Kommentar

Corona-Krise in Frankreich Infektionen senken, Akzeptanz steigern

Stand: 08.12.2020 16:27 Uhr

Deutschland könnte von Frankreich in der Corona-Krise einiges lernen, meint Marcel Wagner: Selbst im Lockdown blieben Kitas und Schulen offen, die Isolationspflicht wurde verkürzt. Die Infektionszahlen sanken - und auch die Protestwut.

Ein Kommentar von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Irgendwie herrscht verkehrte Welt: Seit dem Frühjahr waren Korrespondenten gefühlt ständig damit beschäftigt, am Telefon oder auch im Radio zu erklären, was eigentlich schief läuft in Frankreich: Zunächst horrende Infektionszahlen, völlig überlastete Krankenhäuser, acht Wochen knallharter Lockdown inklusive Ausgangssperre, der Menschen und Wirtschaft in Depressionen stürzte. Und Präsident Emmanuel Macron samt Regierung standen im Kreuzfeuer der Kritik, weil sie offenkundig nicht auf der Höhe waren, während in Deutschland die Bundeskanzlerin Angela Merkel Rekordzustimmung einheimste - weil sie das Land mit Regierung und Ländern erfolgreich und mit deutlich weniger Einschränkungen durch die Krise steuerte.

Es folgte ein Partysommer an der Côte d’Azur und anderen Touri-Hotspots, mit dem Ergebnis, dass die Zahlen in Frankreich wieder rasant stiegen - auf über 60.000 Neuinfektionen an einem Tag Anfang November. Es folgte der nächste harte Lockdown, wieder mit Ausgangssperren und Geschäftsschließungen. Und Deutschland stand wieder einmal besser da.

Der Weg zur niedrigen Inzidenz war hart

Nun ist Anfang Dezember - und, wie gesagt, gefühlt verkehrte Welt. In Deutschland denken manche Menschen quer in alle Richtungen und verzweifeln an Masken und vergleichsweise läppischen Einschränkungen. Viele andere wünschen sich endlich eine stringente Politik und härtere Maßnahmen. Schulen werden geschlossen. Gesundheitsämter und Labore kommen vielerorts nicht mehr hinterher. Menschen stecken in Quarantäne fest und können sich nicht daraus befreien, weil es keine Tests gibt oder die zu teuer sind.

Und Frankreich? Hat seine Zahlen mittlerweile auf durchschnittlich weniger als zehntausend Neuinfektionen pro Tag gesenkt. In Paris lag die Inzidenz Ende Oktober zeitweilig bei über 600 Fällen pro 100.000 Einwohner. Aktuell ist sie gerade noch bei 49. Zugegeben, der Weg war hart: Geschäfte mussten etwa vier Wochen schließen. Um auf die Straße zu gehen, brauchte und braucht man nervige Selbstauskünfte auf Zetteln oder dem Handy, dass man einen triftigen Grund dafür hat. Ausflüge durften wieder nur eine Stunde dauern und einen Kilometer weit gehen.

Geöffnete Schulen und verfügbare Schnelltests

Und trotzdem war es viel erträglicher als noch im Frühjahr, denn die Regierung in Frankreich hat durchaus gelernt: Kitas, Kindergärten, Schulen blieben und bleiben diesmal komplett geöffnet. Es gab auch keinen Wechselunterricht oder überbordende Maßnahmen für die Schüler. Bars und Restaurants waren und sind zu, aber die Wirtschaft lief diesmal weiter, die Franzosen gehen und gingen zur Arbeit oder arbeiteten in großem Umfang im Homeoffice.

Sowohl die Quarantäne bei Kontakt mit Infizierten als auch die Isolation nach einem positivem Corona-Test wurden auf sieben Tage gesenkt. Das hat die Akzeptanz dafür deutlich erhöht - nicht aber das Ansteckungsrisiko, wie die massiv gesunkenen Infektionszahlen zeigen. Vielleicht auch, weil Testkapazitäten massiv ausgebaut wurden, Schnelltests mittlerweile in vielen Apotheken selbst ohne Symptome oder Grund durchgeführt werden können und trotzdem von der Krankenkasse übernommen werden. Zumindest gegen die Corona-Politik protestiert hier kaum jemand.

Nein, das Virus ist damit auch in Frankreich nicht besiegt - und ob die Einwohner Frankreichs sich an Weihnachten werden frei bewegen können, ist auch längst nicht klar. Aber anders als im Frühjahr darf man manches hier mit Fug und Recht vorbildlich nennen.

KOMMENTAR: Coronastrategie - Schaut doch mal nach Frankreich!
Marcel Wagner, ARD Paris
08.12.2020 16:21 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Darstellung: