Leere Ränge im Kölner Stadion | Bildquelle: dpa

Bundesliga in der Corona-Krise Beim Lockdown droht der Kollaps

Stand: 22.10.2020 08:28 Uhr

In der Bundesliga geht die Angst vor einer erneuten Unterbrechung um. "Wenn so was kommt, weinen nicht nur die großen Vereine", sagte der Mainzer Sportvorstand Rouven Schröder. Selbst der FC Bayern fürchtet sich vor diesem Szenario.

Von Frank Hellmann

Die schlechte Nachricht erreichte die Geschäftsstelle des 1. FSV Mainz 05 am Donnerstagmorgen (22.10.2020). Neuerdings erlaubt die Stadt Mainz für das Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach (Samstag 15.30 Uhr) nicht mal mehr 250 Zuschauer. Sondern nur 100.

Macht das in einer Arena mit 33.305 Plätzen und viel Freifläche drumherum wirklich einen Unterschied? Sportvorstand Rouven Schröder verbat sich in der digitalen Pressekonferenz jeden Kommentar. "Wenn wir die Ausnahmegenehmigung nicht bekommen, bekommen wir sie nicht." Die Gesundheitsbehörden haben eingedenk der erhöhten Corona-Inzidenzen so entschieden - und Schröder wird sie nicht mehr umstimmen.

Keine Fans mehr auf der Tribüne

Der Klub hat sofort um Verständnis geworben, dass der finanzielle und organisatorische Aufwand zur Tribünenöffnung zu groß wären. So kommen nur noch einige Mitarbeiter, Angehörige und Ehrgengäste auf die Haupttribüne. Fans auf der Gegengerade wie beim Heimspiel gegen Bayer Leverkusen (0:1) in der Vorwoche wird es nicht geben, als zwei Anhänger aus dem Fanclub "Meenzer Metger" mit Trainer Jan-Moritz Lichte öffentlichkeitswirksam stritten.

"Jeder Zuschauer hätte geholfen, das ist sehr bitter", sagte Schröder. Geisterspiele drohen bei den Rheinhessen auf absehbare Zeit die Normalität zu werden. Allein von November bis Februar 2021 sind neun Heimspiele vorgesehen. Laut des Managers reißen die verwaisten Ränge zwar nicht gleich das nächste Loch in die Kasse, dennoch ist die Situation unbefriedigend: Beim Heimauftakt gegen den VfB Stuttgart hatten noch 3400 Zuschauer Einlass gefunden, danach sollten es 6800 und damit die höchst zulässige Zahl von 20 Prozent der Stadionkapazität sein - Pustekuchen.

Schröder über drohende Zwangspause: "Wirtschaftlich kaum zu verkraften"

Für den Mainzer Sportvorstand ist elementar, im ganzen Klub die Sinne zu schärfen, die strengen Hygieneregeln einzuhalten, denn eine weitere Zwangsunterbrechung durch die rasant steigenden Infektionszahlen wäre wirtschaftlich kaum verkraften. "Wir sind an einer Schwelle, an der wir vorsichtig sein müssen. Einen weiteren Lockdown und dementsprechend Spiele oder sogar Spieltage, die ausgesetzt werden müssen, möchten wir uns alle nicht ausmalen", sagte Schröder gegenüber sportschau.de.

Der 45-Jährige: "Wenn sowas kommt, dann weinen nicht nur die großen Vereine, sondern generell die Bundesliga und der Sport." Daher forderte Schröder "Sensibilität" von allen Beteiligten. "Wenn man gewisse Dinge eindämmen und in einer gewissen Blase leben kann, damit die Spiele stattfinden können, müssen wir es tun. Es ist klar, dass für Mainz 05 ein weiterer Lockdown genauso gefährlich wäre wie für jeden anderen Verein."

Rummenigge: "Große finanzielle Herausforderungen" auch für den FC Bayern

Der Vorstandsboss des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, hatte am Vorabend mit Nachdruck den Profifußball in Pandemiezeiten gewarnt. "Die Finanzen sind in ganz Europa, nicht nur im Fußball, sondern in der ganzen Welt unter Druck. Jedes Unternehmen leidet unter Corona. Wir müssen nun alle noch mehr die Sinne schärfen, damit wir nochmal ohne großen Schaden hinauskommen. Ein nochmaliger Lockdown für den Fußball wäre ein Drama." Selbst der FC Bayern, der als Champions-League-Sieger fast 130 Millionen Euro an internationalen Einnahmen verbuchte, stehe laut Rummenigge "vor großen finanziellen Herausforderungen". Auf 100 Millionen werden die Mindereinnahmen für den Triplesieger veranschlagt.

