Zahlreiche Lkw stehen vor dem Hafen von Dover im Stau. | Bildquelle: dpa

Brexit-Folgen für die Logistik Mehr als nur Papierkram

Stand: 17.12.2020 09:26 Uhr

Schier unendliche Lkw-Schlangen vor den Häfen am Ärmelkanal: Dieses Bild dürfte nach dem Brexit Normalität sein. Spediteure und ihre Kunden fürchten sich vor einem Bürokratie-Monster - und bangen um ihre Existenzen.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Jon Swallow ist Geschäftsführer des Logistikdienstleisters Jordan Freight. Sein Unternehmen fungiert an der Schnittstelle zwischen Kunden und Spediteuren, koordiniert den Transport von Waren und erledigt - so weit wie möglich - den Papierkram. Der Brexit, sagt Swallow, werde viel Bürokratie bedeuten und deshalb suche man nun neue Mitarbeiter.

"Unabhängig davon, ob es einen Deal gibt oder nicht, der durch den Brexit verursachte Arbeitsaufwand wird gleich hoch sein", meint Swallow. "Das wird die Arbeit von mindestens zwei Leuten sein." Derzeit bestehe das Unternehmen aus zwölf Mitarbeitern, für den Brexit müsse man dann auf 14 aufstocken. "Das verursacht ziemlich hohe Kosten, für die irgendjemand aufkommen muss."

Zölle könnten das Geschäft unrentabel machen

Zunächst einmal dürften Swallows Kunden die Mehrkosten begleichen müssen - was allerdings dazu beitragen könnte, dass er Kunden verliert: "Es tut mir sehr leid für unsere Kunden, denn allein die Bearbeitungsgebühren und die Zölle könnten dafür sorgen, dass deren Geschäft unrentabel wird."

Die Gewinnspannen seiner Kunden seien häufig gering, erklärt Swallow. Die Unternehmen müssten aber auch deshalb mit höheren Kosten rechnen, weil es beim Warenverkehr zu Verzögerungen kommen werde. Für diesen Mehraufwand plane man einen weiteren Tag ein, so Swallow, weil man die Zollkontrollen mit einrechnen müsse.

Am Ende dieser Kette stehen die Verbraucher. Denn wenn der Transport von Waren teurer wird, dann werden künftig auch die Verbraucher mehr für diese Waren bezahlen müssen - was umso mehr gilt, falls auch noch Zölle fällig werden.

Lkw stehen in Warteschlangen vor dem Hafen von Folkestone. | Bildquelle: dpa
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Lastwagen in Warteschlangen vor dem Hafen von Folkestone: "Die Staus werden ein großes Problem".

Die Lkw-Fahrer plagen Existenzsorgen

Tomaz, ein ungarischer Lkw-Fahrer, fürchtet ebenfalls, künftig weniger in der Tasche zu haben. Er arbeitet in Großbritannien und ist über den Brexit gar nicht glücklich. Ihm macht der Wertverlust des Pfundes Sorgen, denn er will Geld nach Hause schicken.

Auch der junge Rumäne Ionut pendelt mit seinem Lkw regelmäßig zwischen dem Kontinent und Großbritannien. Er stellt sich schon auf diverse Kontrollen und Sicherheitschecks ein - und auf lange Warteschlangen: "Die Staus werden ein großes Problem für die Lkw-Fahrer sein", sagt er.

Dabei ist Ionut noch gut dran, denn er wird pro Stunde bezahlt und verdient damit sein Geld, egal, ob er Strecke macht oder im Stau steht. Viele Lkw-Fahrer in der EU werden aber nach Kilometern bezahlt - und wollen die Touren nach Großbritannien deshalb nicht mehr machen.

Nachteile für Großbritannien?

Das bereitet auch Jon Swallow als Logistikdienstleister Probleme: "Wir sind auf EU-Fahrer angewiesen, fast zu 100 Prozent", sagt er. "Viele werden nicht mehr kommen. Und diejenigen, die wir gesprochen haben und die gesagt haben, dass sie noch kommen werden, haben klargemacht, dass sie mehr Geld wollen."

Auch an diesem Punkt dreht sich also die Kostenschraube. Swallow macht sich Gedanken, was das für die Zukunft bedeutet. Er glaubt, dass der Lauf der Dinge für Großbritannien nachteilhaft sein wird. Sein Fazit: Schon in wenigen Wochen wird nichts mehr so gut sein, wie es einmal war.

Mehr als Papierkram - was der Brexit bedeutet
Imke Köhler, ARD London
17.12.2020 08:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 im Morgenecho am 17. Dezember 2020 um 08:45 Uhr.

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