Kursgewinne nach den US-Jobdaten Turbulente Börsenwoche mit Happy-End

Stand: 05.03.2021 22:30 Uhr

Lange waren Anleger hin- und hergerissen zwischen Konjunkturhoffnung und Zinsangst. Schließlich überwog die Hoffnung: Die Wall Street schloss nach einer Berg- und Talfahrt klar im Plus - und polierte noch die Wochenbilanz auf. Für den DAX kam die Wende zu spät.

In den USA kommt der Arbeitsmarkt allmählich wieder in Schwung. Im Februar wurden 379.000 neue Jobs geschaffen - fast 200.000 mehr als von Volkswirten erwartet. Zudem ging die Arbeitslosenquote ein wenig zurück, während Experten mit einer Stagnation gerechnet hatten. Und die Löhne legten zu.

Wehe, wenn die Zinsen steigen!

Die erfreulichen Jobdaten sorgten zunächst für Erleichterung an den Börsen. Doch dann zeigte sich die Kehrseite der Medaille: Die Erholung am US-Arbeitsmarkt trieb die Renditen der zehnjährigen US-Staatsanleihen wieder an - auf gut 1,6 Prozent, den höchsten Stand seit einem Jahr. Prompt zogen die Anleger wieder die Notbremse, die Indizes an der Wall Street rutschten ins Minus. Denn bei steigenden Zinsen werden Anleihen zu einer Alternative gegenüber Aktien. Der Zinsanstieg hatte die Börsen in den vergangenen Tagen bereits teils kräftig ausgebremst.

Gute Konjunkturdaten haben auch ihre Kehrseite

"Je besser die Konjunkturdaten ausfallen, desto größer wird der Zweifel der Finanzmärkte an einer fortgesetzten expansiven Geldpolitik", warnte Ökonom Thomas Gitzel von der VP Bank. "Aus guten Wirtschaftsdaten können damit schlechte Nachrichten für die Märkte werden." Allerdings fehlten dem Arbeitsmarkt weiterhin Millionen an Arbeitsplätzen, bis wieder von Normalität gesprochen werden könne, hieß es von der Helaba.

Wall Street schafft die späte Wende

Am Abend entspannte sich die Lage am Anleihemarkt wieder etwas. Die Rendite für US-Staatspapiere mit zehnjähriger Laufzeit sank wieder auf 1,57 Prozent. So kehrten die Anleger wieder in den Aktienmarkt zurück. Der Dow Jones drehte ins Plus und gewann fast 1,9 Prozent auf 31.496 Punkte, womit sich auf Wochensicht ein fast ebenso hohes Plus ergibt. Der marktbreite S&P 500 legte am Freitag fast zwei Prozent auf 3841 Zähler zu. Auch die zuletzt stark gebeutelte Technologiebörse Nasdaq konnte sich am Freitag deutlich erholen. Der Nasdaq-Index ist seit Mitte Februar um elf Prozent gefallen.

DAX fällt unter 14.000 Punkte

Die späte Wende an der Wall Street konnte dem deutschen Aktienmarkt nicht mehr helfen. Der DAX schloss fast ein Prozent tiefer bei 13.920 Punkten. Dennoch schaffte auch er auf Wochensicht ein Plus von einem Prozent. Fortschritte bei den Corona-Massenimpfungen und ein Etappensieg bei der Verabschiedung des knapp zwei Billionen Dollar schweren Corona-Hilfspakets in den USA hatte zu Beginn der Woche die Inflationssorgen zugunsten von Konjunkturhoffnungen verdrängt. Der Dax stieg zeitweise auf ein Rekordhoch von 14.197 Punkten.

Experten raten zur Gelassenheit

Luca Paolini, Chefanlagestratege des Vermögensverwalters Pictet, rät zur Gelassenheit. "Inflationsbedenken halten wir für verfrüht. Ein Überschießen der Inflationsziele der Zentralbank dürfte nur vorübergehend sein." Auch Blackrock-Marktstratege Martin Lück sieht keine große Gefahr für die Aktienmärkte. Er weist darauf hin, dass die Bond-Renditen im Vergleich zu den Inflationserwartungen bislang unterdurchschnittlich gestiegen seien. "Die im Ergebnis weiter gesunkenen Realzinsen sprechen somit weiterhin für eine Übergewichtung von Aktien." Unter Realzinsen verstehen Ökonomen den Nominalzins abzüglich der Inflationsrate.