Borussia Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke hatte am Wochenende gesagt: "Es muss weitergehen. Wir brauchen zumindest diese Geisterspiele. Wenn wir die auch nicht mehr haben sollten, dann wird es ganz eng." Zur Erinnerung: Als Mitte März die hereinbrechende Corona-Krise den gesamten Sport abrupt in den Standby-Modus versetzte, schrillten in der Fußball-Bundesliga wenig später die Alarmglocken.

Horrorszenario: geschlossener Borussia-Park | Bildquelle: Ina Fassbender/Pool via Getty Im
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Horrorszenario: geschlossener Borussia-Park

Keine Pandemie-Klausel in den Fernsehverträgen

Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball-Liga, sprach von existenziellen Sorgen. 13 der 36 Profivereine drohte vergangene Saison die Insolvenz, ein Dutzend Klubs trat seine Fernsehraten sogar ab, um den Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Erst nachdem Seifert mit den Fernsehanstalten eine Einigung über die Vorabzahlung der TV-Gelder erzielen konnte, waren die Vereine durchgängig auf der sicheren Seite.

Das Problem: Die Fernsehpartner haben bis 2021 keine Pandemieklausel in den Verträgen. Sollte also ein Sender nicht zahlen wollen - wie Eurosport in der Krise - fehlt der DFL die rechtliche Handhabe, das Geld einzuklagen. Das macht die Gesamtlage auch aktuell wieder so unsicher. Der Ball muss rollen.

Schalke und Werder in Schieflage

Schon jetzt gehören ehemalige Leuchttürme der Liga zu den großen Sorgekindern. Der FC Schalke 04 hat sich ein striktes Sparprogramm aufgelegt und im Sommer die totale Zurückhaltung auf der Transfermarkt walten lassen. Dennoch haben die Königsblauen eine NRW-Landesbürgschaft zur Überbrückung gebraucht.

Der SV Werder, wo man schon vergangene Spielzeit nicht genau wusste, ob der wirtschaftliche oder sportliche Existenzkampf schwieriger sei, hat ein Darlehen über 15 Millionen bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beantragt, aber noch nicht bewilligt bekommen. Vorstandschef Klaus Filbry bezifferte nach der mit Ach und Krach überstandenen Relegation die Mindereinnahmen durch die Corona-Krise auf mindestens 30 Millionen Euro.

Finanziell ist die Lage weiterhin Grün-Weißen nach dem geplatzten Deal mit Milot Rashica arg angespannt, wie Präsident Hubertus Hess-Grunewald im NDR-Sportclub verriet: "Natürlich haben wir eine riesige finanzielle Herausforderung zu managen", bestätigte Hess-Grunewald. Der Pleitegeier kreist längst über dem nach dem Umbau mit langfristig laufenden Krediten belasteten Weserstadion. Umso erstaunlicher, dass die Bremer so große Probleme hatten, ihren Profis einen Gehaltsverzicht nahezulegen, der erst mit großer Verzögerung zustande kam.

Heikles Thema Gehaltsverzicht

In Mainz wies die Kommunikation mit den Profis über den Gehaltsverzicht solche Defizite auf, dass die Spieler nach dem ersten Spieltag aus Solidarität mit dem ausgebooteten Adam Szalai ein Training bestreikten - aber die Differenzen waren unterschiedliche Auffassungen, ob die einbehaltenen Gelder rückwirkend ausgezahlt werden. Der gesamte Verein geriet mit diesen Mienungsverschiedenheiten in Schieflage. Noch immer ist das Thema heikel.

Während sich der 1. FC Köln mit seinen Spielern und Trainern offenbar am Mittwochabend über einen erneuten Gehaltsverzicht von zehn Prozent verständigte, hütete sich Schröder am Donnerstag vor vorschnellen Ankündigungen. "Wir gehen die Dinge an. Wir schauen, was wir auf die Agenda nehmen. Aber es bringt nichts, jetzt einen Gehaltsverzicht ankündigen. Wir haben konservativ ohne Zuschauer geplant, was uns erlaubt, die Gehälter zu bezahlen." Immerhin.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. Oktober 2020 um 15:00 Uhr.

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