Neue Coronavirus-Varianten Wie gefährlich sind die Mutationen?

Stand: 06.01.2021 20:02 Uhr

Vor allem der wohl deutlich höhere R-Wert der Corona-Mutationen bereitet Wissenschaftlern große Sorgen. Es droht eine neue Dimension der Ausbreitung. In Deutschland gibt es kaum Daten darüber.

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Die verschärften Corona-Schutzmaßnahmen in Deutschland wurden auch mit den neu aufgetauchten Mutationen des Coronavirus begründet. Wie gefährlich die in Großbritannien und in Südafrika entdeckten Varianten tatsächlich sind, lässt sich noch nicht mit Gewissheit sagen. Die bisher vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass vor allem die schnellere Übertragbarkeit eine große Gefahr darstellt.

Die vor allem in England verbreitete neue Variante namens B.1.1.7 ist nach heutigem Erkenntnisstand nicht tödlicher als die bisher grassierenden Varianten. Aber sie ist wohl deutlich ansteckender. Das heißt, dass ein Infizierter im Schnitt mehr Menschen ansteckt als bisher - je nach Untersuchung um etwa 50 bis 70 Prozent.

Dies mag auf den ersten Blick nicht sonderlich dramatisch klingen, aufgrund des exponentiellen Wachstums droht jedoch in kürzester Zeit eine völlig neue Dimension der Ausbreitung. Die Gefahr durch die neue Virusvariante werde "nicht ernst genommen", warnte die Virologin Isabella Eckerle auf Twitter. "Es wird wieder abgewartet bis es zu spät ist, und wieder die Stimme der Wissenschaft ignoriert."

Zahl der Toten würde sich drastisch erhöhen

Welche Folgen eine 50 Prozent ansteckendere Variante hätte, rechnete Adam Kucharski, Professor an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, auf Twitter vor. Der Spezialist für mathematische Analysen und Epidemien stellte den Vergleich mit der bisherigen Coronavirus-Variante an: Bei 10.000 aktiven Infizierten muss man innerhalb eines Monats mit 129 Toten rechnen (bei einem R-Wert von 1,1, einer Inkubationszeit von sechs Tagen und einer Tötungsrate von 0,8 Prozent). Eine 50 Prozent ansteckendere Variante würde die Zahl der Toten innerhalb eines Monats auf 978 katapultieren. Eine Folge des exponentiellen Anstiegs.

Zum Vergleich: Wäre die neue Variante 50 Prozent tödlicher (was sie aber wohl nicht ist), dann wäre das für die Infizierten zwar schlimmer, hätte jedoch für den Verlauf der Pandemie bei weitem nicht so weitreichende Folgen. Dann würde die Zahl der Toten binnen eines Monats von 129 auf 193 steigen. Das ist der Unterschied zwischen linearem und exponentiellem Wachstum, der oft so schwer zu greifen ist.

Hohe Dunkelziffer wahrscheinlich

In Deutschland wurde die britische Variante des Coronavirus bisher nur vereinzelt nachgewiesen. "Das RKI hat bislang Kenntnis von vier Fällen", erklärte das Robert Koch-Institut auf Anfrage von tagesschau.de. Diese Fälle sind in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen bekannt. Alle Personen waren kurz zuvor in Großbritannien gewesen.

Allerdings dürfte die Dunkelziffer nach Expertenansicht hoch sein. Denn im Gegensatz zu Großbritannien wird in Deutschland nur ganz selten das Genom aus Virusproben analysiert - womit eine Veränderung des Virus erkennbar wäre. "Es gibt keine zentrale Erfassung der Zahl der Genomsequenzierungen in Deutschland", so das RKI.

Kaum Sequenzierung in Deutschland

Jörg Timm, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, kritisierte die Bemühungen bei den Sequenzierungen als "nicht ausreichend". Deutschland habe es bisher verpasst, entsprechende Strukturen aufzubauen, sagte er dem Science Media Center.

Christian Drosten, der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, hingegen glaubt, dass es unter normalen Umständen "auch nicht unbedingt notwendig" sei, jedes Virus immer zu sequenzieren, wie er im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" sagte.

