Bahn-Projekt Stuttgart 21 Wegen Brandschutz drohen Nacharbeiten

Stand: 30.03.2021 12:34 Uhr

Stuttgart 21 könnte sich wegen möglicher Nacharbeiten beim Brandschutz verzögern und teurer werden. Nach Recherchen von Report Mainz wurde die Evakuierung der Fahrgäste bei einem Brand nicht digital simuliert.

Von Hermann G. Abmayr und Gottlob Schober, SWR

Für die insgesamt 60 Tunnel-Kilometer des Bahn-Projekts Stuttgart 21 ist die Evakuierung von Fahrgästen bei einem Brand nicht digital simuliert worden. Das geht aus einem Schreiben von Anwälten der Bahn an das Eisenbahnbundesamt hervor, das Report Mainz exklusiv vorliegt. Außerdem wurden Fahrgäste, die in ihrer Mobilität beeinträchtigt sind, bei der Simulation nicht berücksichtigt. Das betrifft vor allem Familien mit Kindern, ältere und behinderte Menschen. Deshalb sei die von der Bahn genannten Evakuierungszeit nicht realistisch, so eine Brandschutz-Expertin.

"Als ich das gelesen habe, war ich sehr erstaunt, denn aus meiner Sicht gehören Brandsimulationen zum heutigen Stand der Technik", sagt Kathrin Grewolls von der Technischen Hochschule Regensburg im Interview mit Report Mainz. Das ARD-Politikmagazin hatte der Expertin für vorbeugenden Brandschutz die recherchierten Unterlagen zur Prüfung vorgelegt. Die unabhängige Sachverständige, die seit vielen Jahren auch ein Ingenieurbüro betreibt, erklärte, dass Fachleute mit digitalen Evakuierungssimulationen die Konsequenzen aus allen möglichen Gefahrenquellen berechnen. Damit können sie ein realistisches Rettungskonzept entwickeln.

Es sei deshalb unverständlich, dass die Bahn lediglich ein so genanntes "Kalt-Ereignis" simuliert habe, bei dem ein nicht brennender Zug im Tunnel zum Stehen kommt, wie beispielsweise bei einer Entgleisung. Wenn das Szenario eines Tunnelbrandes für Stuttgart 21 nicht durchgespielt worden sei, gehe die Bahn im Ernstfall ein "unkalkulierbares Risiko" ein, sagt die Expertin.

Kritiker halten Brandschutz für unzureichend

Auch Kritiker des Milliarden-Projektes, wie die Gruppe "Ingenieure 22", halten den Brandschutz für völlig unzureichend. Sie haben deshalb beim Eisenbahn-Bundesamt, der zuständigen Genehmigungsbehörde von Stuttgart 21, Alarm geschlagen und weitreichende Verbesserungen gefordert.

Warum aber hat die Bahn Evakuierungssimulationen für den Brandfall nicht erstellen lassen? Auf diese Frage von Report Mainz antwortet deren Pressestelle nur allgemein: Die Stuttgart-21-Tunnel würden "alle strengen Sicherheitsanforderungen" erfüllen. Außerdem sehe "das einschlägige Regelwerk […] solche Simulationen nicht vor."

Grewolls hält dies für eine Regelungslücke. Deshalb sei "hier die Politik" gefragt. Verkehrsminister Andreas Scheuer dagegen beteuert, dass "die Sicherheit in Tunneln gewährleistet" und ein Rettungskonzept bereits "während der Planung mit den zuständigen Stellen abzustimmen" sei. Zur Regelungslücke sagt er nichts.

Kalkulierte Evakuierungszeit in Tunneln zu niedrig?

Wozu kann eine solche Lücke bei Stuttgart 21 führen? Da die Bahn keinen Brandfall in den Tunneln simulieren ließ, erhält sie im Ergebnis eine Evakuierungszeit von nur 15 Minuten. Zum Vergleich: Vor drei Jahren brannte der ICE 511 bei Montabaur. Obwohl der Zug im Freien stand, dauerte die Evakuierung laut offiziellem Unfallbericht rund dreimal so lang.

15 Minuten Evakuierungszeit für die Tunnel in Stuttgart seien "nicht realistisch", sagt Grewolls, "weil ich nicht nur junge, gesunde Menschen in einem Zug habe, sondern ich muss damit rechnen, dass ich bewegungseingeschränkte Personen habe, oder auch Personen mit einem erhöhten Platzbedarf, zum Beispiel eine Mutter mit kleinen Kindern, sodass hier die Evakuierungszeiten deutlich höher ausfallen werden". Diese Fahrgäste aber kommen in der Evakuierungssimulation der Bahn nicht vor. Die Anwälte des Konzerns räumen in dem Schreiben, das Report Mainz vorliegt, tatsächlich ein, "dass mobilitätseingeschränkte Personen nicht betrachtet wurden". 

Die Bahn erklärt dazu: "Das Eisenbahn-Bundesamt hat als zuständige Behörde das Brandschutzkonzept für den künftigen Stuttgarter Hauptbahnhof und die zulaufenden Tunnel geprüft und genehmigt." Das Bundesamt verweist allerdings darauf, dass die Bahn erst noch eine "detaillierte Ausführungsplanung, wie auch die betriebliche Regelung zum Brandschutz" vorlegen müsse sowie ein Konzept für die Selbst- und Fremdrettung. Im Klartext: Die ganzheitliche Brandschutzplanung für die Stuttgart-21-Tunnel ist noch nicht abgeschlossen.

Verzögerungen wie beim Berliner Großflughafen BER?

Kann es wegen des Brandschutzes zu teuren Nachbesserungen und Verzögerungen kommen? Diese Fragen hatte Report Mainz in der vergangenen Woche bei der Bilanz-Pressekonferenz der Bahn gestellt. Die Antwort des zuständigen Vorstandes Ronald Pofalla: "Nach allen Erkenntnissen, die wir haben, werden wir die Neubaustrecke Ende 2022 und Stuttgart 21 Ende 2025 in Betrieb nehmen. Und so haben wir es dem Aufsichtsrat berichtet."

Brandschutzexpertin Grewolls befürchtet dagegen, dass Stuttgart 21 ein ähnliches Schicksal droht, wie dem Berliner Großflughafen BER: "Dadurch, dass die ganzheitliche Brandschutzplanung noch nicht abgeschlossen ist und auch die Prüfung noch nicht abschließend vorliegt, müssen wir damit rechnen, dass weitere Maßnahmen erforderlich werden. Und die natürlich dazu führen, dass das Projekt teurer wird und dass auch die fristgerechte Fertigstellung von Stuttgart 21 in den Sternen steht."

Report Mainz: Stuttgart 21 könnte teurer werden und dauern
Gottlob Schober, SWR
30.03.2021 15:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das Erste am 30. März 2021 um 21:50 Uhr in der Sendung "Report Mainz".

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