Osterurlaub in Coronazeiten Erzgebirge statt Mallorca

Stand: 21.03.2021 09:14 Uhr

Oberwiesenthal will raus aus dem Lockdown und möglichst bald wieder Gäste empfangen - selbst wenn die Inzidenzzahlen hoch sind. Gastwirte, Hoteliers und Ladenbesitzer wollen dafür beim Testen der Touristen helfen.

Von Kristin Becker, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist sehr still in diesen Tagen am Fichtelberg im Erzgebirge. Eigentlich würde es an einem Wochenende wie diesem - mit viel Schnee und Sonne - von Skifahrerinnen, Langläufern und Schlitten nur so wimmeln auf dem höchsten Gipfel in Ostdeutschland. Aber dieser Winter ist trotz guter Witterungsbedingungen ein Katastrophenwinter. Denn es fehlen die Gäste.

Seit mehr als vier Monaten wartet Jens Weißflog darauf, endlich wieder aufmachen zu dürfen. Das Hotel, das der ehemalige Skispringer mit seiner Frau führt, liegt am Hang mit traumhaftem Blick ins Tal. Der neue Anbau ist fast fertig, aber alles hier - nicht nur die Straße - ist wie eingefroren: Die Betten sind abgezogen, die Stühle hochgestellt und im Ruheraum mit Panoramablick herrscht unheimliche Dauerruhe. Von den vergangenen zwölf Monaten war das Hotel sieben geschlossen - Corona-Lockdown.

In der ersten Runde, im Frühjahr 2020 haben die Weißflogs einen Kredit aufgenommen, jetzt geht es nur noch mit den Coronahilfen. "Es sind Zustände, die einen jeden Tag ein bisschen verzweifeln lassen," sagt Weißflog, "vor allem weil keine richtige Perspektive da ist." Er habe immer weniger Verständnis für die Corona-Politik in Land und Bund, weil zwar immer wieder Schließungen, aber "nie ein Lösungsansatz diskutiert" worden sei. Dass die Ferienflieger nach Mallorca voll sind, aber er nicht weiß, ob er zu Ostern aufmachen darf, findet er nicht nachvollziehbar, das sei "zweierlei Maß".

Das Ehepaar Weißflog
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Im Frühjahr 2020 haben die Weißflogs einen Kredit aufgenommen, jetzt geht es nur noch mit den Coronahilfen. "Es sind Zustände, die einen jeden Tag ein bisschen verzweifeln lassen," sagt Weißflog.

"Covid.Ex"-Projekt: Modellversuch in Oberwiesenthal

Große Hoffnungen setzt Weißflog in ein Projekt, das verschiedene lokale Unternehmer und Unternehmerinnen seit Ende letzten Jahres vorantreiben. Oberwiesenthal soll endlich wieder öffnen - und zwar trotz hoher Sieben-Tage-Inzidenz. Im Landkreis liegt die derzeit deutlich über 100, also der Grenze, ab der die von der Bundesregierung beschlossene Notbremse greift. Es herrscht viel Unmut darüber, dass die kleinen Lockerungen der vergangenen Wochen wieder zurückgenommen werden und auch Schulen und Kitas nun erneut schließen müssen.

In Oberwiesenthal liegt die Sieben-Tage-Inzidenz sogar bei 385. Faktisch sind das hier acht Neuinfektionen in dieser Woche. Weil Oberwiesenthal nur rund 2000 Einwohner hat, wirkt sich ein einzelner Fall sofort extrem auf die Statistik aus. Sich nur an den reinen Inzidenzzahlen zu orientieren, halten viele hier deshalb für den falschen Ansatz. Stattdessen soll Oberwiesenthal - neben Augustusburg - eine von zwei Modellstädten in Sachsen werden, in denen Hotels, Restaurants, Läden und Freizeiteinrichtungen wieder aufmachen dürfen. Vielleicht sogar ganz unabhängig von der Inzidenz. Probeweise soll der Tourismus wieder hochgefahren werden. Und zwar möglichst bald, geht es nach Erik Schulze und den anderen Projektpartnerinnen und Projektpartnern.

Schulze ist eigentlich Eventmanager. Doch statt Touren rund um den Fichtelberg zu organisieren, managt er derzeit das "Covid.Ex"-Projekt. Es gehe darum, sagt er, "konstruktive Lösungen in dieser Pandemie" zu finden. Die Idee des Modellprojekts: Testen, testen, testen. Und kontrollieren. Gäste können sich vor Ankunft anmelden, einen aktuellen zertifizierten Schnelltest online hochladen und dann anreisen. Sie bekommen digital oder auf Papier einen QR-Code, der bei mehr als 60 Unternehmen im Ort als eine Art Eintrittsticket gelten soll. Damit soll es nicht nur möglich sein, wieder in die Läden zu gehen, sondern zum Beispiel auch, im Restaurant zu essen - bei den Minusgraden hoch im Gebirge ist das eine verlockende Vorstellung.

Das leere Hotel Weißflog
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Das Hotel, das der ehemalige Skispringer Jens Weißflog mit seiner Frau führt, war in den vergangenen zwölf Monaten sieben Monate geschlossen.

Testzentrum im Drive-In-Stil

Die Technik dafür liefert der IT-Dienstleister Theed Technology. Sie basiert auf einem schon lange entwickelten System, das bislang für Formel-1-Tickets oder Fußballkarten eingesetzt wurde. Eine extra App braucht es nicht. Der QR-Code der registrierten Gäste wird in den Läden oder Gaststätten einfach mittels eines kleinen Geräts oder eines Smartphones gescannt. Wer länger da ist, muss spätestens alle drei Tage einen frischen Test machen, um seine "Eintrittskarte” aktuell zu halten, so ist der Plan im Moment, vielleicht auch häufiger, wenn die Behörden es vorschreiben, erklärt Schulze. Hauptsache, es gehe wieder los.

Dafür wollen die Hoteliers und Ladenbesitzerinnen auch selbst Hand anlegen. "Klar stelle ich mich auch selber an die Teststation”, sagt Jens Ellinger. Er betreibt eine große Ferienwohnungsanlage und hat einen Lehrgang beim Deutschen Roten Kreuz gemacht, um Schnelltests für Touristinnen und Touristen, aber auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchführen zu können.

Ein Testcontainer
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Dieser einsame Container soll möglicherweise die Basis für das Testzentrum im Drive-In-Stil werden.

Noch gibt es bislang nur einen einsamem Container auf einem Parkplatz in Oberwiesenthal mit ein paar Tischen und Stühlen drin. Aber geht es nach Schulze und Ellinger, wird das die Basis für das Testzentrum im Drive-In-Stil. Gerade haben die Projektmacherinnen und Projektmacher ihren Antrag an Landesregierung, Landkreis und Gesundheitsamt geschickt, die Signale seien positiv. Das Partnerprojekt in Augustusburg könnte schon nächste Woche starten, in Oberwiesenthal hofft man auf Ostern.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 21. März 2021 um 18:05 Uhr im "Bericht aus Berlin".

Korrespondentin

Kristin Becker | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo SWR

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