Ermittlungen in Delmenhorst Warum starb ein 19-Jähriger im Polizeigewahrsam?

Stand: 13.04.2021 18:00 Uhr

Ein 19-Jähriger ist in Delmenhorst nach seiner Verhaftung in Polizeigewahrsam gestorben. Die Ermittler sehen kein Fremdverschulden. Ein Gutachten und Zeugenaussagen werfen jedoch Fragen auf.

Von Stefan Buchen, Reiko Pinkert und Sulaiman Tadmory, NDR

Nach dem Tod eines 19-Jährigen im Zuge eines Polizeieinsatzes ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg gegen Polizeibeamte und Rettungssanitäter wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und der unterlassenen Hilfeleistung. Die Ermittlungen seien eingeleitet worden, nachdem die Familie des Verstorbenen Strafanzeige erstattet habe, wie die Staatsanwaltschaft in einer Pressemitteilung bekannt gab.

Das NDR-Politikmagazin Panorama 3 hat Aussagen von Augenzeugen zusammengetragen und Einblick in ein rechtsmedizinisches Gutachten erhalten. Die Recherchen werfen ein neues Licht auf das Geschehen.

Polizeiführung sieht keine unrechtmäßige Gewalt

Polizeipräsident Johann Kühme hatte sich in der "Nordwest-Zeitung" allerdings früh festgelegt: "Unrechtmäßige Polizeigewalt, wie es sie etwa bei der Verhaftung von George Floyd in den USA gab, ist hier auszuschließen." Die Staatsanwaltschaft Oldenburg pflichtete bei. Nach einer ersten rechtsmedizinischen Untersuchung des Leichnams sei "Gewalteinwirkung von außen als Todesursache ausgeschlossen." 

Am 5. März waren in Delmenhorst zwei Polizisten in zivil unterwegs. Im Wollepark trafen sie auf zwei junge Männer, darunter der 19-Jährige Qosay Kh., der wenig später starb. Kh. kam vor sechs Jahren allein als minderjähriger Flüchtling aus dem Irak nach Deutschland. Er und sein Freund Hamudi waren dabei, einen Joint zu rauchen. Kh. flüchtete vor den Beamten.

Nach einer Verfolgungsjagd zu Fuß über rund 250 Meter überwältigten die Beamten den jungen Mann unter Einsatz von Pfefferspray. In einer Pressemitteilung erklärte die Polizei Oldenburg, der 19-Jährige habe sich gegen den Zugriff gewehrt und einem Polizisten "mit der Faust gegen den Kopf" geschlagen. Die Beamten legten dem jungen Mann Handschellen an und fixierten ihn am Boden.

Zeugen sprechen von Schmerzensschreien

Der Zugriff erfolgte in einem Wohnviertel. Ein Anwohner hörte "laute Schmerzensschreie" und ging auf die Straße, wie er gegenüber Panorama 3 schilderte. "Ein Mann kniete auf dem Rücken des Jungen und hielt ihn mit beiden Händen am Kragen", berichtet dieser Augenzeuge. Der junge Mann habe "fertig" ausgesehen. Speichel sei ihm aus dem Mund gelaufen. Er habe fortdauernd vor Schmerzen geschrien. Der Anwohner berichtet, er sei dann von einer Polizeibeamtin weggeschickt worden.

Auch der Freund des Gestorbenen, Hamudi, der mit ihm im Park gekifft hatte, äußerte sich im Interview mit dem NDR. Nachdem Hamudi zunächst von einem Polizisten an der Parkbank festgekettet worden sei, sei er an die Stelle in dem Wohnviertel geführt worden, an der sein Kumpel bäuchlings auf dem Boden fixiert worden war. "Qosay hat den Polizisten gesagt, dass er keine Luft bekomme und dass er sich hinsetzen möchte," berichtet dieser Zeuge. Das sei ihm erlaubt worden. Kh. habe die Beamten um Wasser gebeten, aber keines bekommen.

Unterschiedliche Darstellungen

Dann trafen Rettungskräfte ein. Ein Sanitäter habe Qosay nach seinen Beschwerden gefragt, wie Hamudi berichtet. Der 19-Jährige habe zunächst nach Wasser verlangt und dann erklärt, dass ihm übel und schwindlig sei und dass er nur schwer Luft bekomme. Der Sanitäter habe gesagt: "Du schauspielerst". Die Rettungskräfte hätten weder Blutdruck noch Puls gemessen. "Sie haben ihn überhaupt nicht behandelt." Weder Polizei noch Rettungskräfte noch Staatsanwaltschaft wollten auf NDR-Anfrage die Zeugenaussagen kommentieren.

