ifo-Institut kritisiert Schulpolitik Jeden Tag fehlen drei Lernstunden

Stand: 20.04.2021 16:57 Uhr

Der Distanzunterricht hat auch im zweiten Lockdown nur begrenzt funktioniert, beklagen Bildungsforscher des ifo-Instituts. Kinder und Jugendliche hätten mehr gechattet und gespielt als gelernt.

Anfang des Jahres waren die Schulen das zweite Mal in der Pandemie geschlossen. Das Münchner ifo-Institut hat bei Eltern nachgefragt, inwieweit Homeschooling und Distanzunterricht während dieses zweiten Lockdowns besser funktioniert haben als im ersten. Das Ergebnis: Es gab Verbesserungen - aber eher marginale.

Im Schnitt verloren die Schulkinder nach der Erhebung mehr als drei Stunden Lernzeit pro Tag. Statt 7,4 Stunden täglich - wie vor der Pandemie - lernten die Schüler der Umfrage zufolge im Schnitt nur noch 4,3 Stunden. Das seien zwar etwa 45 Minuten mehr als im ersten Lockdown, doch die Bildungsforscher des ifo-Instituts sind von der Politik enttäuscht: Auch mit "langer Vorlaufzeit und nach eindringlichen Appellen von Eltern und Wissenschaft" sei es nicht gelungen, eine angemessene Beschulung aller Kinder im Distanzunterricht sicherzustellen, schreiben sie.

Mehr gedaddelt als gelernt

Deutsche Kinder und Jugendliche hätten mehr Zeit mit Computerspielen, sozialen Netzwerken oder ihrem Handy verbracht als mit Lernen. Studienleiter Ludger Wößmann kritisierte, dass nur eines von vier Kindern täglichen Online-Unterricht bekommen habe. Dieser müsse so schnell wie möglich allen Schülern zugänglich gemacht werden. Und das sei nicht Aufgabe der Schulen, sondern der Politik.

Am besten wäre es, wenn die Bundesländer einheitliche Lösungen fänden, sagte er. Man brauche klare und verbindliche Konzepte für den Online-Unterricht. In vielen Bereichen fehle es dabei weniger am Geld, als daran zu handeln. Bei manchen Kindern sei der Lernausfall sogar noch deutlich höher als die durchschnittlichen 3,1 Stunden: "Besonders bedenklich ist, dass 23 Prozent der Kinder sich nicht mehr als zwei Stunden am Tag mit der Schule beschäftigt haben", sagte Wößmann.

Eltern sehen auch gute Seiten

Doch nicht für alle Kinder sind die Schulschließungen negativ. Gut ein Viertel der Eltern ist der Meinung, dass sie ihren Kindern mehr genutzt als geschadet haben. Hier geht es unter anderem darum, dass Kinder seltener schikaniert wurden. Außerdem berichteten zwei Drittel der Befragten, ihr Kind habe gelernt, besser mit digitalen Technologien umzugehen. 54 Prozent sagten, ihr Kind habe gelernt, mit Krisen gut umzugehen.

Der Verband Bildung und Erziehung nannte die Ergebnisse nicht überraschend. Sie zeigten, wie schwierig es für die Pädagogen sei, die Kinder zu unterstützen. "Wenn ein Drittel der Eltern berichtet, dass es regelmäßig oder sogar täglich Probleme mit den digitalen Plattformen oder Kanälen gab, ist das ein Armutszeugnis für die Digitalisierung", sagte der Bundesvorsitzende Udo Beckmann.

Kritik an Bildungsministerium

Die FDP-Bundestagsabgeordnete Katja Suding kritisierte angesichts der Studie die Länder und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Diese hätten "bei weitem nicht genug getan, um Kindern ihr Recht auf Bildung zu sichern". Union und SPD müssten jetzt "alles dafür tun, um sicheren Präsenzunterricht zu ermöglichen".

Zur Frage Präsenz- oder Online-Unterricht zeigte sich Wößmann zurückhaltend. Grundsätzlich könne nichts einen guten Präsenzunterricht ersetzen - insbesondere für jüngere Grundschüler. Doch er sei kein Virologe, betonte er. Zuletzt hatte der deutsche Lehrerverband gefordert, Schulen bereits früher als bei der in der Corona-Notbremse des Bundes geplanten Inzidenz von 165 zu schließen. Ärztepräsident Klaus Reinhardt befand den höheren Schwellenwert dagegen für gerechtfertigt.

Derzeit gibt es unterschiedliche Regelungen in den Bundesländern. So gibt es zum Beispiel in Bayern Distanzunterricht ab Inzidenzwerten von 100 in einem Landkreis oder einer Stadt. Andernorts ist der Grenzwert höher - etwa in Hamburg, wo er bei 200 liegt. Sachsen hat sich bei Schulen ganz von einer Kopplung des Inzidenzwertes verabschiedet.

Kinder lernen im zweiten Lockdown weniger als sonst üblich
Antje Lemtis-Jahn, ARD Berlin
20.04.2021 16:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 20. April 2021 um 15:09 Uhr.

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