Kultusministerkonferenz Schulen auf - um jeden Preis?

Stand: 18.03.2021 19:12 Uhr

Die dritte Welle der Pandemie baut sich auf, die Infektionszahlen bei Kindern steigen. Doch die Kultusministerkonferenz will die Schulen wohl offen halten. Zu groß seien bereits jetzt Bildungsverluste und soziale Folgen.

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

Die Entscheidungslage für die derzeit laufende Kultusministerkonferenz (KMK) könnte vertrackter nicht sein. Einerseits baut sich ganz offensichtlich die dritte Welle der Pandemie auf, mit erwartbaren Inzidenzwerten, die weit höher liegen als zum Zeitpunkt der ersten Schulschließungen im vergangenen Frühjahr. Andererseits hatten die Schulen erst vor knapp vier Wochen wieder ihre Türen für Grundschüler geöffnet, diese Woche kamen in vielen Bundesländern die Mittelstufen dazu. Davor hatte eine monatelange, immer wieder verlängerte Phase im Lockdown gelegen, in der die meisten Schulen allenfalls für Abschlussklassen geöffnet waren. Und jetzt schon wieder schließen, um das Infektionsgeschehen zu bremsen?

Entscheidungsdilemma bleibt

Wie immer die KMK entscheidet, wird es vermutlich Kritik nach sich ziehen. Das Dilemma der Abwägung zwischen Recht auf Bildung vor Ort - nicht nur im Home Schooling - und der gesundheitlichen Unversehrtheit von Schülerinnen und Schüler, Lehrkräften und Eltern bleibt ein Spannungsfeld. Doch bereits im Vorfeld der Runde hatte sich nach Informationen von tagesschau.de ein Konsens abgezeichnet, den man auf drei Worte reduzieren könnte: "Nicht schon wieder!"

In der Abwägung auch angesichts der neuesten Entwicklungen rund um die dynamischere Corona-Mutation B.1.1.7 hält die Runde es für vertretbar zu sagen, die Schulen müssen auch in einer dritten Welle am längsten offen bleiben. Das heißt, ein allgemeine erneute Schulschließung vor den Osterferien zeichnet sich derzeit nicht ab. Ohnehin haben Bundesländer wie etwa Mecklenburg-Vorpommern Stufenpläne erarbeitet, die regionale Schließungen bei einem erhöhten Infektionsgeschehen einzelnen Landkreisen oder kreisfreien Städten möglich machen.

In den vergangenen Monaten des Lockdown, der auch die Schulen und Kitas betraf, hatte es zunehmend Kritik gegeben, die Schülerschaft weiter im Fernunterricht zu Hause zu halten. Doch bei den zuständigen Ministerien kommen auch andere Rückmeldungen der Eltern an, die ihre Kinder aus Vorsichtsgründen lieber bis zum Abschwächen der Infektionsgefahr zu Hause behalten wollen.

Allen Elterngruppen, so die Erkenntnis der KMK-Entscheider, wird es die Schulpolitik in dieser Lage einfach nicht recht machen können. Auch unter der Kinderärzteschaft findet sich das breite Meinungsspektrum der bereits jetzt sehr besorgten Fraktion und jener, die eher mit Blick auf psychosoziale Folgen des Lockdowns für Kinder für kontrollierte Öffnungen unter Einhaltung der "AHA- und Lüftungsregelungen" plädieren - die nun auch noch durch Test- und Impfstrategie erweitert werden sollen. Zu ihnen gehört Dominik Schneider, Direktor der Dortmunder Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, der erläutert, Kinder bewegten sich normalerweise zwischen den sozialen Räumen Familie, Schule und Freunde/Hobbys: "Wir haben mit diesem harten Lockdown den Kindern zwei von diesen drei sozialen Räumen genommen", so Schneider: "Das heißt, sie sind in ihrer Lebensrealität viel stärker eingeschränkt als die meisten Erwachsenen."

"Teststrategie als Schritt zur Corona-Bekämpfung"

Mädchen mit Unterrichtsmaterial | Bildquelle: dpa
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Manche Schülerinnen und Schüler fanden Home Schooling gar nicht schlecht, manche Eltern fühlen sich damit sicherer - allen wird es die Corona-Schulpolitik wohl nie recht machen können.

Gerade erst laufen große Anstrengungen in Kultusbehörden und Schulen, die weiteren Schulöffnungen flächendeckend mit Selbsttests zu begleiten; durchaus eine logistische Herausforderung für größere Bundesländer. In Schleswig-Holstein fährt das Technische Hilfswerk gerade die erste Ladung von 230.000 Selbsttests an die Schulämter aus. In den darauffolgenden Tagen sollen weitere 380.000 Tests an die Schulen kommen, sodass alle Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein in der kommenden Woche ein Testangebot erhalten. "Die Selbsttests sind ein weiterer Baustein, um den Unterrichtsbetrieb aufrecht zu erhalten und ihn noch sicherer zu gestalten. Dadurch leisten wir auch einen gemeinsamen Beitrag zur Bekämpfung der Coronapandemie", sagt Karin Prien, CDU-Bildungsministerin in Kiel sowie KMK-Vizepräsidentin.

Dass die reduzierten und weithin nach Hause verlagerten Bildungsaufgaben wegen des massiven Schulausfalls bei vielen Kindern und Jugendlichen zu Bildungsrückständen geführt haben, ist bereits erkannt. Bund und Länder planen dafür ein umfangreiches Programm, um diese wieder aufzuholen. Dass noch weitere Rückstände durch einen neuen Lockdown hinzukommen, will die KMK offenbar vermeiden. Auch wenn das RKI den Anstieg der Infektionen bei Kindern und Jugendlichen seit Mitte Februar, als Schulen und Kitas breiter wieder öffneten, als "sehr rasant" beschreibt: Die KMK-Runde hält das Infektionsgeschehen in Schulen im derzeitigen "eingeschränkten Präsenzbetrieb" für beherrschbar - ihre selbst erhobenen Zahlen aus der Vorwoche geben Infektionsraten von unter einem Prozent in allen Bundesländern an. Insofern hat die Kultusministerkonferenz viele Gründe gesammelt, um vor der nächsten Schließung zurückzuschrecken.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 05. März 2021 um 12:12 Uhr.

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