Bürger horten Bargeld Einkaufsgutschein gegen Konsumstau?

Stand: 29.03.2021 13:12 Uhr

In den USA gab es Gratisschecks für jeden Bürger - jetzt schlägt der deutsche Einzelhandel ähnliches vor: Konsumgutscheine zur Ankurbelung der Wirtschaft. Dabei gibt es längst einen Konsumstau.

Der deutsche Einzelhandelsverband HDE macht sich dafür stark, dass jeder Bundesbürger einen 500-Euro-Einkaufsgutschein erhält. Auf diese Weise solle die Konsumlust der Deutschen angeregt werden. HDE-Hauptgeschäftsführer Genth schlägt vor, dass Arbeitnehmer das Geld über die Lohnabrechnung erhalten. Für Rentner wäre laut Genth eine Auszahlung über die Rentenkasse möglich, Transferempfänger könnten über die Arbeitsämter erreicht werden. Freiberufler und Selbständige schließlich könnten ein ähnliches Antrags- und Auszahlungsverfahren wie bei den Soforthilfen nutzen.

Als Vorbild dienen die USA. Die Regierung in Washington hat Gratis-Schecks in Höhe von 1.400 Dollar für alle Amerikaner mit einem Jahreseinkommen von unter 80.000 Dollar ausgegeben. Ein Teil des Gelds wird in den Konsum fließen, die wichtigste Stütze der US-Wirtschaft.

Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE) | Bildquelle: picture alliance/dpa
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HDE-Geschäftsführer Genth schlägt Gutscheine zur Wiederbelebung des Konsums in Deutschland vor.

Deutsche horten ihr Geld

Dabei ist es weniger der Mangel an Mitteln, die die Konsumflaute ausgelöst hat, sondern vielmehr die Verunsicherung in der Pandemie: Aus Angst vor der ungewissen Zukunft und Arbeitsplatzverlust haben viele Deutsche Bargeld gehortet und verfügen über deutlich mehr Geld auf dem Bankkonto als vor der Corona-Krise. Laut dem März-Monatsbericht der Bundesbank sind die Bankeinlagen der privaten Haushalte binnen eines Jahres bis Januar 2021 um 182 Milliarden auf 1,73 Billionen Euro gestiegen. Der Trend dürfte sich bis zur Jahresmitte fortsetzen. "Die Einlagen werden weiter wachsen", glaubt Jürgen Gros, Präsident des bayerischen Genossenschaftsverbands GVB, dem Dachverband der Volks- und Raiffeisenbanken.

Trotz Krise waren die Verbraucherkredite im Corona-Jahr rückläufig, hat Gros festgestellt. "Dispokredite wurden kaum in Anspruch genommen." Und auch die Kontenüberziehung sei sehr stark zurückgegangen. Hinzu kommt, dass einige Deutsche Bargeld als Wertanlage nutzen. Weil es bei den Banken keine Zinsen mehr gibt und nach Abzug der Gebühren und Inflation weniger vom Vermögen übrigbleibt, horten die Bundesbürger das Geld unterm Kopfkissen oder im heimischen Tresor.

Bargeld unterm Kopfkissen
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Weil es bei der Bank für Spareinlagen teilweise sogar schon Negativzinsen gibt, horten viele ihr Bargeld buchstäblich unterm Kopfkissen.

Der große Konsumstau

Auch die fehlenden Shopping-Gelegenheiten tragen zum Konsumstau bei: Die Bundesbank und Ökonomen sprechen von einem unfreiwilligen Spareifer. Denn die Verbraucher hatten in den letzten Monaten wenig Möglichkeiten, ihr Geld auszugeben. Urlaubsreisen waren die meiste Zeit kaum möglich, und auch größere Anschaffungen wurden teilweise erschwert - zum Beispiel durch den Containermangel, der nach wie vor für Liefer- und Nachschubprobleme aus Fernost sorgt.

Inzwischen hat sich ein regelrechter Konsumstau gebildet. Das Ifo-Institut geht in seiner aktuellen Konjunkturprognose von einer "Überschussersparnis" in Höhe von 100 Milliarden Euro aus. Sobald die Krise abklingt, werden die Bürger beginnen, ihr Geld wieder auszugeben. Fraglich ist nur, wie stark der Konsumboom dann ausfallen wird. Christian Nau, Geschäftsführer des Kreditbereichs beim Online-Portal Check24, rechnet nicht mit einem "Big Bang".

Mehr Bargeld im Umlauf

Bargeld ist hierzulande reichlich vorhanden. Im vergangenen Jahr druckte die Bundesbank deutlich mehr Geldscheine. Insgesamt brachte sie 821 Milliarden Euro zusätzliches Bargeld in Umlauf - 71 Milliarden mehr als 2019. Im Frühjahr 2020 verzeichneten die Banken einen regelrechten Ansturm auf die Geldautomaten. Doch als klar wurde, dass die Bargeldversorgung auch in Pandemiezeiten funktioniert, ging das Hamstern von Bargeld rasch wieder zurück.

Inzwischen wird deutlich weniger Geld an Automaten abgehoben als vor der Corona-Krise. In den vergangenen zwölf Monaten "ist die Nachfrage nach Bargeld ab unseren Automaten um 75 Prozent eingebrochen", sagte Kersten Trojanus, Geschäftsführer des Geldautomatenbetreibers IC Cash und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten, der "Welt am Sonntag". Die Arbeitsgemeinschaft stellt rund zehn Prozent aller Geldautomaten in Deutschland, nämlich gut 5000 Geräte. Wegen der sinkenden Nachfrage wurden inzwischen bis zu 300 Automaten abgebaut.

Bargeldloses Bezahlen gewinnt an Bedeutung

Tatsächlich setzt sich auch in Deutschland zunehmend die bargeldlose Bezahlung durch - zum einen aus hygienischen Gründen, zum anderen, weil in Zeiten des Lockdowns mehr übers Internet eingekauft wird. Nach Schätzungen des Handelsforschungsinstituts RHI werden im Einzelhandel mittlerweile 60 Prozent der Umsätze auf elektronischem Wege erzielt. Laut einer früheren Erhebung der Bundesbank wurden 2020 nur noch 60 Prozent aller Transaktionen mit Bargeld durchgeführt. Drei Jahre zuvor lag die Quote noch bei rund 75 Prozent.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. März 2021 um 10:23 Uhr.

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