Corona-Lockerungen Wie riskant sind die Stufenkonzepte?

Stand: 04.02.2021 13:14 Uhr

Ein klarer Stufenplan über Lockerungen und Verschärfungen könnte den Lockdown ablösen. Doch Epidemiologen befürchten, dass der zu früh kommt - und die ersten Erfolge verspielt werden.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Die gute Nachricht ist: Der Lockdown wirkt. Langsam sinken die gemeldeten Zahlen der täglichen Corona-Neuinfektionen. 14.211 Fälle meldete das Robert Koch-Institut (RKI) heute, vergangenen Donnerstag waren es noch 17.553. Die schlechte: Es sind immer noch viel zu viele Neuinfektionen. Erst recht, wenn man bedenkt, dass die tatsächliche Zahl durch die Dunkelziffer fünf- bis zehnmal so hoch sein dürfte, wie Studien nahe legen.

Wie geht es weiter?

Der Lockdown wurde noch einmal bis Mitte Februar verlängert. Eine Ahnung, wie es danach weitergehen könnte, gibt der Stufenplan, den der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil von der SPD vorgelegt hat. In sechs Stufen soll es Lockerungen und Verschärfungen geben: Bei einer Inzidenz von mehr als 200 - Stufe 6 - beispielsweise sollen Schulen und Kitas geschlossen bleiben, private Zusammenkünfte wären nur innerhalb des eigenen Haushalts erlaubt.

Bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 - Stufe 4 - müssten Geschäfte, Museen, Frisöre und Fitnessstudios geschlossen bleiben, touristische Reisen und Beherbergung wären verboten. Bei Stufe 3 - Inzidenz zwischen 25 und 50 - dürften sich maximal fünf Personen treffen, Großveranstaltungen mit 100 Menschen wären erlaubt, wenn der R-Wert unter 0,8 liegt. Bei Stufe 1 - einer Inzidenz unter zehn - dürften Diskotheken und Clubs wieder öffnen.

Diskussionsvorlage für die Bund-Länder-Gespräche

Einen ähnlichen Plan, allerdings in nur vier Stufen, hatte schon in der vergangenen Woche der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, vorgelegt. Beide dienen als Diskussionsvorlage für die Bund-Länder-Gespräche in der kommenden Woche.

Dass es eine verbindliche Perspektive für die Menschen braucht, teilen auch viele Epidemiologen. Die konkret vorliegenden Stufenpläne werden jedoch unterschiedlich bewertet. Der international anerkannte Pandemie-Experte Klaus Stöhr begrüßt sie prinzipiell. Die Menschen "wissen dann, was sie erwartet, und das Stolpern von Lockdown zu Lockdown wird durch einen transparenten, vorhersagbaren Maßnahmenkatalog ersetzt", sagte er gegenüber dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (RND).

Stöhr: "Maßnahmen zielgerecht einsetzen"

Allerdings plädiert er dafür, die Lockerungen beziehungsweise Maßnahmen nicht nur an den Inzidenzwert zu koppeln. Es brauche eine mehrdimensionale Bewertung des Geschehens, damit Maßnahmen auch zielgerecht eingesetzt werden könnten. Beispielsweise müsste die Belegung von Intensivstationen mit einbezogen werden. Und vulnerable Gruppen wie die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen müssten viel besser geschützt werden, anstatt "nach dem Gießkannenprinzip" Kitas und Schulen zu schließen, so Stöhr.

Der Epidemiologe Ralf Reintjes hingegen steht einem solchen Stufenplan in der jetzigen Situation eher skeptisch gegenüber. "Aus soziologischer, psychologischer und gesellschaftspolitischer Sicht verstehe ich, dass die Menschen wissen wollen, wie es weitergeht", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. "Aber aus epidemiologischer Sicht mache ich mir Sorgen, ob so ein Stufenplan im jetzigen Moment - anstatt einen Weg aus der Pandemie zu ebnen - nicht vielmehr den Status Quo festschreiben würde."

