Johnson & Johnson Diese Folgen hat der Lieferstopp

Stand: 14.04.2021 16:37 Uhr

Drohen mit dem Lieferstopp bei Johnson & Johnson weitere Verzögerungen bei den Impfungen? Welche Nebenwirkungen gab es - und was könnte die Ursache sein? Antworten auf wichtige Fragen.

Von Anja Martini, tagesschau.de

Wie kam es zu dem Lieferstopp?

In den USA ist ein Impfstopp mit dem Wirkstoff von Johnson &Johnson verhängt worden. Die US-Gesundheitsbehörde CDC und die Arzneimittelbehörde FDA hatten dieses Aussetzen empfohlen. Der Grund dafür seien auffällige Nebenwirkungen gewesen: So seien bei sechs Menschen zwischen sechs und 13 Tage nach der Impfung Sinusvenenthrombosen - also Hirnvenenthrombosen - diagnostiziert worden. In drei Fällen sei zusätzlich eine Thrombozytopenie, also ein Mangel an Blutplättchen, aufgetreten. Es handele sich um Frauen im Alter zwischen 18 und 48 Jahren.

Die Auslieferung des Covid-19-Impfstoffs an die Europäische Union hatte erst am Montag begonnen. Johnson & Johnson hat sich dazu verpflichtet, bis Ende Juni 55 Millionen Dosen zu liefern, insgesamt sollen in diesem Jahr 200 Millionen Dosen an die EU gehen. Wegen der Berichte über Komplikationen verschob der US-Hersteller seine Auslieferung an die EU-Staaten.

Mit wie vielen Dosen des Impfstoffes rechnete Deutschland?

Deutschland erwartet nach den bisherigen Lieferzusagen für das zweite Quartal rund zehn Millionen Dosen des Präparats von Johnson & Johnson. Diese fallen jetzt erst einmal aus. Eine erste Lieferung von mehr als 230.000 Dosen des Corona-Impfstoffs war am Dienstag in der Bundeswehrapotheke in Quakenbrück (Landreis Osnabrück) angekommen. Alle Corona-Impfdosen für Deutschland werden zunächst dorthin gebracht. Von dort sollte der Impfstoff dann an die Bundesländer verteilt werden.

Kommt es nun zu weiteren Impf-Verzögerungen in Deutschland?

Unklar. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach geht nicht von einem nachhaltigen Schaden für die Impfkampagne in Deutschland aus. Die Thrombose-Fälle seien nach den Fällen bei dem ähnlichen Impfstoff von AstraZeneca zu erwarten gewesen, so Lauterbach im Deutschlandfunk. Er gehe davon aus, dass die Komplikation so rar sei, dass der Impfstoff nach einiger Zeit wieder in den USA verimpft und der Impfstart dann auch in Europa beginnen werde.

In Bayern etwa sagte ein Sprecher des Landesgesundheitsministeriums der Nachrichtenagentur Reuters, dass der vorläufige Lieferstopp keine Änderungen bei der Impfplanung in Bayern erfordere. Der Impfstoff sei noch gar nicht in die Impflogistik eingespeist gewesen.

Anders in Brandenburg: Auch weil 6700 Impfdosen von Johnson & Johnson zunächst nicht nach Brandenburg ausgeliefert würden, verschärfe dies die bereits bestehenden Engpässe weiter, sagte Landesinnenminister Michael Stübgen. Termine für Erstimpfungen würden gestoppt.

Wie reagiert die EU auf den Lieferstopp?

Die Europäische Kommission hat bei BioNTech/Pfizer insgesamt 50 Millionen Dosen Corona-Impfstoff zusätzlich bestellt. Sie sollen bis Ende Juni geliefert werden. Außerdem sagten BioNTech/Pfizer zu, die für das vierte Quartal vorgesehenen Dosen bereits ab Ende April zu liefern. Die gesamte Liefermenge von Biontech/Pfizer für das zweite Quartal steigt so auf 250 Millionen Dosen. Diese werden in der gesamten EU verteilt.

Wie funktioniert der Impfstoff von Johnson & Johnson?

