zu produzieren, zu vermarkten und rechtliche Fragen zu klären. Pfizer-Konzern-Chef Bourla sagte, sein Unternehmen habe mehr als eine Milliarde Dollar investiert, vor allem in den Aufbau von Produktionskapazitäten.

Firmenlogo an der Pfizer-Firmenzentrale in New York | Bildquelle: AFP
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Pfizer hat sich vor allem um die Studien zum Impfstoff gekümmert.

Generell konzentrieren sich die großen Unternehmen zunehmend auf den abschließenden Teil der Entwicklung - also die großen klinischen Studien, die Produktion und die Zulassung. Aus der frühen Forschung haben sie sich in den vergangenen 20 bis 30 Jahren immer stärker zurückgezogen. Sie hätten dieses Risiko ausgelagert, sagt Pharma-Analyst Daniel Wendorff von der Commerzbank. "Für die Pharmaindustrie hat sich herausgestellt, dass es unter Umständen besser ist: Wir sparen bei der Forschung ein, weil unsere Innovationskraft nicht so stark ist - und wir versuchen dann interessante Kauf-Kandidaten zu finden."

Staatliche Unterstützung für Impfstoffe

Die Entwicklung von Impfstoffen sei dabei generell für die Unternehmen sehr risikoreich, sagt Wendorff. Die Hürden für Sicherheit und Wirksamkeit seien "enorm hoch", und dementsprechend würden die nötigen Studien in der Regel sehr lang dauern. Aber er erklärt, dass dies jetzt während der Pandemie anders sei. Denn es fließe sehr viel staatliches Geld in die Impfstoffforschung gegen das Coronavirus, so Analyst Wendorff, insbesondere in den USA.

Mehrere Staaten haben Milliarden Euro an Förderung bezahlt. Deutschland hatte extra ein Förderprogramm über 750 Millionen Euro aufgelegt - aus dem BioNTech bereits mehr als 300 Millionen erhalten hat und weitere knapp 50 Millionen in diesem Jahr bekommen kann. Außerdem haben viele reiche Länder bereits Lieferverträge im Wert von Dutzenden Milliarden abgeschlossen - und damit das Risiko für die Unternehmen deutlich verringert und die Aussichten auf Profite erhöht.

Analysten rechnen mit Milliardeneinnahmen

Analysten von der US-Investmentbank Morgan Stanley rechnen damit, dass BioNTech und Pfizer allein mehr als 15 Milliarden Euro Umsatz in diesem Jahr mit ihrem Impfstoff erzielen werden. Wie viel sie auf der anderen Seite konkret an Ausgaben haben, ist unklar. Auf Anfrage des NDR teilte Pfizer mit, man habe mehrere Milliarden auf eigenes Risiko investiert, aber genaue Angaben zu den Gesamtausgaben und Herstellungskosten teile man nicht. BioNTech verwies in seiner Antwort lediglich auf Studien, laut denen in der Regel die Entwicklung eines neuen Impfstoffes 1,5 bis 2 Milliarden Euro koste.

Die Genfer Wissenschaftlerin Suerie Moon prognostiziert, dass die Unternehmen noch viele Jahre profitieren können. Es sehe so aus, als ob dieses Virus endemisch geworden sei, sagt sie, also dauerhaft bleiben werde. Niemand erwarte ernsthaft mehr, dass es ausgerottet werden könne, "was bedeutet, dass der Bedarf an Impfstoffen für eine lange Zeit bestehen wird", so Moon - und zwar auf der ganzen Welt. Und man wisse noch nicht, wie lange der Impfschutz hält. Möglicherweise müssten die Menschen jedes Jahr oder alle zwei Jahre neu geimpft werden, erklärt Moon. "Das bedeutet einen potenziell riesigen Markt für diese Produkte, der über Jahre und Jahre andauern wird", so Moon. Die Aussichten sein also "wirklich sehr attraktiv für den privaten Sektor".

Über dieses Thema berichtete Panorama am 21. Januar 2021 um 21:45 Uhr im Ersten.

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