Ölpreise auf 14-Monats-Hoch

Die Konjunkturzuversicht spiegelt sich auch am Ölmarkt wider. Die Nordsee-Sorte Brent stieg zum Wochenschluss um 3,4 Prozent auf ein 14-Monats-Hoch von rund 69 Dollar je Barrel (159 Liter). Am Donnerstag hatte sich die "Opec+" darauf geeinigt, die aktuellen Förderbeschränkungen zu verlängern. Nur Russland und Kasachstan wird zugestanden, ihre Produktion auszuweiten. Angesichts der erwarteten Erholung der Weltwirtschaft von den Coronavirus-Folgen könnte der Brent-Preis bis zum Sommer auf über 80 Dollar steigen, prognostizierte Analyst Edward Moya vom Brokerhaus Oanda.

Euro unter 1,19 Dollar

Der erneute Anstieg der langfristigen Zinsen in Amerika stärkte den US-Dollar, der Euro rutschte ab. Die Gemeinschaftswährung fiel am Freitag erstmals seit drei Monaten unter 1,19 US-Dollar. Mit 1,1893 US-Dollar erreichte sie den niedrigsten Stand seit Anfang Dezember. Der Dollar profitiert vom jüngsten Rendite-Anstieg der US-Papiere, weil höhere Zinsen Geld in die USA lockt.

Mehr Aufträge für die deutsche Industrie

Die deutsche Industrie hat im Januar ungeachtet der zweiten Pandemiewelle überraschend viele Aufträge an Land gezogen. Die Bestellungen wuchsen wegen der besseren Nachfrage aus dem Ausland um 1,4 Prozent zum Vormonat. Ökonomen hatten nur mit einem halb so starken Anstieg von 0,7 Prozent gerechnet. Im Dezember hatte es noch einen Rückgang von revidiert 2,2 Prozent gegeben.

Maschinenbauer im Minus

Von Deutschlands Maschinenbauer kamen dagegen enttäuschende Nachrichten. Die Branche ist mit einem Auftragsminus ins Jahr 2021 gestartet. Nach drei Monaten in Folge mit einstelligen Zuwächsen Ende 2020 blieben die Bestellungen im Januar 2021 bereinigt um Preiserhöhungen (real) zehn Prozent unter dem Volumen des Vorjahresmonats, wie der Branchenverband VDMA mitteilte. "Da es im Januar 2020 ungewöhnlich hohe Aufträge für Großanlagengeschäfte aus dem In- und dem Ausland gegeben hatte, lag die Messlatte für den Vorjahresvergleich sehr hoch", erläuterte VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers. Zudem hätten einige Unternehmen über den Jahreswechsel längere Werksferien gemacht.

Versorger gefragt

Zu den wenigen Gewinnern im DAX zählten die Energieversorger RWE und E.ON. Die Bundesregierung hat sich nach jahrelangem Rechtsstreit mit den Energiekonzernen auf eine Entschädigung für den beschleunigten Atomausstieg geeinigt. Wie aus einer gemeinsamen Erklärung von Umwelt-, Finanz- und Wirtschaftsministerium hervorgeht, sollen die Konzerne RWE, Vattenfall, E.ON/PreussenElektra und EnBW gemeinsam 2,43 Milliarden Euro Ausgleich für entgangene Gewinne und umsonst getätigte Investitionen erhalten.

Höhere Anleiherenditen helfen den Banken

Aktien der europäischen Geldhäuser gehörten am Freitag ebenfalls zu den Gewinnern. Die Titel der Deutschen Bank stiegen um 2,1 Prozent. Denn für Banken verbessert sich durch den Renditeanstieg bei Anleihen tendenziell das Geschäft mit Krediten und mit festverzinsten Wertpapieren.

VW erhöht Quotenziel für E-Autos

Die VW-Aktien gewannen über zwei Prozent und kletterten auf den höchsten Stand seit 2015. Die Wolfsburger wollen ihren Anteil reiner Elektrofahrzeuge schneller als bislang geplant erhöhen. In Europa sollen bis zum Ende des Jahrzehnts nun mindestens 70 Prozent der Verkäufe auf ausschließliche Stromer entfallen, kündigte VW-Kernmarken-Chef Ralf Brandstätter an. Das ist eine Verdoppelung der bisher geplanten Absatzquote für batterieelektrische Modelle. Der spanische Staat will zudem mit der spanischen VW-Tochter Seat und dem Energieunternehmen Iberdrola eine Batteriefabrik bauen, wie Industrieministerin Reyes Maroto sagte.