Der Johnson & Johnson Impfstoff ist - genau wie der von AstraZeneca - ein sogenannter Vektorimpfstoff. Dabei wird der genetische Bauplan eines Teils des Coronavirus in einen abgeschwächten Trägervirus verpackt, der für den Menschen nicht schädlich ist. Dieser Trägervirus bringt Teile des Erbmaterials des Virus in die Zelle. Die menschliche Zelle baut diese Teile des Virus nach. Das Immunsystem reagiert und bildet Antikörper. Damit ist die Wirkungsweise von Johnson & Johnson die gleiche wie die des Impfstoffs von AstraZeneca. Jedoch ist für den Impfstoff von Johnson & Johnson nur eine Impfdosis nötig. Alle anderen bisher in Deutschland zugelassenen Wirkstoffe müssen zwei Mal verimpft werden.

Wodurch werden die Thrombosen ausgelöst?

Wissenschaftler gehen davon aus, dass es möglicherweise mit dem speziellen Typ dieser Impfstoffe zusammenhängt. "Die Tatsache, dass beide Impfstoffe auf dem gleichen Prinzip beruhen und die gleichen Probleme verursachen, spricht meines Erachtens eher dafür, dass der Vektor selbst die Ursache ist", sagte Johannes Oldenburg vom Universitätsklinikum Bonn der Deutschen Presse-Agentur. Allerdings sei das zum gegenwärtigen Zeitpunkt spekulativ.

Es sei theoretisch auch denkbar, dass das Spike-Protein des Virus, das in allen verfügbaren Impfstoffen dem Immunsystem zur Bildung von Abwehrstoffen präsentiert wird, die Nebenwirkungen verursacht, erklärte Oldenburg. Ebenso sei es grundsätzlich möglich, dass die Nebenwirkungen unspezifisch im Rahmen der allgemeinen Immunantwort ausgelöst würden.

Auch Clemens Wendtner, Chefarzt an der München Klinik Schwabing vermutet, dass den Nebenwirkungen bei beiden Impfstoffen ein ähnlicher Mechanismus zugrunde liegt. "Wir haben im Fall von Johnson & Johnson die gleichen Nebenwirkungen, die auch bei AstraZeneca aufgetaucht sind", sagt Wendtner. "Da stellt sich die Frage, ob es hier einen Klasseneffekt gibt, also die Adenoviren, die als Vektoren genutzt werden, die Probleme auslösen."

Wissenschaftler der Universitätsmedizin Greifswald vermuten als mögliche Ursache für die Komplikationen, dass es sich bei den Thrombosen um eine Abwehrreaktion der Blutplättchen handelt. Die habe zu einer Bildung von Blutgerinseln im Gehirn geführt.

Welche Folgen hatten ähnliche Nebenwirkungen bei AstraZeneca?

Seltene Thrombosefälle hatten in den vergangenen Wochen schon Zweifel am Impfstoff von AstraZeneca gesät und zu einem vorübergehenden Stopp der Impfungen mit diesem Mittel geführt. Bis zum 8. April wurden dem Paul-Ehrlich-Institut 46 Fälle einer Sinusvenenthrombose nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff (neuer Name: Vaxzevria) gemeldet, in 24 Fällen zusätzlich eine Thrombozytopenie. Fünf Frauen und drei Männern starben. Mit Ausnahme von sieben Fällen betrafen alle Meldungen Frauen im Alter zwischen 20 und 66 Jahren. Die Männer waren 24 bis 58 Jahre alt. In Deutschland darf dieses Vakzin inzwischen nur noch bei Menschen ab 60 Jahren uneingeschränkt eingesetzt werden.

Was sind Hirnvenenthrombosen?

Sinusvenenthrombosen sind Blutgerinnsel in Venen im Gehirn, die Blut aus dem Gehirn abführen. Symptome können Kopfschmerzen, aber auch epileptische Anfälle, Lähmungen oder Sprachstörungen sein.

Die Blutgerinnsel in den Hirnvenen seien laut Mitteilung des Paul-Ehrlich-Instituts zusammen mit einer Thrombozytopenie aufgetreten, also einem Mangel an Blutplättchen. Blutplättchen sind für die Blutgerinnung mit zuständig. Ein Mangel an Blutplättchen führt zu einer erhöhten Blutungsneigung. Als Symptome treten unter anderem punktförmige Einblutungen in die Haut oder Schleimhäute auf, auch starkes Nasenbluten ist möglich.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 14. April 2021 um 14:00 Uhr.

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Anja Martini, tagesschau.de

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