Corona-Impfungen Warum dauert das so lange?

Stand: 23.03.2021 18:00 Uhr

Das Impfen kommt nur langsam voran. Der fehlende Impfstoff scheint nicht das einzige Problem zu sein. Auch bei der Organisation der Termine holpert es, in manchen Bundesländern mehr als in anderen.

Von Christian Baars, NDR

Mehrere Impfungen pro Sekunde, die "Impfuhr" des Bundesgesundheitsministeriums dreht sich rasant. Es läuft rund. Zumindest soll man offenbar diesen Eindruck gewinnen. Doch tatsächlich ruckelt es - nicht nur wegen des Mangels an Impfstoffen.

Denn stetig werden mehr Impfdosen geliefert als gespritzt. Mitte Februar gab es noch etwa 1,5 Millionen ungenutzte Dosen. Einen Monat später waren es bereits 3 Millionen, und zwar noch vor dem zwischenzeitlichen Stopp des AstraZeneca-Impfstoffs am 15. März.

Auch im Vergleich zu anderen EU-Ländern, die pro Einwohner etwa gleich viel Impfstoff bekommen haben, kommt Deutschland langsamer voran. Dänemark oder Estland haben zum Beispiel bereits mehr als 160 Dosen pro 1000 Einwohner verimpft. Deutschland liegt mit 125 unter dem EU-Durchschnitt.

Probleme bei der Organisation

Zuständig für die Organisation der Impfungen sind die Bundesländer. Sie verweisen darauf, dass ein Teil der Lieferungen bewusst für die nötigen Zweitimpfungen zurückgehalten werde. Doch das erklärt längst nicht die große Zahl an nicht genutzten Dosen. Zudem hat der Bund wegen der höheren Zahl an zugesagten Lieferungen Mitte Februar seine Empfehlung für das Zurückhalten von Dosen gesenkt.

Es scheint also auch an Problemen bei der Organisation zu liegen. Das zeigen Unterschiede zwischen den Bundesländern. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Das Land hat im Januar schneller losgelegt als andere. Denn die Regierung hatte sich dazu entschieden, nur wenig Impfstoff von jeder Lieferung zurückzuhalten. Anfang Februar stand Mecklenburg-Vorpommern im Länder-Ranking zum Impftempo ganz vorn. Doch dieser Vorsprung ist längst verspielt. Mecklenburg-Vorpommern ist auf den letzten Platz gefallen. Seit Anfang Februar wurden dort nur 77 Dosen pro 1000 Einwohner geimpft. Thüringen hat in derselben Zeit 122 Dosen pro 1000 Einwohner geschafft und sich auf die Spitzenposition geschoben.

Viele verschiedene Systeme

Die Suche nach den konkreten Ursachen ist jedoch schwierig. Denn fast jedes Bundesland hat für die Organisation der Impfungen ein eigenes System aufgebaut. Einige laden Impfberechtige per Brief ein, andere verlassen sich darauf, dass sich die Leute per Telefon oder online melden. Und dann müssen noch die Menschen mit den Impfdosen zusammengebracht werden.

Nur wenige Länder nutzen für die Terminvergabe das Angebot der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit ihrem Impfterminservice und der Rufnummer 116117, das ursprünglich vom Bundesgesundheitsministerium als Standard gedacht war.  

Stattdessen haben die meisten Bundesländer private Firmen beauftragt, die teils die komplette Organisation übernehmen wie in Niedersachsen die Wilhelmshavener Firma Majorel oder Schleswig-Holstein mit dem Tickethändler CTS Eventim. Andere setzen bestehende Software-Lösungen für die Vergabe von Arztterminen ein und haben zusätzlich Call-Center beauftragt, so etwa das Saarland oder Berlin.

Pläne müssen ständig angepasst werden

Auch Baden-Württemberg hat sich für eine Mischung entschieden. "Wir versuchen hier im Grund das Unmögliche", sagt Layla Distler. Sie versucht mithilfe von riesigen Excel-Tabellen, die Lage zu ordnen. Distler arbeitet als Impfkoordinatorin im Sozialministerium in Baden-Württemberg. Ihre Taskforce besteht mittlerweile aus 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ständig müssen sie ihre Pläne anpassen. Mal fallen Lieferungen aus, dann werden die Prioritätengruppen wieder anders eingeteilt. Zugleich müssen die Impfzentren Wochen im Voraus planen, die jeweils zwei Impftermine eintakten und dafür Material und Personal einteilen.

Um die Herausforderung zu bewältigen, hat Baden-Württemberg eine Reihe von Dienstleistern engagiert. Die DHL lagert und transportiert die Impfstoffe, eine Fachspedition kümmert sich um die nötige Schutzkleidung in den Impfzenten. Und die Termine vergibt ein vom Land beauftragtes Callcenter mit einem Volumen von 500 Vollzeit-Stellen. Ein weiterer Dienstleister ermöglicht eine Anmeldung in Gebärdensprache. Außerdem können die Menschen in Baden-Württemberg über das Onlineportal der KBV einen Termin buchen.

Eigene Infrastruktur auch im Saarland

Auch die anderen Bundesländer haben innerhalb weniger Wochen eine eigene Infrastruktur für die Impfungen aufgesetzt. Einer der Spitzenreiter beim Impftempo ist das Saarland. Es hat als erstes Bundesland bereits Ende Dezember ein Onlineportal und eine Hotline für die Impfanmeldung freigeschaltet.

