Daimler in der Krise

Vorstand und Betriebsrat streiten Dicke Luft bei Daimler

Stand: 30.11.2020 17:45 Uhr

Nach friedlicher Vorweihnachtszeit sieht es beim Stuttgarter Autobauer derzeit nicht aus. Betriebsrat und Vorstand streiten über den künftigen Kurs und die Sparpläne. Diese Woche könnte die Lage eskalieren.

Am Donnerstag wollen Betriebsrat und Gewerkschaft symbolisch 170.000 Protest-Postkarten dem Daimler-Vorstandschef Ola Källenius und dem Aufsichtsratschef Manfred Bischoff überreichen - eine Karte steht für jeden Daimler-Mitarbeiter. 170.000 Postkarten konnten zwar nicht eingesammelt werden, aber mehrere Zehntausend dürften es schon sein, erklärte ein Sprecher des Betriebsrats gegenüber tagesschau.de. Weitere Protestaktionen könnten folgen - vor den mit Spannung erwarteten Tarifauseinandersetzungen.

"Transformation, Covid, Rezession. Die Belegschaft leistet bei allen Herausforderungen ihren Beitrag: Qualifikation, Hygieneregeln, Sparbeitrag. Doch es reicht dem Vorstand nicht", kritisiert der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Michael Brecht. "In den Werken zittern die Beschäftigten und haben Angst um ihre Zukunft. Die Belegschaft in der Verwaltung fühlt sich verstoßen."

Motorenproduktion in China statt in Deutschland

Für Unmut sorgten zuerst die Pläne des Autobauers, die Motorenproduktion nach China zu verlegen. "Wir sind fassungslos. Nicht einmal Diskussionen über alternative Fertigungsstandorte waren möglich", schimpfte Michael Häberle, Betriebsratschef im Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim. Der Standort könne ebenfalls Vierzylindermotoren fertigen.

Besonders verärgert zeigte sich der Betriebsrat über die Ankündigung des Daimler-Managements, unbefristete 40-Stunden-Verträge zu kündigen. Dies führt dazu, dass die Betroffenen nur noch die üblichen 35 Stunden pro Woche arbeiten dürfen und entsprechend weniger verdienen.

Verlagerung der Kurbelwellenfertigung nach Untertürkheim

Nun heizen die Standortpläne für die neue Kurbelwellenfertigung den Streit mit dem Betriebsrat weiter an. Das Daimler-Management plant, die Kurbelwellen künftig im Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim zu produzieren. Das würde das geplante E-Campus, das Kompetenzzentrum Elektromobilität im Stammwerk gefährden. Denn für das Campus und die Kurbelwellenproduktion ist nicht ausreichend Platz auf dem Gelände vorhanden.

Die zwei Daimler-Vorstände Markus Schäfer und Jörg Burzer drohen gar mit dem Aus für das geplante Kompetenzzentrum für Elektromobilität, sollten die Arbeitnehmervertreter weiter auf ihren Forderungen beharren. Der Betriebsrat besteht darauf, dass für wegfallende Arbeit im Zuge des Umstiegs auf E-Autos eine Kompensation in Form anderer Produktionsaufträge geschaffen wird - so wie es einst mit dem Unternehmen vereinbart worden war.

Kein Platz mehr für das E-Campus?

Zwar seien die vor einem Jahr geschlossenen Vereinbarungen aus damaliger Sicht sinnvoll und richtig gewesen, doch die Lage habe sich grundlegend verändert, kontern die Manager. "Festhalten am Status quo ist daher keine Option." Klar sei: "Kommt die neue Kurbelwellenfertigung in vollem Umfang nach Untertürkheim, müssen wir für den Campus Mercedes-Benz Drive Systems alternative Szenarien prüfen. Denn eine Bündelung von Zukunftstechnologien ist dann aus Platzgründen in Untertürkheim nicht mehr möglich."

Eine Daimler-Sprecherin bestätigte, dass derzeit verschiedene Alternativen geprüft würden. Um wie geplant Zukunftstechnologien in Untertürkheim umzusetzen, müssten dort entsprechende Voraussetzungen zum Beispiel bei den Flächen geschaffen werden. Dazu gehöre auch, dass nicht am angestammten Portfolio festgehalten werden könne. Man strebe aber weiterhin eine konstruktive Lösung zusammen mit den Arbeitnehmervertretern an.

"Ein Trojanisches Pferd"

Der Untertürkheimer Betriebsratschef Häberle spricht von einem "Schlag ins Gesicht". Der Vorstand verunsichere die Arbeitnehmer zusätzlich, indem er drohe, wichtige Zukunftsthemen an andere Standorte zu geben. "Wir haben zunehmend den Eindruck, dass der angebotene E-Campus in erster Linie ein 'Trojanisches Pferd' ist, mit dem der Vorstand versucht, in Untertürkheim vereinbarte Regelungen zu kippen und bereits heute einen Abbau von Arbeitsplätzen künstlich zu erzwingen", befürchtet Häberle.

Auch im Truck-Bereich ist die Stimmung aufgeheizt. Dort stehen Tausende Stellen zur Disposition. "Kahlschlag droht, wenn wir uns nicht wehren!", hatten die Betriebsräte mehrerer Standorte kürzlich an die Beschäftigten geschrieben. "Das können wir so nicht stehenlassen", antwortete in einem Schreiben das Management, darunter Daimler-Trucks-Vorstandschef Daum und Personalvorstand Jürgen Hartwig. "Kahlschlag" unterstelle, "dass wir willkürlich Arbeitsplätze abbauen wollen, und das ist schlicht falsch".

Kahlschlag im Trucks-Bereich?

Man müsse einerseits die Kosten senken, vor allem in Europa, und andererseits die technologische Transformation schaffen. Man suche den Dialog mit den Arbeitnehmervertretern, um gemeinsam die besten Lösungen zu finden. "Aber eines wollen wir Ihnen ganz offen sagen: Wir können nur Maßnahmen ergreifen, die wirtschaftlich sind", schreibt das Management. Daher müsse man sich darauf einstellen, dass in einigen Bereichen Beschäftigung wegfallen werde.

Sollte sich die Situation in der Autobranche in den nächsten Monaten nicht weiter verbessern, könnte sich der Streit zwischen Arbeitnehmern und Vorstand weiter hochschaukeln. Selbst der einst um Kompromisse bemühte Betriebsratschef, der 55-jährige Brecht, gibt sich inzwischen ungewohnt kämpferisch. "Der Vorstand schießt übers Ziel hinaus. Die Belegschaft ist doch nicht der Feind", sagte Brecht jüngst dem "Handelsblatt". Er beklagt, dass die Argumente der Betriebsräte teilweise gar nicht mehr gehört würden. "Eine Beziehung, in der man sich weigert, aufeinander zu gehen, hält nicht lange", moniert Brecht.

Brecht: Management "beratungsresistent"

Auch die Kündigung der 40-Stunden-Verträge hält er für voreilig. Das Daimler-Management agiere derzeit beratungsresistent, schimpft der stellvertretende Aufsichtsratschef Brecht. Immerhin: Noch schließt die Konzernführung betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis 2029 aus. "Wir sind noch weit weg vom Arbeitskampf", betont ein Betriebsratssprecher gegenüber tagesschau.de.

nb

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete SWR aktuell Baden-Württemberg am 06. Oktober 2020 um 16:00 Uhr.

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