Ein Mitarbeiter von CureVac arbeitet in einem Labor. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Pandemie Ein Impfstoff "made in Germany"?

Stand: 22.10.2020 17:00 Uhr

Firmen weltweit forschen unter Hochdruck an Corona-Impfstoffen. Auch drei Unternehmen aus Deutschland sind im Rennen. Die Bundesregierung unterstützt sie mit Hunderten Millionen Euro.

Von Oda Lambrecht und Christian Baars, NDR

Noch vor einem Jahr kannten nur wenige dieses Unternehmen aus Mainz: BioNTech. Dort arbeiten zwar etwa 1500 Mitarbeiter, aber es hat in seiner zwölfjährigen Firmengeschichte noch kein einziges Produkt auf den Markt gebracht. Jetzt ist BioNTech auf einmal mehr als 15 Milliarden Euro wert. Und fast die ganze Welt schaut auf die Firma - denn im Rennen um einen möglichen Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 ist sie ganz vorn mit dabei.

Sie hätten ihr Projekt "Lightspeed" genannt - "Lichtgeschwindigkeit" -, um zu zeigen, dass sie so schnell wie möglich arbeiteten, sagte Sirk Poetting aus dem Vorstand von BioNTech auf einer Pressekonferenz Anfang Oktober. Seit März arbeitet BioNTech für die Entwicklung des Impfstoffs mit dem US-amerikanischen Pharmariesen Pfizer zusammen.

Mainz: Der Hauptsitz des Biotechnologie-Unternehmens Biontech | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Die Firma BioNTech in Mainz ist im weltweiten Impfstoff-Rennen ganz vorn dabei.

Zulassung noch dieses Jahr möglich

Unterstützt werden sie dabei auch von der Bundesregierung - mit Fördergeld in Höhe von bis zu 375 Millionen Euro. Das Geld helfe dabei, die Produktionskapazitäten auszubauen und die große, abschließende Studie zu finanzieren, sagte Poetting. Aktuell testen die beiden Unternehmen ihren Impfstoff-Kandidaten in dieser sogenannten Phase-3-Studie. "Bis Ende Oktober könnten wir wissen, ob unser Impfstoff wirkt oder nicht", teilte Pfizer-Chef Albert Bourla vor wenigen Tagen schriftlich mit.

Dann soll es noch einige Wochen dauern, bis auch klar ist, ob das Mittel die Vorgaben für die Sicherheit erfüllt. Er gehe davon aus, dass sie diesen Meilenstein bis zur dritten Novemberwoche erreichen könnten, schreibt Bourla. Sollten die Ergebnisse positiv ausfallen, würden sie in den USA umgehend eine Notfallzulassung beantragen. Und auch in Europa könnte das Mittel dann recht schnell auf den Markt kommen. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA prüft seit Anfang Oktober die Daten zu dem Mittel von BioNTech und Pfizer in einem sogenannten "rolling review"-Verfahren - also noch während der laufenden Studien.

Überblick über Impfstoff-Entwicklung
nachtmagazin 00:35 Uhr, 02.10.2020, Anne Eichhorn, Martin Endt, WDR

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Fokus eigentlich auf Mittel gegen Krebs

Dabei hatten sich die Wissenschaftler der Mainzer Firma ursprünglich auf die Suche nach möglichen Mitteln gegen Krebs konzentriert. Doch das Verfahren, mit dem sie arbeiten, kann auch gegen Viren eingesetzt werden. Sie forschen an Wirkstoffen auf Basis sogenannter Messenger-RNA (mRNA). Die Idee: Teile des Erbmaterials von Tumorzellen oder Viren werden in menschliche Zellen geschleust. Dort bauen diese dann bestimmte, typische Abschnitte des Fremdkörpers nach - auf die wiederum das Immunsystem reagieren soll.

Auch die Firma CureVac aus Tübingen mit etwa 450 Mitarbeitern forscht bereits seit längerer Zeit an Krebsmitteln auf mRNA-Basis und ist ebenfalls seit Anfang des Jahres dabei, einen Covid-19-Impfstoff zu entwickeln. Und noch etwas verbindet die zwei Unternehmen. Hinter beiden stehen jeweils finanzstarke Einzelinvestoren.

Bei BioNTech sind die Hauptanteilseigner die Zwillingsbrüder Thomas und Andreas Strüngmann. Sie hatten die Pharmafirma Hexal gegründet, 2005 dann verkauft und damit Milliarden eingenommen. Seitdem investieren sie in verschiedene Biotechnologie-Unternehmen - unter anderem in BioNTech.

Ex-CureVac-Chef bei Trump

Bei CureVac hält der ehemalige SAP-Mitgründer und Milliardär Dietmar Hopp knapp die Hälfte der Unternehmensanteile. Im März hatte der prominente Investor angekündigt, vielleicht schon im Herbst einen Impfstoff liefern zu können. Kurz zuvor hatte CureVac Schlagzeilen gemacht, weil der damalige Unternehmenschef ins Weiße Haus eingeladen war. Es gab Berichte, dass US-Präsident Donald Trump kurzzeitig erwogen haben soll, die Firma zu kaufen. Das ist nicht passiert. CureVac bestritt, dass es je ein solches Angebot gegeben habe.