"Wir haben drei Wochen Schwierigkeiten gehabt", sagt Saarlands Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) im Interview mit Panorama. Viele hätten stundenlang in der Warteschlange gehangen und waren "bitterböse". Das Saarland hat deshalb bereits Anfang Januar das Personal für die Hotline deutlich aufgestockt, auf 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Thüringen und Bremen weit vorne

Schneller als das Saarland kommt aktuell nur Thüringen voran - mit 122 Dosen pro 1000 Einwohner seit Anfang Februar. Dort hat die regionale Kassenärztliche Vereinigung die Organisation übernommen, aber nicht auf das Standard-Programm der KBV gesetzt, sondern ein eigenes Terminvergabesystem programmiert und entwickelt. Das Internetportal wurde Ende Dezember freigeschaltet, die Hotline Anfang Januar.

Bremen - ebenfalls in der Top Drei - setzt dagegen eine bereits zuvor bestehende Software zur Terminbuchung ein, hat aber ein eigenes Call-Center aufgebaut, hauptsächlich mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die eigentlich in der Gastronomie tätig sind. Die über 80-Jährigen, die zunächst einen Impftermin vereinbaren konnten, wurden zudem vorab per Brief vom Gesundheitssenat informiert und erhielten einen Code zur Terminbuchung.

Organisation ausgelagert

Niedersachsen - derzeit in der unteren Hälfte des Länderrankings - hat dagegen die Organisation komplett an eine private Firma ausgelagert. Das Onlineportal und die Hotline zur Anmeldung wurde erst einen knappen Monat später als im Saarland und Thüringen freigeschaltet. Im Call-Center standen zu der Zeit, Ende Januar, etwa 150 Mitarbeiter zur Verfügung - für acht Mal so viele Einwohner wie im Saarland. Den Ansturm konnten sie nicht bewältigen. Etliche Millionen Anrufversuche scheiterten. Und auch bei den Einladungen kam es in den folgenden Wochen zu einer Reihe von Problemen. In Niedersachsen fordern deshalb mittlerweile mehrere Bürgermeister und Landräte, die Organisation dezentral übernehmen zu können.

Besser scheint es dagegen in Bayern zu laufen. Dort hat sich die Landesregierung dafür entschieden, keine zentrale Terminvergabe über eine Hotline anzubieten, sondern hat dies den mehr als 100 regionalen Impfzentren übertragen. Zudem könnten sich alle "impfwilligen Personen" unabhängig von ihrer Priorisierungsgruppe vorab telefonisch oder online registrieren lassen. Sie erhalten dann eine SMS und E-Mail beziehungsweise einen Anruf, sobald sie das Impfangebot wahrnehmen können. "Dies hat gegenüber reinen Terminvergabesystemen für den Nutzer den Vorteil, dass dieser dazu nicht in regelmäßigen Abständen proaktiv bei dem örtlichen Impfzentrum anrufen muss", teilte das bayerische Gesundheitsministerium mit. Die zugrundeliegende Software hat das Land eigens entwickeln lassen.

Innenministerium übernimmt

In Brandenburg - beim Impftempo derzeit auf dem vorletzten Platz - können sich die Menschen erst seit Ende Februar online einen Termin buchen, über das Portal der KBV. Dort hatte Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) im März um Entschuldigung für den holprigen Start der Corona-Impfungen gebeten. "Einen schlimmeren Start hätte man kaum hinlegen können", sagte sie in einem Interview. In Brandenburg soll es nun das Innenministerium richten. Es hat am 22. März die Organisation mit einem neuen Impflogistik-Stab übernommen.

Beim aktuellen Schlusslicht, Mecklenburg-Vorpommern, ist weiterhin eine Anmeldung nur telefonisch möglich. Die Hotline ist oft überlastet. Aktuell würden 166 Personen dort arbeiten, teilte das dortige Ministerium auf Anfrage mit, die Mitarbeiterzahl solle auf 300 erhöht werden. Für die Installation einer technischen Plattform fänden derzeit Abstimmungsgespräche statt.

Kosten unterschiedlich hoch

Wie teuer all diese Systeme und Hotlines sind, wollten nur wenige Länder verraten. Nur das Saarland, Bremen und Niedersachsen haben auf Anfrage konkrete Summen genannt. Das Saarland kalkuliert demnach mit insgesamt etwa 600.000 Euro netto für die Terminbuchungen, der Großteil davon für die Hotline. Die Lizenz für die Termin-Software sei kostenfrei. Hinzu kommen noch Kosten für eine Beratungsfirma, die die Regierung unterstützt. Sie erhalte einen Tagessatz von 1400 Euro netto, teilte das Gesundheitsministerium mit.

Bremen hat offenbar eine günstigere Lösung gefunden. Das Land zahlt nach eigenen Angaben 73.000 Euro für die Terminvergabe und Organisation plus elf Cent pro Impfung. Zusammen dürften die Kosten demnach bei gut 120.000 Euro liegen, wenn sich mindestens zwei Drittel der Bremer impfen lassen.

Niedersachsen hat nach eigenen Angaben in den ersten beiden Monaten für das Servicecenter, die Impfhotline sowie Management und Betrieb des Terminmanagements und das Impfmonitoring jeweils rund 2,3 Millionen Euro gezahlt.

Berlin hat sich zwar nicht zu den Kosten für die Hotline geäußert. Aber zumindest für das Terminmanagement hat das Land eine sehr günstige Variante gewählt. Es verwendet das Programm "Doctolib", das auch vom französischen Staat zur Impftermin-Vergabe eingesetzt wird. Der Hersteller hat es Berlin kostenlos zur Verfügung gestellt, berechnet nach eigenen Angaben nur 16 Cent für die Terminerinnerungen per SMS. Auf Anfrage teilte die Firma mit, dass es allen Bundesländern diese Konditionen angeboten habe - und auch weiter bereit es, das Programm zur Verfügung zu stellen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. März 2021 um 1:00 Uhr.

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