Projekt in Thüringen Wie Schmalkalden beim Testen vorangeht

Stand: 01.03.2021 11:06 Uhr

Schnelltests gelten als wichtiges Instrument für Lockerungen. Ein bundesweites Konzept gibt es aber noch nicht. Ein Landkreis in Thüringen zeigt nun, wie es geht.

Von Bettina Ehrlich, MDR

Seit dieser Woche können sich alle Einwohner im Thüringer Landkreis Schmalkalden-Meiningen ab sieben Jahren per Schnelltest auf das Coronavirus testen lassen. Von einer "überwältigenden Resonanz" spricht die parteilose Landrätin Peggy Greiser. In den ersten vier Tagen kamen bereits 2000 Menschen zum freiwilligen Antigen-Schnelltest. In 15 Fällen fiel der Test positiv aus. Davon wurden acht Infektionen durch PCR-Tests direkt vor Ort bestätigt - sieben Testergebnisse stehen noch aus. Die Betroffenen mussten sofort in Quarantäne.

Die Landrätin setzt große Hoffnungen in die Schnelltestaktion: "Diese 15 Menschen hatten keine Symptome. Also haben wir 15 mal die Infektionsketten erfolgreich durchbrochen", so Greiser zufrieden.Denn es hätte durchaus auch anders laufen können. Im Nachbarlandkreis Hildburghausen war Ende vergangenen Jahres eine freiwillige Testaktion für Schülerinnen und Schüler sowie Kindergartenkinder so gut wie gar nicht angenommen worden. Der Landkreis hatte 11.000 Schnelltests besorgt, aber nicht einmal die Hälfte wurde in Anspruch genommen.

Skepsis gegenüber Antigen-Tests 

Vor diesem Hintergrund sind die Organisatoren im Landkreis Schmalkalden-Meiningen mit der Resonanz zufrieden. "Man muss ja auch bedenken, dass wir für die Tests eine bestimmte Zeit brauchen", betont Christopher Eichler im Landratsamt. Mit zwei Teams können innerhalb von drei Stunden maximal 210 Menschen getestet werden. Rein logistisch hätten also seit dem Start des Projekts gar nicht viel mehr getestet werden können. 

Dass alle Menschen im Landkreis durchgetestet werden, hält Eichler außerdem für unrealistisch: "Genau wie es Impfgegner gibt, stehen auch viele Menschen den Antigen-Tests skeptisch gegenüber." Das gehöre zur Wahrheit auch dazu. 

Einwohner vor Haus des Bürgermeisters 

Besonders groß ist der Widerstand in der Gemeinde Floh-Seligenthal. Bürgermeister Ralf Holland-Nell unterstützt die Schnelltestaktion des Landkreises ausdrücklich und hat sich dadurch den Zorn von einigen Einwohnerinnen und Einwohnern auf sich gezogen. Das ging sogar so weit, dass etwa 20 Menschen ausgerechnet vor seinem Wohnhaus auftauchten und ihn zur Rede stellen wollten.

Für den Bürgermeister war damit eine Grenze überschritten. "Ich bin gerne zu Gesprächen bereit, aber doch bitte in einem normalen Rahmen", sagt Holland-Nell. Nur Tage später hat die Polizei in Floh-Seligenthal einen Spaziergang der Testgegner aufgelöst, als etwa 50 Menschen in der Nähe des Rathauses eine unangemeldete Versammlung abhalten wollten.

Die Gegner der Testaktion halten den Aufwand für unverhältnismäßig und viel zu teuer. Das Geld sollte lieber in die unter der Pandemie leidenden Betriebe gesteckt werden, heißt es zum Beispiel in einem Brief an den Floh-Seligenthaler Bürgermeister. 

"Homeoffice ist für diese Leute keine Alternative"

Eins allerdings ist nicht zu leugnen: Das Coronavirus breitet sich im Landkreis Schmalkalden-Meiningen immer mehr aus. Seit Wochen kämpft das Landratsamt mit einer Inzidenz jenseits der 200. Aktuell liegt sie nach Angaben des Meininger Gesundheitsamtes bei 264 Neuinfektionen innerhalb der vergangenen sieben Tage auf 100.000 Einwohner.

"Viele Menschen stecken sich in den Familien und am Arbeitsplatz an", schätzt die Vizelandrätin Susanne Reum ein. In rund 900 Industriebetrieben arbeiten knapp 14.000 Beschäftigte. Die meisten von ihnen am Band. "Homeoffice ist für diese Leute keine Alternative", so Reum. Das sehe man auch an den Bewegungsprofilen im Landkreis. Die Menschen seien in der Region nach wie vor sehr mobil.

Umso wichtiger sei es deshalb, weitere Infektionsketten zu durchbrechen. Dafür müssten so viele Menschen wie nur möglich getestet werden. Die kostenfreien Schnelltests sollen deshalb nun erst einmal fortgesetzt werden. Mindestens noch in den kommenden drei Wochen. Dass sich Menschen auch mehrfach testen lassen, sei ausdrücklich erwünscht.

Landkreis bleibt auf Kosten sitzen

Pro Woche rechnet der Landkreis allerdings mit Kosten von rund 25.000 Euro. Eigentlich hatte der Krisenstab, allen voran die Landrätin Greiser, in Sachen Kosten zunächst voll auf Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gebaut. Er hatte ursprünglich zum 1. März kostenfreie Schnelltests für alle ins Gespräch gebracht.  Nach den Vorstellungen Spahns sollten sich alle Bürger von geschultem Personal in Apotheken oder kommunalen Testzentren mit Antigen-Schnelltests kostenfrei testen lassen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn | Bildquelle: dpa
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Hoffen auf Übernahme der Kosten - Landrätin Greiser hat sich in einem offenen Brief an Spahn gewandt.

Offener Brief an den Gesundheitsminister

"Wir hatten fest damit gerechnet und sind jetzt umso enttäuschter, dass sich Spahn im Bundeskabinett nicht durchsetzen konnte", so Greiser. Sie hat den Minister nun in einem offenen Brief aufgefordert, die Schnelltests im Landkreis Schmalkalden-Meiningen als Modellprojekt für Corona-Hotspots zu finanzieren. Schließlich sei die ganze Aktion wegweisend für die Pandemiebekämpfung im ländlichen Raum. Spahn sei auch herzlich in eins der drei Testzentren eingeladen. 

Aus der Landeshauptstadt Erfurt beziehungsweise vom Thüringer Gesundheitsministerium erwartet Meiningen derzeit nichts. Auch auf schriftliche Anfrage, gab es weder Schnelltests oder gar finanzielle Unterstützung. Landrätin Greiser setzt deshalb nun auf den Mittwoch kommender Woche. In der Bund-Länder-Schalte soll es auch um die Finanzierung freiwilliger Schnelltests gehen.

Über dieses Thema berichtete MDR Thüringen Radio am 23. Februar 2021 um 12:30 Uhr.

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