Auf der Einkaufsstraße und Fußgängerzone in Stralsund sind zahlreiche Passanten unterwegs | Bildquelle: dpa

Trotz Corona-Lockdown Warum sind die Zahlen immer noch so hoch?

Stand: 12.01.2021 08:03 Uhr

Seit Anfang November befindet sich Deutschland wieder im Lockdown. Doch warum sind die Corona-Fallzahlen noch immer so hoch? Knapp 13.000 Neuinfektionen und fast 900 Tote meldet das RKI heute.

Trotz der seit mehr als zwei Monaten geltenden Lockdown-Maßnahmen bleiben die Corona-Fallzahlen hoch. Für die vergangenen 24 Stunden meldet das Robert-Koch-Institut 12.802 Neuinfektionen. Das sind rund 900 mehr als am Dienstag vor einer Woche. 891 weitere Menschen starben an oder mit dem Virus. Die Sieben-Tage-Inzidenz fällt leicht auf 164,5 von zuletzt 167.

Zwar sind die Zahlen derzeit nur bedingt vergleichbar, weil über Weihnachten und rund um den Jahreswechsel weniger getestet und übermittelt wurde. Dennoch zeigt sich, dass es offensichtlich schwer ist, die Fallzahlen zu senken, um die von Bund und Länder angestrebte Sieben-Tage-Inzidenz auf unter 50 Fälle pro 100.000 Einwohner zu drücken.

Gehen die Einschränkungen nicht weit genug oder halten sich zu viele Menschen nicht an die Regeln? Wo genau stecken sich die Betroffenen an?

Die Suche nach Antworten gleicht Stochern im Nebel. Für fundierte Aussagen fehlen schlicht Daten. In vielen Fällen wisse man nicht, wo Infizierte sich angesteckt haben, sagte Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen der Deutschen Presse-Agentur. "Einerseits haben wir zwar weniger Kontakte, andererseits wissen wir scheinbar aber trotzdem wenig darüber, wo es gewesen sein könnte." Es gebe wenig große Ausbrüche. "Von Infektionsherden kann man nicht wirklich sprechen, eher von einzelnen Kerzen."

Infektionsketten nicht eindeutig nachvollziehbar

In den Lageberichten des Robert Koch-Institut ist von einer oft diffusen Ausbreitung von Sars-CoV-2-Infektionen in der Bevölkerung die Rede, "ohne dass Infektionsketten eindeutig nachvollziehbar sind". Häufungen stünden im Zusammenhang mit Alten- und Pflegeheimen, privaten Haushalten und dem beruflichen Umfeld. Zu der hohen Inzidenz trügen aber auch viele kleinere Ausbrüche etwa in Kliniken bei.

Zeeb ist zudem unklar, wie stark die wohl ansteckendere Coronavirus-Variante B.1.1.7 in Deutschland schon verbreitet ist. Der Anteil untersuchter Proben sei viel zu gering, um Rückschlüsse darauf zu ziehen. Dass das Sinken der Neuinfektionszahlen nur sehr langsam vorankomme, könne aber ein Indiz dafür sein, dass sich das Virus an manchen Stellen verändert habe.

Trugen Lockerungen rund um Weihnachten bei?

Kaum zu beantworten ist auch die Frage, ob Lockerungen bei den Kontaktbeschränkungen über Weihnachten die Zahlen auf hohem Niveau gehalten haben. Um die Feiertage herum sei weniger getestet worden, erklärte Zeeb. Daher seien die aktuellen Zahlen auch mit Vorsicht zu beurteilen. "Ich glaube, wir werden es nie ganz genau wissen."

Positiv sei aber, dass es zumindest keinen rasanten Anstieg nach den Familienfesten gegeben habe. Anders als im Lockdown im Frühjahr hätten viele große Betriebe noch offen, nennt der Epidemiologe einen weiteren Faktor. "Das führt dazu, dass viele Menschen unterwegs sein müssen."

Arbeitsmiteinander hat einen Anteil

Zugleich warnte er davor, es sich zu einfach zu machen bei Ursachensuche und Argumentation - nach dem Motto: In den Firmen und Büros sind noch Leute zusammen, also wird es das schon sein. Zumindest einen Anteil hat das Arbeitsmiteinander aber wohl schon.

Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig sagte am Sonntagabend bei "Anne Will", der Arbeitsplatz sei ein Bereich, wo noch mehr Kontakte eingeschränkt werden könnten. Derzeit gebe es noch viel weniger Menschen im Homeoffice als im Frühjahr.

Wichtig sei zu verhindern, dass sich Menschen bei der Arbeit träfen und vielleicht noch zusammen essen gingen oder im Pausenraum die Masken abnähmen. "Das sind Maßnahmen, die sind jetzt ganz, ganz wichtig", so Brinkmann. "Wir müssen wirklich noch mal richtig dolle draufhauen", appellierte die Virologin. "Und je doller und schneller wir Virusübertragungen jetzt unterbrechen können, desto besser."

Kai Nagel, Leiter des Fachgebiets Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik an der TU Berlin, sagte dem "Tagesspiegel", im Frühjahr hätten die Menschen den Lockdown praktisch vorweggenommen und die Menge ihrer Aktivitäten außer Haus um 40 Prozent reduziert, noch bevor die Regierung das anordnete. Zum Jahresende hin sei es umgekehrt gewesen: "Die Maßnahmen griffen ab Mitte Dezember, und davor gab es hektische Betriebsamkeit."

Grundlagen für politische Entscheidungen verbessern

Dass strenge Maßnahmen helfen, die Ausbreitung des Virus deutlich zu verringern, zeigen Beispiele wie China, wo die Regierung viel rigoroser durchgreift. Ob man das mit all den damit verbundenen Folgen wolle, müsse für jeden einzelnen Fall diskutiert werden, sagte Zeeb. Klar sei aber, dass die Grundlagen für politische Entscheidungen verbessert werden müssten.

"Wir können unsere Entscheidungen noch nicht gut begründen auf Grundlage von Daten", so der Forscher. "Wir wissen nicht mal hinterher, was ausschlaggebend gewesen ist." Weil die Pandemie noch Monate anhalten werde, sei es wichtig, gemeinsam festzuzurren, welche Daten man erheben wolle und wie diese intelligent interpretiert werden können. Das laufe bisher viel zu lückenhaft und uneinheitlich, so Zeeb. "Positiv formuliert: Da ist noch zu viel Vielfalt im System."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. Januar 2021 um 11:00 Uhr.

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