Spahn und RKI zur Pandemie Drastische Szenarien und ein Aufruf

Stand: 26.03.2021 11:17 Uhr

Angesichts steigender Zahlen warnt Gesundheitsminister Spahn vor einer Überlastung des Gesundheitssystems im April. Die Notbremse müsse konsequent umgesetzt werden. Das RKI hält 100.000 Infektionen pro Tag für möglich.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat vor einer zu hohen Belastung für das Gesundheitssystem angesichts der steigenden Zahl der Corona-Neuinfektionen gewarnt. "Wir könnten bei ungebremsten Verlauf bereits im April an die Belastungsgrenze des Gesundheitssystems kommen", sagte Spahn bei einer Pressekonferenz mit RKI-Chef Lothar Wieler.

Die Zahlen würden momentan zu schnell steigen. "Wir müssen damit rechnen, dass wir ähnlich hohe Fallzahlen wie im Winter bekommen", sagte Spahn. Das sieht auch Wieler so. Der RKI-Chef hält sogar einen Anstieg auf 100.000 Neuinfektionen pro Tag für möglich, sollten keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Besonders die britische Virus-Mutante, die mittlerweile weit verbreitet in Deutschland sei, gebe Anlass zur Sorge. "Wir stehen vor sehr schweren Wochen", sagte Wieler. Die neue Virusmutante B.1.1.7 sei ansteckender und habe schwerere Verläufe.

Bundesländer sollen Notbremse umsetzen

Spahn mahnte deshalb die Bundesländer an, die Notbremse der Corona-Beschlüsse auch umzusetzen, sollten die Inzidenzzahlen den Schwellenwert überschreiten. Die von Bund und Ländern vereinbarte Notbremse sieht vor, Öffnungen zurückzunehmen, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz in einer Region oder einem Land an drei aufeinander folgenden Tagen auf über 100 steigt.

Für die anstehenden Osterfeiertage appellierte Spahn an die Bevölkerung, so wenig Menschen wie möglich zu treffen. Und wenn, dann am besten nur an der frischen Luft. Auch Wieler rief dazu auf, an Ostern zu Hause zu bleiben. "Mobilität und Kontakte, das sind die Treiber dieser Pandemie", sagte er. Deshalb sei es wichtig, Treffen mit anderen Menschen zu minimieren und nicht zu verreisen.

Dieses Osterfest sei noch nicht wieder so zu gestalten wie gewohnt, sagte Spahn. "Wir befinden uns im letzten Teil des Pandemiemarathons." Dies sei jedoch auch der schwerste Teil. "Das Ziel ist abzusehen, aber es dauert noch, bis es erreicht sein wird", so der Gesundheitsminister.

Neue Einreiseverordnung ab Dienstagfrüh

Zugleich gab der Gesundheitsminister bekannt, dass die neue Einreiseverordnung erst Dienstagfrüh in Kraft treten werde. Flugreisende sind dann vor ihrer Rückkehr nach Deutschland dazu verpflichtet, einen negativen Corona-Test vorzuweisen. Ursprünglich sollte die Verordnung bereits ab Sonntag gelten.

Spahn begründete die neue Terminierung damit, dass Reisenden und Fluggesellschaften "etwas mehr Zeit" zur Vorbereitung gegeben werden solle. Es gebe einige Länder, in denen die "Testinfrastruktur selbst noch nicht so ausgebaut ist". Dort müssten die Fluggesellschaften die Testangebote noch organisieren.

Ein "Gamechanger" sei die Verordnung bei der Bekämpfung der dritten Welle jedoch nicht. "Dafür sind die Infektionszahlen im Land selbst bereits zu hoch", sagte Spahn.

15 Millionen Impfdosen im April

Für den April erhofft sich Spahn, dass die Impfkampagne deutlich an Fahrt aufnimmt. "Wir erwarten für den Monat 15 Millionen Impfdosen", sagte Spahn. "Am wichtigsten ist, dass kein Impfstoff länger als nötig unverimpft bleibt."

Der Effekt des Impfens werde jedoch durch die steigenden Infektionszahlen gemindert. Bei älteren Menschen, die bereits ein Impfangebot erhalten haben, würden die Impfungen jedoch bereits Wirkung zeigen. So sei die 7-Tage-Inzidenz bei Menschen über 80 Jahren von über 290 Anfang Januar auf jetzt 55 gefallen. Am aktuellen Infektionsgeschehen seien sie "unterdurchschnittlich" beteiligt.

Neben Impfungen setzt Spahn auch auf die Corona-Schnelltests. Deutschland habe innerhalb kürzester Zeit ein nahezu flächendeckendes Testangebot geschaffen, so Spahn. "Eine gute Testinfrastruktur ist eine wichtige Voraussetzung für mögliche Öffnungsschritte." Jedoch sei daran erst zu denken, wenn die Infektionszahlen wieder deutlich niedriger seien.

Sieben-Tage-Inzidenz steigt auf 119,1

In Deutschland ist die Sieben-Tage-Inzidenz auf 119,1 gestiegen - einen Tag zuvor lag sie noch bei 113,3. Nachdem sie im Februar zwischenzeitlich auf unter 60 gefallen war, hatte die Sieben-Tage-Inzidenz am vergangenen Wochenende die Marke von 100 überschritten.

Die Gesundheitsämter übermittelten dem Robert Koch-Institut 21.573 neu registrierte Fälle in den vergangenen 24 Stunden. Das sind knapp 1100 Fälle weniger als am Vortag, aber rund 4000 mehr als am Freitag vergangener Woche. 

Angesichts der steigenden Infektionszahlen hatten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Regierungschefs der Länder bei ihrem Corona-Gipfel in der Nacht zu Dienstag auf die Verlängerung der geltenden Lockdown-Regeln bis zum 18. April geeinigt. Damit gilt auch weiterhin die Anfang März beschlossene Notbremse, die bei einem Inzidenzwert von über 100 greifen soll. 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. März 2021 um 10:00 Uhr und 11:00 Uhr.

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