Zudem kündigte VW an, den Wandel zum softwaregetriebenen Mobilitätsanbieter zu beschleunigen. Im nächsten Jahrzehnt wollen die Wolfsburger quer durch die Modellreihen auch selbstfahrende Autos im Angebot haben. "Die E-Mobilität war nur der Anfang, die echte Disruption steht noch bevor", sagte Markenchef Ralf Brandstätter.

ThyssenKrupp will seine Stahlsparte "verselbstständigen"

Nach der Absage des Verkaufs der Stahlsparte will sich der Industriekonzern Thyssenkrupp voll auf die Weiterentwicklung seines Kernbereichs aus eigener Kraft konzentrieren. Mit der Beendigung der Gespräche mit Liberty Steel sei "eine wesentliche Richtungsentscheidung" gefallen, sagte Vorstandschefin Martina Merz in einer Mitarbeiter-Information vom Freitag. "Perspektivisch verfolgen wir dabei nun das Ziel, das Stahlgeschäft zu verselbstständigen", heißt es in dem Schreiben. Für eine Weiterentwicklung aus eigener Kraft müsse der Stahlbereich "noch hart an der eigenen Leistungsfähigkeit arbeiten", betonte Merz. Thyssenkrupp will in seiner Stahlsparte mehr Arbeitsplätze streichen als die bislang geplanten 3000 Stellen.

Nordex macht mehr Wind, aber weniger Gewinn

Der Windkraftanlagenbauer Nordex hat im vergangenen Geschäftsjahr etwas mehr umgesetzt als erwartet. Die Erlöse stiegen um mehr als 41 Prozent auf rund 4,6 Milliarden Euro. Im November hatte Nordex ein Ziel von 4,4 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Das operative Ergebnis sank um knapp ein Viertel auf 94 Millionen Euro. Die Aktien von Nordex büßten drei Prozent ein. Anfang Januar hatten die Papiere im Sog des Erneuerbare-Energien-Booms mit 27,44 Euro ein Mehrjahres-Hoch erreicht, seitdem ging es um ein Viertel abwärts.

Evotec herabgestuft

Im MDAX standen besonders die Aktien des Biotech-Unternehmens Evotec unter Druck. Sie sackten um rund sechs Prozent ab. Grund war offenbar eine Studie der Citigroup. Die US-Bank hat den Wert von "Buy" auf "Neutral" abgestuft, das Kursziel aber auf 32,50 von 28,50 Euro angehoben.

Nestlé kauft Premium-Wassermarke

Die Neuausrichtung des Wassergeschäfts bei Nestlé geht weiter. Am Abend gab der schweizerische Nahrungsmittelriese die Übernahme der US-Wassermarke Essentia bekannt. Vor kurzem hatte Nestlé den Verkauf des Wassergeschäfts in Nordamerika mit den regionalen Quellwassermarken, dem Geschäft mit aufbereitetem Flaschenwasser sowie dem Getränkelieferdienst in den USA und Kanada für 4,3 Milliarden Dollar angekündigt. Nun will sich der Konzern auf Premium-Wassermarken sowie auf lokales Mineralwasser und auf Innovationen wie funktionelles Wasser konzentrieren. Dieses Wasser wird speziell aufbereitet und so zum Beispiel der pH-Wert verändert. Mit dem Kauf von Essentia "können wir im Markt mit funktionellem Wasser eine wichtige Stellung einnehmen", sagte ein Nestlé-Sprecher.

China nimmt sich viel vor

China will in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von "mehr als sechs Prozent" erreichen. Das geht aus dem Arbeitsbericht hervor, den Regierungschef Li Keqiang am Freitag in Peking zur Eröffnung der Jahrestagung des Volkskongresses vorlegte. Nachdem der Premier im Vorjahr wegen der Unsicherheiten durch die Pandemie davon abgesehen hatte, wie sonst üblich eine solche Vorgabe zu machen, setzte er wieder ein Ziel für die zweitgrößte Volkswirtschaft.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. März 2021 um 16:00 Uhr in den Wirtschaftsmeldungen.

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