Der Streamingdienst Netflix legt in der Corona-Krise Rekordzahlen vor. | Bildquelle: AFP

Starke Wachstumszahlen Streaming-Boom ohne Ende?

Stand: 20.10.2020 06:45 Uhr

Keine Frage: Die Streaming-Branche gehört zu den großen Profiteuren der Corona-Krise, auch hier wirkten die Einschränkungen des öffentlichen Lebens als Trendbeschleuniger. Und noch ist kein Ende des Wachstums in Sicht, auch wenn der Wettbewerb immer härter wird.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Wie beliebt die Streaming-Angebote inzwischen sind, lässt sich gut an den Zahlen des Marktführers Netflix ablesen: Allein im ersten halben Jahr konnte Netflix 26 Millionen neue Abonnenten gewinnen, 15,8 Millionen im ersten Quartal und 10,1 Millionen im zweiten Quartal. Zum Vergleich: Im zweiten Quartal 2019 sind lediglich 2,7 Millionen neue Kunden hinzugekommen.

Im dritten Quartal, das die Sommermonate Juli, August und September umfasst, dürfte das Wachstum wegen den gelockerten Ausgangs- und Reisebeschränkungen deutlich geringer ausgefallen sein. Während Netflix 2,5 Millionen neue Abonnenten erwartet, gehen die Analysten im Schnitt von 3,6 Millionen aus. Dennoch sollten die Einnahmen sowie das Ergebnis zweistellig gestiegen sein. Die tatsächlichen Zahlen gibt Netflix heute Abend um 22 Uhr bekannt.

Jeder Zweite hierzulande hat ein Streaming-Abo

Selbst in Deutschland, das nicht gerade zu den Vorreitern im Internet gehört, nutzt inzwischen jeder Zweite regelmäßig ein Streaming-Abo. Das geht aus einer Studie der Zeitschrift "TV Spielfilm" hervor, für die das Marktforschungsinstitut GfK im April und Mai dieses Jahres 2.000 Menschen befragt hat.

Danach streamen 54 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens einmal im Monat bei einem kostenpflichtigen Anbieter. Im Vorjahr waren es noch 49 Prozent, 2018 erst 41 Prozent. Bei den unter 30-Jährigen haben der Umfrage zufolge sogar 82 Prozent ein Streaming-Abo. Anders als in Frankreich und Großbritannien kann sich hierzulande Amazon als Marktführer behaupten - vor Netflix. Genaue Nutzer-Zahlen veröffentlicht Amazon nicht, doch Schätzungen zufolge hat Netflix zuletzt deutlich aufgeholt.

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Qual der Wahl

Dabei können die Kunden inzwischen unter immer mehr Anbietern auswählen. Neben Netflix als "First Mover" und unangefochtenem Marktführer mit 200 Millionen zahlenden Nutzern, hat sich seit letztem Jahr auch Walt Disney auf diesen Markt konzentriert. Jüngst kündigte der Unterhaltungsriese sogar eine noch stärkere Fokussierung auf die Streamingangebote an.

Dazu soll das TV- und Filmgeschäft mit den Online-Videodiensten in einer Sparte gebündelt werden, um das Medien- und Werbegeschäft besser mit den Online-Angeboten zu verknüpfen und Inhalte zugänglicher für die Streaming-Plattformen zu machen. Neben Disney+ will der Konzern mit dem Umbau auch die anderen On-Demand-Videodienste wie ESPN+ und Hulu stärker entwickeln.

