Recherchen im Netz Schneller als die Ermittlungsbehörden

Stand: 14.01.2021 17:49 Uhr

Ob beim Angriff auf das Kapitol oder im Fall Nawalny - Journalisten und Rechercheure sind oft schneller als Ermittlungsbehörden, auch dank Online-Recherche-Tools. Doch es gibt Grenzen.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Nach dem Sturm auf das Kapitol in Washington rief das FBI dazu auf, bei der Suche nach den Aufrührern zu helfen. Die Trump-Unterstützer hatten selbst zuhauf Videos und Fotos ins Netz gestellt und es gab Medienberichte. Die Herausforderung bestand darin, den Hunderten Gesichtern Namen und Wohnorte zuzuordnen.

Des Aufrufs hätte es nicht bedurft. Viele wunderten sich beim Anblick der Bilder am 6. Januar, wie die Demonstranten in das Gebäude hatten eindringen können, das von einer eigenen Polizeieinheit bewacht wird. So kam auf Twitter und anderen sozialen Medien die Frage auf, ob das Eindringen koordiniert geschah und es Unterstützer im Kapitol gab.

Eine Suche nach Antworten mit Hilfe der Aufnahmen begann, angeführt unter anderem vom Wissenschaftler John Scott-Railton von der Munk School der Universität Toronto. Er befasst sich seit langem mit Protestbewegungen und digitaler Sicherheit. Scott-Railton rief seine Twitter-Follower auf, insbesondere Bilder von Aufrührern in Militäruniform auszuwerten, die häufig durch Aufnäher an ihrer Kleidung und spezielle Ausrüstung vielfältige Hinweise lieferten. So gelang es, einen pensionierten Oberstleutnant der Air Force auszumachen. Ein Investigativreporter der Zeitschrift "New Yorker" befragte dann Angehörige und auch den Mann selbst, der inzwischen in Haft sitzt.

Die Nadel im Heuhaufen

Medien wie die "New York Times" vollzogen anhand des Bildmaterials die Ereignisse von der Demonstration mit Donald Trump bis zum Vordringen seiner Anhänger in den Senatssaal nach. Die Beispiele zeigen, dass heutzutage die Herausforderung zumeist nicht mehr in einem Mangel an Informationen besteht, sondern aus einer Vielzahl an Material die wichtigen Details herauszufinden und diese korrekt zuzuordnen.

Im Internet finden sich Software-Instrumente, zum Beispiel zur Auswertung von Bildmaterial. Es gibt Satellitenbilder und Landkarten von fast jedem Ort der Erde. Andere Instrumente dienen der Auswertung von Nutzerdaten sozialer Medien und von E-Mail-Konten. Hinzu kommen Datenbanken mit Unternehmensdaten oder auch Koordinaten von Flugzeug- und Schiffsbewegungen.

Deren Nutzung erfordert allerdings Geschick, Vorstellungsvermögen, Erfahrung, lokale Kenntnisse und Zeit, um stichhaltige Ergebnisse zu erzeugen - zum Beispiel bei der zeitlichen und geografischen Zuordnung von Fotos. Idealerweise führen Spezialisten Teams an, die die Suche in die aussichtsreichste Richtung lenken. Helfen können bei Fotos Landschaftsformen und Gebäude im Hintergrund, Straßenschilder oder der Sonnenstand. Logos auf Kleidung und Merkmale von Produkten geben Hinweise auf Herstellungszeitraum und Herkunft. So kann es anhand von Details gelingen, eine Aufnahme auf die Stunde genau und den Ort hin zuzuordnen. Auch Bewegungsprofile von Personen über Jahre hinweg sind möglich.

Organisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International nutzen dies, um Aufnahmen von Gräueltaten in Kriegen sowie die Nutzung geächteter Waffen gegen Zivilisten nachzuverfolgen, dies in Ergänzung zu Recherchen vor Ort. Internationale Journalistennetzwerke wie OCCRP und GIJN decken mit umfangreichen Recherchen Korruptionsfälle auf, deren Ausgangspunkt häufig Informationen von Whistleblowern sind.