Die Bundesregierung jedenfalls hat wenige Monate später, im Juli, über die staatseigene KfW-Bank für 300 Millionen Euro etwa 20 Prozent der Unternehmensanteile gekauft. Außerdem hat sie Fördergeld in Höhe von bis zu 252 Millionen Euro zugesagt. Es gehe darum, Bereiche von hoher industriepolitischer Bedeutung in Deutschland und Europa zu halten, erklärte das Bundeswirtschaftsministerium gegenüber dem NDR, außerdem wolle man wichtige technologische Entwicklungen beschleunigen. Grundsätzlich habe sich die Bundesregierung das Ziel gesetzt, bei der Herstellung von Wirkstoffen sowie in der Impfstoffproduktion unabhängiger zu werden.

Deutschland und Katar als Anteilseigner

Neben dem deutschen Staat sind bei CureVac unter anderem auch der katarische Staatsfonds und das britische Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline (GSK) eingestiegen.

Mittlerweile peilt das Unternehmen eine Zulassung für Mitte kommenden Jahres an, erklärte Forschungsleiterin Mariola Fotin Mleczek Anfang Oktober. Das sei die aktuelle Planung. Inzwischen räumte auch Hauptinvestor Hopp ein, das Rennen um den schnellsten Impfstoff könnten sie nicht mehr gewinnen. "Aber wir wollen das Rennen um den besten Impfstoff gewinnen, und da haben wir gute Chancen", sagte er im September dem Handelsblatt.

Unklar, welches das beste Mittel sein kann

Doch ob das CureVac-Mittel am Ende tatsächlich besser wirkt oder verträglicher ist als andere, ist vollkommen unklar. Um das beurteilen zu können, seien Ergebnisse der großen Phase-3-Studien nötig, sagt Thomas Mertens. Der Virologe ist Vorsitzender der Impfstoffkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI). Solche Daten gibt es bislang von keinem Mittel. CureVac will seine Phase-3-Studie Ende des Jahres starten - vorausgesetzt, die aktuell laufenden Tests verlaufen zufriedenstellend.

Am Ende könnte es auch sein, sagt Mertens, dass sich noch ein ganz anderes Mittel als besonders gut und effektiv herausstellt. Immerhin arbeiten Forscher laut der Weltgesundheitsorganisation an fast 200 verschiedenen Covid-19-Impfstoffen.

Öffentliches Forschungsprojekt

Auch das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) ist mit einem Impfstoff-Kandidaten im Rennen. An den drei Standorten in München, Marburg und Hamburg haben Wissenschaftler ein Mittel entwickelt, das sie nun zusammen mit dem Dessauer Unternehmen IDT Biologika herstellen und erproben wollen. Im Oktober wurden die ersten Probanden in Hamburg geimpft. Unterstützt wird dieses Projekt ebenfalls von der Bundesregierung. IDT Biologika ist die dritte Firma, die aus dem Sonderförderprogramm Geld bekommt, und zwar bis zu 114 Millionen Euro.

Dieses dritte Projekt wurde bislang in öffentlichen Einrichtungen entwickelt. Und im Gegensatz zu BioNTech und CureVac, die mittlerweile an der amerikanischen Börse NASDAQ notiert sind, befindet sich die IDT Biologika mit rund 1600 Angestellten noch komplett im Besitz einer Unternehmerfamilie. Eigentümer sind die Brüder Stefan und Carsten Klocke aus Baden-Württemberg.

Das Unternehmen hat bereits eine deutlich längere Geschichte als die beiden Start-Ups aus Mainz und Tübingen. IDT Biologika wurde vor knapp 100 Jahren gegründet, nach dem Mauerfall wurde das ehemalige DDR-Impfstoffwerk privatisiert.

Etablierter Ansatz

Nicht nur strukturell, auch beim Forschungsansatz unterscheidet sich das DZIF-Projekt von BioNTech und CureVac. Die DZIF-Wissenschaftler setzen auf einen bereits als Impfstoff erprobten Ansatz, auf einen sogenannten Vektor-Impfstoff. Hier dient ein harmloses Virus quasi als Transportmittel, um Teile der Erbinformationen des Coronavirus in den Körper zu schleusen. Dieser neue Impfstoff baut auf ältere Forschungen auf. Das genutzte Trägervirus wurde schon vor mehr als 30 Jahren an der Universität München als sicherer Impfstoff gegen Pocken entwickelt und bereits für die Erforschung eines Mittels gegen das MERS-Virus - ein anderes bereits bekanntes Coronavirus - verwendet.

Mit einer Zulassung ihres Covid-19-Impfstoffs rechnen die DZIF-Forscher und IDT-Biologika-Mitarbeiter allerdings nicht vor Ende kommenden Jahres. Doch auch dann wird die Pandemie voraussichtlich noch nicht vorbei sein. Experten rechnen damit, dass langfristig mehrere, ganz verschiedene Impfstoffe benötigt werden. Denn bei manchen Menschen könnte der ein oder andere besser oder schlechter funktionieren. Vielleicht wird der wirklich beste Impfstoff derzeit noch gar nicht getestet. Auch in Deutschland suchen Wissenschaftler noch in weiteren Projekten nach einem Mittel gegen das Coronavirus.

Über dieses Thema berichtete das Nachtmagazin am 02. Oktober 2020 um 00:35 Uhr.

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Christian Baars, NDR Logo NDR

Christian Baars, NDR

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