Epidemiologe Reintjes: "Jeder Erfolg schnell wieder zunichte"

Die entscheidende Frage ist seiner Ansicht nach, wann man in so einen Stufenplan einsteigt: Wenn die Infektionszahlen sehr gering sind, beispielsweise bei einer Inzidenz unter zehn, könne das sehr sinnvoll sein: "Dann muss man nicht lange diskutieren, sondern kann schnell reagieren und die entsprechenden Gegenmaßnahmen einleiten, wenn die Zahlen wieder ansteigen", sagt Reintjes, der Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg ist.

So lange die Zahlen aber noch auf einem relativ hohen Niveau liegen, würde so ein Stufenplan dafür sorgen, dass jeder Erfolg durch die nächste Lockerung wieder zunichte gemacht würde. "Wer beispielsweise bei Inzidenzen zwischen 25 und 50 lockert, riskiert, dass sie bald wieder über 50, 80, 90 steigen. Dieses Auf und Ab würde dann sehr lange so weitergehen." Er plädiert deshalb dafür, zu warten bis die Inzidenzwerte deutlich niedriger sind. "Dann müsste ein solcher Stufenplan aber auch konsequent umgesetzt werden, wenn Infektionen wieder ansteigen."

Pädagoge Baumann: "Das Hin- und Her ist viel zermürbender"

Noch radikaler sieht das eine Gruppe von Wissenschaftlern, die sich für eine No-Covid-Strategie einsetzen. Ihr Ansatz sieht vor, durch eine Kombination von Maßnahmen aus Lockdown, strategischen Testungen, zielgerichtetem Mobilitätsmanagement und positiven Zielen die Inzidenzwerte europaweit zunächst unter zehn und dann in mehrstufigen Lockerungen Richtung null zu bringen. Überall dort, wo das geschafft ist, würden "grüne Zonen" eingerichtet, in denen alles wieder erlaubt wäre. Diese gelte es dann zu halten.

Menno Baumann hat als Pädagoge mit Spezialgebiet Kinder- und Jugendhilfe an dem No-Covid-Papier mitgearbeitet. Er hält insbesondere den positiven Anreiz, den diese Strategie biete, für wichtig. "Diese Ungewissheit, das ständige Hin- und Her von Maßnahmen und Lockerungen, ist für Familien viel zermürbender als ein strukturierter Lockdown mit klarem Ende", sagt Baumann im Gespräch mit tagesschau.de.

Der Unterschied zu einem Stufenplan besteht darin, dass es keine Kompromisse gibt: "Wir sagen nicht, ein bisschen Infektion ist okay und dann probieren wir es weiter. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Zahlen dann viel zu schnell wieder hoch gehen." Stattdessen gehe es darum, durch die Null die Kontrollierbarkeit der Infektionen wieder zu erlangen und dann dem Virus immer einen Schritt voraus zu sein.

Reintjes: "Sommer alles andere als entspannt"

Null Infektionen, räumt Baumann ein, sei dabei ein Idealzustand, aber es sei jedem klar, dass auch in eine "grüne Zone" immer wieder Infektionen eingetragen würden. "Es geht uns dabei um die Infektionen mit unbekannter Herkunft. Die müssen gleich Null sein, denn die bergen die Gefahr, unkontrollierter Ausbreitung. Wir müssen auf jedes Infektionsgeschehen mit dem 'Ziel der Null' reagieren."

Eine Prognose, wie diese Pandemie weitergeht, ist schwer, weil sie von sehr vielen Unbekannten abhängt. Bleibt es beim Auf und Ab von Maßnahmen und Lockerungen und der prognostizierten Impfgeschwindigkeit, dürfte die Menschen das Thema Kontaktbeschränkungen noch das ganze Jahr über begleiten, meint Epidemiologe Reintjes. Auch dass es durch die Saisonalität des Virus im Sommer eine starke Erleichterung gibt, glaubt er nicht. "In den vergangenen Sommer sind wir von einer viel niedrigeren Infektionszahl und eher lokal geprägten Ausbrüchen gestartet. Wenn wir in diesem Sommer noch eine so hohe Durchseuchung der Bevölkerung haben wie jetzt, wird es alles andere als entspannt."

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachen Aktuell am 02. Februar 2021 um 16:00 Uhr.

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Sandra Stalinski, tagesschau.de

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