Forscher prangern Corona-Politik an "Drinnen lauert die Gefahr"

Stand: 12.04.2021 07:32 Uhr

Aerosolforscher haben die beständigen Debatten über Treffen in Biergärten oder Joggen im Freien kritisiert. Damit setzten die Corona-Maßnahmen an der falschen Stelle an. Stattdessen müsse der Schutz in Innenräumen verstärkt werden.

In einem offenen Brief haben die führenden Köpfe der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) die Bundesregierung aufgerufen, ihren Umgang mit der Corona-Pandemie teilweise zu überdenken. Der Schutz vor Ansteckungen mit dem Virus müsse vor allem dort stattfinden und intensiviert werden, wo sich Menschen in Innenräumen aufhalten. Das im Internet veröffentlichte Schreiben richtet sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sowie an die Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen und die Gesundheitsämter der Bundesländer.

Die zentrale Aussage der Forscher lautet: "Die Übertragung der SARS-CoV-2 Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt." Im Freien werde das Virus nur "äußerst selten" übertragen und führe nie zu sogenannten Clusterinfektionen, also breitgefächterten Ansteckungen, zitierte die Nachrichtenagentur dpa aus dem Brief. Die Gefahr, sich zu infizieren, bestehe vor allem in Innenräumen. Hier sei das Risiko einer Clusterinfektion etwa in Alten- und Wohnheimen, Schulen, bei Veranstaltungen, Chorproben oder während einer Busfahrt am größten. Die Wissenschaftler warnen:

"Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass DRINNEN die Gefahr lauert."

Die Gesellschaft für Aerosolforschung

Die Gesellschaft für Aerosolforschung wurde 1972 von einer Gruppe aus 38 Mitgliedern am Max-Planck-Institut gegründet. Mittlerweile arbeiten in der GAeF internationale Wissenschaftler, aber auch Vertreter aus der Industrie und von Universitäten aus aller Welt zusammen.

Die GAeF veranstaltet regelmäßig die "European Aerosol Conference", an der zuletzt 2017 etwa 800 Teilnehmer aus 46 Ländern teilnahmen. Zudem beteiligt sich die Gesellschaft an internationalen Konferenzen, die in der Vergangenheit unter anderem in den USA, in Japan oder Finnland abgehalten worden.

Derzeit steht Dr. Christof Asbach als Präsident an der Spitze der GAeF. Asbach leitet zudem den Bereich für Luftreinhaltung & Filtration am Institut für Energie- und Umwelttechnik. Neben Asbach zählt auch der stellvertretende GAeF-Präsident Prof. Dr. Andreas Held zu den Unterzeichnern des offenen Briefes zur Corona-Politik. Er leitet das Fachgebiet Umweltchemie und Luftreinhaltung an der Technischen Universität Berlin.

"Falsche Vorstellungen über Ansteckungspotential"

Doch genau diese Sensibilisierung findet aus Sicht der Verfasser des offenen Briefes nicht ausreichend statt. Die öffentliche Debatte über Corona-Maßnahmen bilde nicht den wissenschaftlichen Erkenntnisstand ab, sodass viele Menschen "falsche Vorstellungen über das mit dem Virus verbundene Ansteckungspotential" hätten. Durch Maßnahmen wie Verbote, sich in Parks zu treffen, beliebte Strecken für Spaziergänge komplett zu sperren oder auch die in der geplanten Bundesnotbremse angedachten nächtlichen Ausgangssperren entstehe der Eindruck: "Draußen ist es gefährlich." Dadurch würden aber "heimliche Treffen in Innenräumen" nicht verhindert, sondern "lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen".

"Die andauernden Debatten über das Flanieren auf Flusspromenaden, den Aufenthalt in Biergärten, das Joggen oder das Radfahren haben sich längst als kontraproduktiv erwiesen", heißt es in dem Brief weiter. Und die beständige Warnung vor Kontakten drohe die "überall erkennbare Pandemiemüdigkeit" sogar zu verstärken. "Nichts stumpft uns Menschen bekanntlich mehr ab als ein permanenter Alarmzustand", warnen die Mitglieder der GAeF.

Masken und wenige Kontakte vor allem drinnen nötig

Die Forscher appellieren deshalb an die Bundesregierung, Landeschefs und Ministerien, die Schutzmaßnahmen für den Aufenthalt in Innenräumen zu verstärken. Dort dürften sich so wenig Menschen wie möglich treffen. Vor allem, weil nicht nur eine Ansteckungsgefahr durch den direkten Kontakt mit jemanden bestehe, der sich infiziert habe, sondern auch dann, wenn sich eine infizierte Person zuvor in dem Raum aufgehalten hat. Als weitere Maßnahmen nennen die Verfasser das regelmäßige Stoßlüften oder den Einsatz von Raumluftreinigern, etwa in Altenheimen, Schulen und Büros.

Auch auf die Notwendigkeit von Schutzmasken in Innenräumen weisen die Forscher nochmals explizit hin: "In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen." Des Weiteren appellieren die Verfasser, Veranstaltungen wie Konzerte, Theateraufführungen und Gottesdienste in große, gut gelüftete Hallen zu verlegen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. April 2021 um 07:02 Uhr.

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