Impfungen gegen Corona Warum noch Millionen Dosen auf Halde liegen

Stand: 31.03.2021 16:01 Uhr

Viele Bundesländer sitzen immer noch auf großen Impfstoffreserven. Eine Umfrage von Kontraste zeigt: Grund sind offenbar Vorgaben des Bundesgesundheitsministeriums. Experten kritisieren die Vorratshaltung.

Von Ursel Sieber, rbb

Wie viel in Deutschland geimpft wird, lässt sich täglich aktualisiert auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums beobachten. Da zeigt sich seit Wochen ein ähnliches Bild: Im Wochendurchschnitt sind immer rund drei Millionen Dosen nicht verimpft - Dosen, die offenbar als Reserve für die Zweitimpfung zurückgelegt werden oder um bereits vereinbarte April- oder Mai-Termine abzusichern.

So waren etwa am 30. März rund 2,7 Millionen Dosen noch nicht verimpft. Und das, obwohl eine weitere Lieferung von BioNTech/Pfizer gerade bevorstand.

Kritik an Impfstoffreserve

Die Bevorratung kritisiert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach seit Wochen, denn allein schon die Erstimpfung biete bereits einen guten Schutz vor schweren Erkrankungen.

Auch Carsten Watzl von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie verlangt mehr Pragmatismus, vor allem im Hinblick auf die dritte Welle: "Es würde jetzt viel helfen, schnell alles zu verimpfen. Auch nur einzige Impfdosis auf Vorrat in den Kühlschrank zu packen, ist unverantwortlich und kostet Menschenleben." Die dritte Welle könne man mit der Impfung zwar nicht mehr brechen, aber es ließen sich Todesfälle und Krankenhausaufenthalte verringern, erklärt Watzl gegenüber dem ARD-Politikmagazin Kontraste.

Genau das belegen die Auswertungen des Impfprogramms in Schottland und England für AstraZeneca und BioNTech/Pfizer: Schon 14 Tage nach der ersten Impfung setzte die Schutzwirkung ein, 28 Tage danach zählten die Schotten 80 Prozent weniger Krankenhausaufenthalte bei den Geimpften. Ähnliches weiß man aus Israel: 14 bis 20 Tage nach der ersten Impfdosis zählte man dort 74 Prozent weniger Krankenhausaufenthalte, und auch die Sterberate war um 72 Prozent reduziert.

Gesundheitsministerium empfahl zu große Vorratshaltung

Die meisten Bundesländer betrieben bisher eine Vorratshaltung gemäß den Vorgaben des Bundesgesundheitsministers. Dies belegt eine Kontraste-Umfrage unter den Ländern. Minister Jens Spahn (CDU) empfahl den Ländern mit Schreiben vom 15. Februar, 20 bis 25 Prozent der Impfdosen von BioNTech/Pfizer für die Zweitimpfung zurückzulegen und sogar 50 Prozent des Vakzins von Moderna. Erst am 24. März nahm Spahn diese Prozent-Vorgaben zurück und forderte die Länder auf, nunmehr auf Zurückstellungen "weitestmöglich" zu verzichten.

Die geänderte Empfehlung kommt spät, denn seit Wochen ist klar, dass die Liefermengen ab April deutlich anziehen werden. Auch die Ergebnisse aus den Impfprogrammen von England und Schottland sind seit Ende Februar veröffentlicht.

Bedeutung der Erstimpfung unterschätzt

Die enorme Bedeutung der Erstimpfung in der Pandemie haben einige Gesundheitsminister offenbar lange unterschätzt: So ließ NRW-Gesundheitsminister Karl Laumann (CDU) bis vor Kurzem sogar noch bis zu 50 Prozent der Dosen als Reserve einbehalten.

Sein Ministerium teilte auf Kontraste-Anfrage noch am 15. März mit: "Aktuell wird für jede vorgenommene Erstimpfung mit den Impfstoffen BioNTech und Moderna eine weitere Impfdosis für die drei bzw. vier Wochen später anstehende Zweitimpfung zurückgelegt." So solle sichergestellt werden, "dass auch bei kurzfristigen Lieferausfällen die notwendige Zweitimpfung auf jeden Fall durchgeführt werden kann".

Mittlerweile würde weniger zurückgelegt, teilte das Sozialministerium am 30. März auf Anfrage von Kontraste mit: Die 142.000 auf Halde liegenden Dosen des Impfstoffs von Moderna würden nun in der Behindertenhilfe komplett verimpft. Beim Moderna-Impfstoff wolle man auch künftig keine Reserve mehr bilden. Bei BioNTech/Pfizer werde man die Reserve ebenfalls reduzieren - wie stark, ließ Laumann allerdings offen. Er teilte nur mit, dass für Zweitimpfungen von BioNTech/Pfizer eine Reserve von derzeit 279.000 Dosen benötigt würde.

Keine Reserve mehr nötig

Angesichts der Liefermengen im Monat April - allein bei BioNTech/Pfizer 2,5 Millionen pro Woche - könnte man allerdings alle zurückgelegten Impfdosen - und auch alle neu angelieferten - sofort verimpfen. Das zeigen Berechnungen des Würzburger Anwalts Chan-Jo Jun für einen Gerichtsprozess: Demnach werden im gesamten Monat April nur rund drei Millionen Dosen für Zweitimpfungen benötigt. Setzt man diese Zahl mit den 15 Millionen Dosen ins Verhältnis, die im April geliefert werden sollen, ist das Ergebnis eindeutig: Selbst wenn 80 Prozent der angekündigten Liefermengen ausfallen würde, gäbe es immer noch genug Impfstoff für alle Zweitimpfungen im Monat April.

Dass aber 80 Prozent der Liefermengen im April ausfallen, ist extrem unwahrscheinlich. "Für diesen unwahrscheinlichen Fall auch nur eine Impfdose zurückzuhalten, macht angesichts der dritten Welle überhaupt keinen Sinn", erklärt dazu der Immunologe Watzl gegenüber Kontraste.

Bremen und Saarland Spitzenreiter

Zwei Länder haben die Vorratshaltung schon früh begrenzt: Bremen und das Saarland. Man berechne, "wie viele Zweitimpfungen in den kommenden 14 Tagen mit BioNTech erfolgen werden und passe die Rücklagenmenge daran tagesgenau an", erklärt das Bremer Gesundheitsressort auf Kontraste-Anfrage.

Die Folgen lassen sich jeden Tag beobachten: Bei der Zahl der Erstimpfungen und der Zahl verimpften Dosen pro 100 Einwohner liegt Bremen zusammen mit dem Saarland an der Spitze - Nordrhein-Westfalen dagegen ganz weit hinten.

Über dieses Thema berichtete HR Info am 1. Januar 2021 um 18:00 Uhr.

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