Auf Dividenden verzichten

Tatsächlich hat die Corona-Pandemie Disneys Vergnügungsimperium mit Parks und Kreuzfahrten lahmgelegt, jüngst erst wurde die Entlassung von 28.000 Mitarbeitern angekündigt. Die neue Struktur habe damit aber nichts zu tun, beteuerte Konzernchef Bob Chapek im US-Sender CNBC. Es gehe allein darum, "strategisch das Richtige zu tun". Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Disney steht nämlich seit Monaten unter Druck des aktivistischen Investors Daniel Loeb. Der fordert von dem Unternehmen, dauerhaft auf die Ausschüttung einer Dividende zu verzichten. Stattdessen solle mit den Geldern das Streaminggeschäft ausgebaut werden. Drei Milliarden Dollar an jährlichen Dividenden seien besser zu verwenden als sie an die Anteilseigner auszuschütten, schrieb der gefürchtete Hedgefondsmanager in einem Brief an den Konzern.

Disney verfügt seit der Übernahme des Filmstudios 21st Century Fox über eines der größten Film- und Serienangebote der Branche, hat also ein enormes Entwicklungspotenzial. Auch soll der nun mehrheitlich kontrollierte Videostreaming-Dienst Hulu, der bisher nur in den USA zugänglich ist, ausgebaut werden. Im kommenden Jahr ist auch eine Expansion nach Europa geplant.

Netflix-Aktie um 60 Prozent gestiegen

Dennoch hinkt Disney auch an der Börse weit hinter Netflix her. So ist der Aktienkurs des Marktführers seit Jahresbeginn um 60 Prozent gestiegen, auf zuletzt 530 Dollar. Damit wird Netflix an der Börse mit 233 Milliarden Dollar (rund 200 Milliarden Euro) bewertet. Das ist mehr, als der deutsche Vorzeigekonzern SAP auf die Waage bringt.

Dagegen leidet die Disney-Aktie weiter unter den Corona-Beschränkungen, notiert noch knapp 20 Prozent tiefer als zu Jahresbeginn. Doch Disney+ wächst rapide und verzeichnet nur neun Monate nach dem Start bereits 60,5 Millionen zahlende Abonnenten weltweit. Auf 24 Millionen zahlende Kunden schafft es ein anderer US-Anbieter: Sky, eine Tochter des Kabelkonzerns Comcast. Allerdings ist Sky in Europa nur in Großbritannien, Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien abrufbar.

Apple ködert Kunden mit Dumpingpreisen

In den USA ist überdies HBO Max mit seinen herausragenden Eigenproduktionen auf dem Vormarsch. Apple TV+ läuft bislang noch unter ferner liefen, doch auch hier werden enorme Anstrengungen unternommen. So ködert Apple derzeit seine Kunden mit dem Angebot, Apple TV+ für ein Jahr gratis zu nutzen, dann 4,99 Euro pro Monat zu zahlen.

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Denn auch Apple will ein Stück von dem immer größer werdenden Kuchen des Streamingmarktes. In diesem Jahr dürfte sich der Umsatz im Segment Video-on-demand auf rund 54 Milliarden Euro summieren - und bis 2025 auf 85 Milliarden Euro ansteigen, ein Plus von 9,5 Prozent pro Jahr. Jeden Monat, so die Schätzungen von Experten, lassen sich im Schnitt 10 Euro pro zahlendem Abonnenten einnehmen.

Werden die Abos bald teurer?

Zwar weiß derzeit niemand wie sich das Streamingverhalten der Menschen entwickelt, wenn die Covid-Pandemie überwunden ist und die Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden können. Doch die meisten Experten gehen davon aus, dass sich an den Gewohnheiten wenig ändern werde. Die US-Investmentbank Piper Sandler ist deshalb überzeugt, dass die Streaming-Anbieter ihre Preise anheben könnten, ohne Kunden zu verlieren. Laut einer Befragung sei eine Mehrheit der Netflix-Nutzer im Frühjahr bereit gewesen, 20 Prozent mehr für ihr Abonnement zu zahlen.

Der immer schärfer werdende Wettbewerb hat einen solchen Schritt bisher verhindert. Doch sollte der Markt tatsächlich so kräftig weiterwachsen wie prognostiziert, dürften auch die Preise anziehen und noch mehr Geld in die Kassen der Anbieter spülen.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. Oktober 2020 um 07:38 Uhr.

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