Dass der Festgenommene von den Sanitätern nicht versorgt wurde, bestätigen sowohl Polizei als auch die Stadt Delmenhorst, die Dienstherrin des Rettungsdienstes. Beide begründen dies damit, dass der junge Mann eine Behandlung verweigert habe. Die Aussage, dem 19-Jährigen sei kein Wasser gegeben worden, sei "aus dem Zusammenhang gerissen."

"Der Rettungsdienst führt keine Getränke oder gar Speisen mit, um überhaupt einer solchen Bitte nachkommen zu können", erklärt Holger Klein-Dietz in einer Pressemitteilung der Stadt Delmenhorst. Die Stadt beschreibt den Ablauf des Geschehens allerdings nicht näher. Der Zeuge Hamudi widerspricht der Darstellung, dass sein Freund eine Behandlung abgelehnt habe. "Er wollte behandelt werden", sagt er. Der Freund habe zunächst den Polizisten und dann den Sanitätern "ganz klar gesagt", dass er Atemnot habe.

Im Polizeigewahrsam gestorben

Weil Qosay nicht aus eigener Kraft habe aufstehen können, hätten ihn zwei Polizeibeamte in ihren Wagen "geschleift", schließt der Zeuge seine Schilderung. Kaum war der 19-Jährige in der Polizeiinspektion Delmenhorst angekommen, fiel er ins Koma. Er wurde in ein Oldenburger Krankenhaus gebracht und verstarb dort am folgenden Tag.

"Belastbare Hinweise darauf, dass der Eintritt des Todes fremdverursacht war," hätten sich bislang "nicht ergeben", teilt die Staatsanwaltschaft in ihrer Presseerklärung mit. Sie zitiert aus einem von ihr in Auftrag gegebenen Obduktionsprotokoll. Demnach sei der 19-Jährige an "Multiorganversagen noch unklarer Genese" verstorben. Eine "Intoxikation mit Fremdsubstanzen" sei als Todesursache "in Betracht zu ziehen". Auf Blutwerte des Verstorbenen nimmt die Staatsanwaltschaft keinen Bezug und verweist auf ausstehende Untersuchungen.

Keine harten Drogen

Nach Recherchen von Panorama 3 liegt inzwischen eine Blutprobe vor. Demnach sollen sich im Blut des Verstorbenen keine Spuren harter Drogen gefunden haben. Lediglich geringe Anteile von THC, dem Wirkstoff in Marihuana, sollen nachgewiesen worden sein. Die Staatsanwaltschaft wollte sich hierzu auf Anfrage nicht äußern.

Die Familie des Verstorbenen hat privat beim Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) eine zweite Obduktion in Auftrag gegeben. Das Gutachten liegt dem NDR vor. Darin wird als Todesursache "sauerstoffmangelbedingtes Herz-Kreislaufversagen" genannt. Der Grund für die Atemnot habe jedoch nicht bestimmt werden können.

Gutachten listet viele Verletzungen auf

Das UKE-Gutachten listet zahlreiche Verletzungen, wie Hautabschürfungen und Einblutungen, auf. Die "Zungenspitze" liege "gesondert" vor, scheint also abgebissen worden zu sein. Die Staatsanwaltschaft bestätigt Gewaltspuren am Körper des Verstorbenen. Diese ließen jedoch erkennen, dass die Gewalt nicht "massiv" gewesen sei.

Die Anwältin Lea Voigt, die von der Familie des Verstorbenen mit der Wahrung ihrer Interessen beauftragt wurde, meint, das private Gutachten bringe Polizei und Rettungsdienst in Erklärungsnot.

"Das war ein gesunder, munterer, kräftiger 19-jähriger Jugendlicher, der keinerlei Anzeichen gezeigt hat, körperlich beeinträchtigt zu sein, geschweige denn, dem Tode nahezustehen," sagt sie im Interview mit Panorama 3. Das habe sich erst geändert, als er in Polizeigewahrsam gekommen sei. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in der Sache dauern an.

Über dieses Thema berichtete das NDR-Magazin Panorama 3 am 13. April 2021 um 21:15 Uhr.

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