Debatte über AstraZeneca "Um Vielfaches besser als keine Impfung"

Stand: 18.02.2021 20:05 Uhr

Mit der Debatte um das AstraZeneca-Vakzin wächst bei vielen die Skepsis. Tausende Impftermine bleiben frei. Experten betonen, der Impfstoff sei wirksam und gut. Der SPD-Politiker Lauterbach will mit gutem Beispiel vorangehen.

In der Diskussion um die Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca sind Ärzte, Politiker und Immunologen bemüht, das Vertrauen in die Impfungen zu stärken. Jeder Impfstoff böte einen deutlichen Schutz vor einer Corona-Erkrankung und sei "um ein Vielfaches besser als keine Impfung", sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI). "Zu sagen, der AstraZeneca-Impfstoff wäre zweitklassig, ist sowohl wissenschaftlich als auch von der öffentlichen Wirkung völlig daneben", so Watzl.

Lauterbach lässt sich mit AstraZeneca impfen

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach will ein klares Bekenntnis zu AstraZeneca abgeben. Der Bundestagsabgeordnete und Mediziner arbeitet ab Ende kommender Woche als Impfarzt in einem Leverkusener Impfzentrum und bekommt dabei den Impfstoff von AstraZeneca verabreicht. "Ich werde mich dort, wie alle Mitglieder des Impfzentrums, natürlich mit AstraZeneca impfen lassen", sagte er dem "Tagesspiegel".

Lauterbach sprach sich im Zusammenhang mit dem AstraZeneca-Impfstoff dagegen aus, die Impfreihenfolge zu ändern oder nicht sofort verwendete Dosen nur Freiwilligen zu spritzen. "Das würde bedeuten, dass die größten Risikogruppen, also auch Ärzte und Pfleger unter 65 Jahren, länger gefährdet sind." Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, diesen Impfstoff nur für unter 65-Jährige einzusetzen, "hat offenkundig dem Impfstoff geschadet", kritisierte Lauterbach.

Für eine öffentlichkeitswirksame Impfung, um das Vertrauen in einen Corona-Schutz zu stärken, plädiert auch die FDP. Der Fraktionsvize der Liberalen, Michael Theurer, schlug eine baldige Impfung von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier vor. "Es wäre sicherlich ein sehr positives Signal, wenn sich Bundeskanzlerin und Bundespräsident zeitnah öffentlich impfen lassen würden", sagte Theurer der "Bild"-Zeitung.

AstraZeneca weist Vorwürfe zurück

AstraZeneca trat den Darstellungen entgegen, sein Impfstoff habe nur eine geringe Wirksamkeit. Das Vakzin schütze "tatsächlich zu mehr oder weniger 100 Prozent vor den schweren Verläufen der Erkrankung", sagte Klaus Hinterding, Vizepräsident bei AstraZeneca Deutschland, im rbb-Inforadio. Das habe man in den klinischen Studien sehr deutlich nachgewiesen.

Der Impfstoff stößt auf Vorbehalte, weil seine Wirksamkeit beim Schutz vor einer Infektion mit rund 70 Prozent angegeben wird, diejenige der Produkte von BioNTech/Pfizer und Moderna dagegen mit deutlich über 90 Prozent. "Was oft verwirrend wirkt, ist der Unterschied zwischen dem Schutz vor schweren Verläufen und dem Schutz vor einer Ansteckung", sagte dazu Hinterding. Dies hänge jedoch auch davon ab, was genau in den Studien untersucht wurde. "Das Wichtigste ist, jeder Impfstoff schützt besser als gar keine Impfung. Das Schlechteste, was man tun kann, ist tatsächlich, sich gar nicht impfen zu lassen", sagte der Unternehmensvertreter.

Hunderte Impftermine nicht wahrgenommen

Die Skepsis der Menschen gegenüber dem AstraZeneca-Impfstoff führt teils zu bedenklichen Situationen. Obwohl viele Menschen einerseits sehnsüchtig auf einen Impfstoff warten, bleiben beispielsweise in Berlin etliche Dosen ungenutzt liegen. Laut Bundesgesundheitsministerium sind seit vergangener Woche mehr als 30.000 Impfdosen dort eingetroffen. Aktuell verimpft wurden jedoch gerade einmal 990 Dosen (Stand: 15. Februar).

Hintergrund ist, dass in Berlin Wahlfreiheit bezüglich des konkreten Impfstoffs herrscht - und AstraZeneca offenbar von vielen Menschen als zweitklassig wahrgenommen wird. Auch aus Nordrhein-Westfalen wurde gemeldet, dass Hunderte Impftermine mit dem Produkt von AstraZeneca nicht wahrgenommen wurden.

Tausende Impftermine in Sachsen frei

In Sachsen sind in dieser Woche ebenfalls noch mehr als 2500 Impftermine frei. Auch hier schließt das DRK Sachsen nicht aus, dass unter anderem eine Verunsicherung wegen der geringeren Wirksamkeit des Impfstoffes von AstraZeneca zu den Verzögerungen führt.

Die großen Organisationen der Ärzteschaft rufen die Pflegerinnen und Pfleger eindringlich auf, sich impfen zu lassen. "Wer nicht geimpft ist, hat ein deutlich höheres Risiko, an Covid-19 zu erkranken." Alle zugelassenen Impfstoffe, auch der von AstraZeneca, "helfen, schwere Krankheitsverläufe und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden". Inzwischen wurden laut Robert Koch-Institut (RKI) knapp 107.000 AstraZeneca-Dosen in Deutschland verimpft. Am Vortag waren von fast 740.000 an die Länder gelieferten Dosen knapp 90.000 verimpft worden. Den Impfstoff erhalten sollen zunächst vor allem Pflegekräfte in Heimen und Personal in Intensivstationen, Notaufnahmen sowie Rettungsdiensten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. Februar 2021 um 07:05 Uhr.

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