Covid-Langzeitfolgen Eine Krankheit, die oft bleibt

Stand: 21.01.2021 15:39 Uhr

Die mittel- und langfristigen Folgen von Covid-19-Erkrankungen lassen sich noch nicht abschließend beurteilen. Erste Erkenntnisse weisen jedoch darauf hin, dass auch viele vermeintlich Genesene noch lange damit zu kämpfen haben.

Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-faktenfinder

Gut ein Jahr ist es her, dass das Sars-Cov-2-Virus erstmals in Europa entdeckt wurde. Das Wissen über den Erreger wuchs nur langsam, noch sind viele Fragen offen. Laut der Johns-Hopkins-Universität nähert sich die Zahl der weltweit registrierten Infektionen inzwischen der 100-Millionen-Grenze. Davon gilt mehr als die Hälfte als genesen.

Mehrere Studien legen jedoch die Vermutung nahe, dass Betroffene auch nach Heilung der akuten Krankheit mit physischen und psychischen Beeinträchtigungen durch Covid-19 rechnen müssen - teilweise sogar mit tödlichem Ausgang.

Die unter "Long Covid" zusammengefassten Symptome sind zwar noch nicht eindeutig definiert, betreffen aber fast den gesamten Körper: So sind unter anderem Atemwege, das Herz-Kreislauf-System, Haut, Muskeln und der Stoffwechsel betroffen. Als psychische und neurologische Folgen wurden laut der Weltgesundheitsorganisation Gedächtnis- und Konzentrationsverlust, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, posttraumatische Belastungsstörungen sowie Beeinträchtigungen des Geruchs- und Geschmackssinns beobachtet.

Studie: "Genesene" sterben Wochen später

Laut einer Studie der Universität Leicester und der britischen Statistikbehörde ONS wurde fast jeder Dritte als geheilt entlassene Covid-19-Patient innerhalb von fünf Monaten wieder eingeliefert, oft mit Problemen an mehreren Organen. Fast jeder achte von ihnen starb - und wurde trotzdem statistisch nicht als Opfer der Viruserkrankung gezählt, wie Amitava Banerjee, Mitautor der Studie, gegenüber dem ARD-faktenfinder erklärte.

Für die bisher noch nicht veröffentliche Untersuchung wurden 47.780 Patienten, die zwischen dem 1. Januar und dem 31. August 2020 mit der Hauptdiagnose Covid-19 in ein Krankenhaus eingeliefert wurden, betrachtet. Der Anteil, der danach wieder stationär behandelt werden musste, war drei- bis fünfmal höher als in der Vergleichsgruppe. Was besonders auffällig ist: Kranke unter 70 Jahren und ethnische Minderheiten waren davon besonders stark betroffen.

Langfristige Herausforderungen

Auch die Langzeituntersuchung des ONS zeigte vermehrt gesundheitliche Probleme bei "Genesenen": Etwa jeder fünfte Covid-19-Patient zeigte demnach noch nach fünf Wochen Symptome, ungefähr jeder zehnte nach zwölf Wochen. Ein überproportional hoher Anteil hatte Probleme mit dem Stoffwechsel, dem Herz- und Gefäßsystem, der Leber oder den Nieren. Ein ähnliches Ergebnis zeigte eine italienische Studie, laut der viele Symptome nach der Entlassung aus dem Krankenhaus anhielten.

Langfristig seien höhere menschliche und wirtschaftliche Kosten zu erwarten als durch die unmittelbaren und aktuellen Folgen der Pandemie, sagte Forscher Banerjee dem ARD-faktenfinder. Dies werde insbesondere die Gesundheitssysteme vor große Planungs- und Koordinierungsaufgaben stellen. Die Patienten in der Studie sollen dafür nun weiter beobachtet werden.

Bisher keine systematische Erfassung in Deutschland

In Deutschland hat es eine derartig umfassende Beobachtung noch nicht gegeben. Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) sind die Langzeitfolgen, auch nach leichten Verläufen, derzeit noch nicht abschätzbar. Spätfolgen der Erkrankung werden zudem laut dem RKI nicht regulär im Meldesystem erfasst. Somit gelten Betroffene statistisch meist als genesen.

Man sehe jedoch die Notwendigkeit für eine Nachbeobachtung und beobachte die Studien- und Datenlage kontinuierlich, erklärte eine Sprecherin dem ARD-faktenfinder. Es werde derzeit diskutiert, bei künftigen bevölkerungsbezogenen RKI-Studien auch die Langzeitfolgen zu untersuchen. Aktuell würden zudem Nachbeobachtungen im Rahmen zweier Projekte des Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin erfolgen.

Krankenkassenstudie zeugt ähnliche Ergebnisse

Eine Analyse von rund 10.000 stationär aufgenommenen Covid-19-Patienten durch die der Krankenkasse DKV zeigt, dass auch in Deutschland viele von ihnen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nicht gesund sind. Demnach haben sich bei ihnen durchschnittlichen Leistungsausgaben pro Tag um mehr als 50 Prozent erhöht - auch bei Menschen mit einer guten gesundheitlichen Konstitution: Rund 15 Prozent der stationär behandelten Covid-19-Erkrankten in der Studie hatten seit 2018 bis zu ihrer Infektion keine Leistungen eingereicht.

Das heißt: Nicht nur die Daten über die Infektionsketten und -quellen sind bislang sehr lückenhaft, sondern auch über die mittel- und langfristigen Folgen lässt sich bislang kaum etwas sagen. Die vorliegenden Untersuchungen aus dem Ausland weisen allerdings auf ein relevantes Risiko hin.

Über dieses Thema berichtete der SWR in der Sendung "Marktcheck" Info am 19. Januar 2021 um 20:35 Uhr.

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