Digitaler Schwarzmarkt in Russland

Für viel Aufmerksamkeit sorgten die Berichte zum Abschuss der Passagiermaschine MH17 über der Ukraine, zum Fall Skripal, beim Tiergartenmord und zur Vergiftung des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny der Organisation Bellingcat, die den Ermittlungen nationaler und internationaler Untersuchungsbehörden voraus waren.

Die Bellingcat-Mitarbeiter sind auf Internetrecherchen zu speziellen Themen und Regionen spezialisiert. Sie kooperieren mit Journalistenorganisationen wie "The Insider" in Russland, die Informationen vor Ort prüfen und lokales Wissen beisteuern. Das trifft auch auf freiwillige Unterstützer und auf Journalisten zu, die bei Bellingcat-Trainings Fähigkeiten erwerben und im Kontakt mit der Organisation bleiben.

Neben öffentlich zugänglicher Information (Open Source Information - OSINT), auf die auch Ermittlungsbehörden zum großen Teil zurückgreifen, nutzte Bellingcat-Rechercheur Christo Grozev in Russland auch käuflich erwerbbare Informationen. Für die Daten von Nawalnys Verfolgern gab er nach eigenen Angaben etwa 20.000 Euro aus.

Das allerdings ist keine besondere Leistung. Auch der Journalist Maxim Kireev konnte kürzlich in einem Selbstversuch auf dem digitalen Schwarzmarkt Daten erwerben, die russische Behörden über ihn gespeichert hatten. In Russland seien nicht nur Überwachung und Digitalisierung weit vorangeschritten, der Datenschutz und Strafen für Datenhandel seien auch gering. So verdienen sich Beamte ein Zubrot und Rechercheure profitieren.

Ethische Bedenken

Es besteht jedoch die Gefahr, dass Daten unvollständig und manipuliert sind. Fraglich ist auch, ob Journalisten illegalem Datenhandel Vorschub leisten sollten. Grozev sagte der "Washington Post", er halte es ethisch für vertretbar, wenn das Fehlverhalten eines Staates bewiesen werden kann. Auch prüfe er Daten mehrfach, und er legte den Medienpartnern seine Quellen offen.

Ethische Bedenken wirft ebenso der Einsatz von Software zur Erkennung von Stimmen und Gesichtern auf. Letztere nutzte der Forscher Scott-Railton im Fall der Angreifer auf das Kapitol. Hier geht es um die Frage, ob die Nutzung von Mitteln gerechtfertigt ist, die in anderen Zusammenhängen als Überwachung abgelehnt wird. Die Verwendung solcher Software im Internet ermöglicht es den Entwicklerfirmen auch, ihre Tools weiterzuentwickeln und Datenbanken zu füllen.

Kein verlängerter Arm der Polizei

Nicht zuletzt geht es darum, was mit den Rechercheergebnissen geschieht. Es muss abgewogen werden, die Veröffentlichung wie vieler persönlicher Daten ein Fall rechtfertigt. Mit Blick auf die Aufrührer in Washington sagten Fotografen und Reporter dem Journalismus-Institut Poynter, dass ihnen die Identifizierung der Randalierer wichtig sei, um sie zur Rechenschaft zu ziehen und Behauptungen zu widerlegen, dass die Trump-Anhänger von Provokateuren infiltriert worden seien.

Die Weitergabe nichtveröffentlichten Materials an Ermittlungsbehörden wiederum lehnt zum Beispiel der Rechtsberater des Nationalen Pressefotografenverbandes in den USA, Mickey Oesterreicher, ab. Mit Blick auf die Berichte über die Aufrührer in Washington sagte er: "Wir wollen nicht als Arm der Strafverfolgung wahrgenommen werden." Wenn Demonstranten glaubten, dass Reporter Beweise für die Polizei sammelten, nähmen sie Journalisten ins Visier. Dies allerdings geschah bereits bei vielen Veranstaltungen, nachdem Politiker wie Donald Trump die Medien als "Feinde des Volkes" und "Lügenpresse" bezeichnet hatten. Auch waren es die Teilnehmer selbst, die sich auf Videos und Fotos im Internet präsentierten und damit Daten über sich preisgaben.

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