Behandlung von Covid-19 Ist eine Corona-Patientenverfügung nötig?

Stand: 14.02.2021 05:08 Uhr

Patientenverfügungen sollen sicherstellen, dass Menschen in Extremsituationen ihrem Willen entsprechend behandelt werden. Müssen sie für den Fall einer Corona-Infektion angepasst werden?

Von Irene Esmann, BR

Ruth Albrecht ist Anfang 60. Sie engagiert sich in einem Hospizverein und leitet eine Trauergruppe. Sie beschäftigt sich also regelmäßig mit Krankheit und Tod. Seit einiger Zeit hat sie auch eine Patientenverfügung. Doch Corona hat Albrecht noch einmal ins Grübeln gebracht, ob diese ihrem Willen auch wirklich entspricht.

Ruth Albrecht überprüft ihre Patientenverfügung. | Bildquelle: Andreas Weiss (BR)
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Ruth Albrecht überprüft ihre Patientenverfügung.

In ihrer allgemeinen Patientenverfügung hat sie vermerkt, im Fall der Fälle keine lebensverlängernden Maßnahmen in Anspruch nehmen zu wollen. Auch keine Beatmung. Doch was, wenn sie wegen einer Corona-Infektion beatmet werden müsste? Dann würde sie das natürlich schon wollen, sagt sie, schließlich könne eine Beatmung ja dazu beitragen, dass sie wieder gesund wird. "Aber ich weiß jetzt auch nicht, wie ich das genau dokumentieren könnte", so Albrecht.

Viele Menschen sind verunsichert

Nicht nur Albrecht stellt sich diese Fragen. Viele seien verunsichert, berichtet die Münchner Fachanwältin für Medizinrecht, Tanja Unger. Während der ersten Corona-Welle und auch in den vergangenen Wochen hätten deshalb viele besorgte Mandanten in der Kanzlei angerufen.

Ruth Albrecht mit einer Patientenverfügung | Bildquelle: Andreas Weiss (BR)
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In der Regel ist die Standard-Patientenverfügung ausreichend.

Grundsätzlich gilt, so die Juristin, dass die Standard-Patientenverfügung nur greift, wenn jemand nicht mehr in der Lage ist, selbst zu kommunizieren, und die Prognose schlecht ist, wieder gesund zu werden. In der Regel sei das bei Corona nicht der Fall. Das heißt: Die Ärzte werden erst einmal das tun, was medizinisch angebracht ist. Für Ruth Albrecht bedeutet das: Ihre Patientenverfügung muss sie erst einmal nicht ändern.

Nein zur Behandlung im Krankenhaus?

Doch was ist, wenn man eben auf keinen Fall intensivmedizinisch behandelt werden will? Der Leiter der München-Klinik in Schwabing, Clemens Wendtner, hat vor Kurzem gesagt, er beobachte, dass viele Senioren mit einer Corona-Infektion nicht mehr ins Krankenhaus gebracht und auch nicht intensivmedizinisch behandelt werden wollten. Zahlen dazu gibt es bislang noch nicht.

Ruth Albrecht denkt da auch an ihre hochbetagte über 90 Jahre alte Mutter. Im Moment kann sie über deren Willen nur spekulieren. Die Münchnerin geht aber davon aus, dass ihre Mutter im Falle einer Corona-Infektion nicht ins Krankenhaus wolle, sondern stattdessen zu Hause gepflegt und gegebenenfalls palliativ versorgt werden würde. Besprochen oder gar dokumentiert ist das bislang allerdings nicht.

Eine Patientenverfügung | Bildquelle: Irene Esmann (BR)
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Je konkreter die Verfügung ist, desto besser.

Corona-Patientenverfügung kann sinnvoll sein

Fachanwältin Unger empfiehlt in diesem Fall eine Ergänzung der allgemeinen Patientenverfügung. Entsprechende Formulare finden sich im Internet, können kostenlos heruntergeladen werden. Es gibt sie zum Beispiel vom Malteser-Hilfsdienst. Darauf beschrieben sind unterschiedliche Situationen und Behandlungsoptionen, die angekreuzt werden können. Etwa, ob man im Fall einer Infektion in ein Krankenhaus verlegt werden möchte und ob dann auch eine Behandlung auf einer Intensivstation erfolgen soll oder nicht.

Auch die konkrete Frage, inwieweit jemand beatmet werden möchte, ob nicht-invasiv mit Maske oder invasiv über einen Schlauch in der Luftröhre, wird gestellt und kann entsprechend markiert werden. Albrecht findet diese Möglichkeit gut und wichtig, gleichzeitig fühlt sie sich überfordert angesichts der Fragestellungen. Schließlich sei sie keine Medizinerin.

Recht auf Beratung

Sepp Raischl, fachlicher Leiter des Christophorus Hospizvereins in München, unterstützt Menschen beim Nachdenken über eine Patientenverfügung. Er weist darauf hin, dass Menschen in stationären Pflegeinrichtungen sogar ein Recht auf entsprechende Beratung haben. Seit 2015 können sechs Stunden Gesprächsbegleitung verteilt auf mehrere Wochen oder Monate in Anspruch genommen und abgerechnet werden.

Das führe dann womöglich auch zu einem anderen Ergebnis, als wenn man einfach nur ein Formular ausfüllt, sagt Raischl. Ein Pflegeheim müsse das organisieren, die Gespräche würden dokumentiert. "Bis hin zum letzten Prozess, wo es um einen Notfallplan geht. Denn es ist ja nicht damit getan zu sagen, ich möchte keine Beatmung haben, sondern auch was man in dem Fall dann tut. Wie soll mit dem Fieber umgegangen werden, wie mit der Atemnot", erklärt Raischl vom Hospizverein.

Dokumentation schafft Sicherheit für Angehörige und Ärzte

Das Entscheidende für Raischl: Die Dokumentation des Willens schafft Sicherheit für die Ärzte und die Angehörigen und für das gesamte Umfeld.

Ludwig Ney, Intensivmediziner am Innenstadtklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München, bestätigt das. Mit Blick auf die Corona-Pandemie weist der Mediziner aber darauf hin, dass die Patienten in der Regel zunächst ansprechbar sind. "Die meisten kommen ja zu uns nicht wie nach einem Unfall oder Herzinfarkt in einer akuten Situation, sondern mit einer allmählichen Verschlechterung und man kann sie fragen, was ihre Vorstellung ist, wie weit wir gehen sollen und dann bekommt man das schon ganz gut raus", so Ney. Doch gerade in dieser Situation helfe es, wenn die Patienten sich vorher schon einmal damit beschäftigt hätten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2020 um 18:45 Uhr.

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