Neueste Untersuchungen in Dänemark, wo wie in England viel sequenziert wird, zeigten, dass dort bereits Mitte November die ersten Fälle der neuen Mutation aufgetaucht seien - und dann regelmäßig seit Anfang Dezember. Da käme es "bei aller statistischer Unsicherheit, von Woche zu Woche zu einer Verdopplung der Fälle", so Drosten. Allerdings seien die Fallzahlen noch zu gering, um verlässliche Erkenntnisse zu gewinnen. "Das ist ganz schwer einzuordnen, immer noch."

Neue Gefahr durch Urlauber in Südafrika

Von der in Südafrika aufgetauchten Mutation, als 501.V2 bezeichnet, sind bislang noch keine Fälle in Deutschland erfasst. Allerdings sind in den vergangenen Wochen sehr viele Deutsche dorthin geflogen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr berichtete in der "Welt" von einem "steilen Anstieg bei den Buchungen" über Weihnachten und Silvester. Das Langstreckenangebot nach Südafrika sei "für diesen Zeitraum praktisch ausgebucht" gewesen.

Deshalb rät Drosten, Reiserückkehrer aus dem Land zu testen. Es gebe jetzt noch ein Zeitfenster, um der Ausbreitung hierzulande vorzubeugen. Denn wie die britische Variante unterschiedet sich auch 501.V2 in vielfacher Weise vom ursprünglichen Virus, vor allem beim Spike-Protein - also dem Teil des Virus, der sich an menschliche Zellen anheftet und ihm bei der Ausbreitung hilft. Die Mutationen verschaffen dem Virus einen leichteren Zugang zu bestimmten Rezeptoren und machen es deshalb potenziell ansteckender.

Sind besonders Kinder betroffen?

Ob die neuen Varianten vor allem für Kinder ansteckender sind, wie erste Berichte vermuten ließen, ist noch unklar. Denn zum Zeitpunkt als die Mutation sich im Südosten Englands stark ausbreitete, waren Kitas und Schulen offen, viele Geschäfte und Freizeiteinrichtungen jedoch geschlossen. Das Virus sei anfangs "auf einer Schulwelle gesegelt", erläutert Drosten. Allerdings habe es sich davon mittlerweile entkoppelt und sei "in der ganzen Bevölkerung zu sehen".

Ob die gerade angelaufene Corona-Impfung auch gegen die Mutationen schützt, ist ebenfalls noch nicht abschließend geklärt. Experten der US-Behörde für Seuchenkontrolle zeigen sich jedoch zuversichtlich. Auch Drosten sagte, er könne Bürger, die sich jetzt Sorgen machten, "wirklich beruhigen".

Impfstoff könnte schnell weiter entwickelt werden

Das europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) erklärte hingegen, noch könne nicht beurteilt werden, ob die neuen Mutationen die Wirksamkeit der Impfstoffe beeinträchtigen. Die Spike-Protein-Mutation der südafrikanischen Variante helfe dem Virus, den Immunschutz durch eine Infektion oder Impfung zu umgehen, sagte der Londoner Epidemiologe François Balloux.

Der deutsche Impfstoffentwickler BioNTech kündigte an, bei Bedarf innerhalb von sechs Wochen einen neuen Impfstoff entwickeln zu können, der gegen die mutierten Varianten wirkt. 

Sichere Erkenntnisse wohl erst in Monaten

Gefestigte Erkenntnisse über die Mutationen sind wohl erst in einigen Monaten zu erwarten. "Ich gehe davon aus, dass wir vielleicht bis Ostern oder bis Mai ganz klare experimentelle Evidenz haben, ob dieses Virus übertragbarer und gefährlicher ist oder nicht. Aber das wird einfach dauern", sagte Drosten.

Bund und Länder beschlossen gestern neben einer Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns bis Ende Januar, den Eintrag der neuen Mutationen aus dem Ausland möglichst stark eindämmen zu wollen. In Deutschland sollten sie durch verstärkte Sequenzierung entdeckt werden. Die Ausbreitung soll durch priorisierte Nachverfolgung und Quarantäne möglichst stark begrenzt werden.

Über dieses Thema berichtete die ARD in einem ARD-Extra: Die Corona-Lage am 05. Januar 2021 um 20:15 Uhr.

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