Folgen von Schulschließungen "Den Schaden macht niemand wieder gut"

Stand: 10.02.2021 02:20 Uhr

Die Lernverluste durch Schulschließungen werden ganz schwer aufzuholen sein, sagt Pisa-Studienleiter Schleicher. Der OECD-Direktor spricht im ARD-Interview über die Folgen - und darüber, was deutsche Politiker von anderen Ländern lernen können.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Seit zwei Monaten sind die Schulen in Deutschland geschlossen, zum zweiten Mal in der Pandemie. Einige Mitgliedsländer in der EU haben ähnlich entschieden, auch sie versuchen, die Verbreitung des Virus so in den Griff zu bekommen. Trotzdem sind die Folgen für Kinder in Deutschland gravierender als in anderen Ländern.

Manche Schäden könnten dauerhaft sein, davor warnt der internationale Bildungsforscher Andreas Schleicher: "Man muss sich dabei klar machen, auch in den besten Zeiten unterstützt das deutsche Schulsystem Kinder aus benachteiligten Elternhäusern nur unzureichend. Das heißt: die Lernverluste werden ganz schwer aufzuholen sein."

Lernen ist mehr als ein Wissenstransfer

Schleicher verantwortet seit 20 Jahren die internationalen Pisa-Studien. Dass in Deutschland Lernerfolg oft von der Bildung der Eltern abhängt, das rächt sich nach seiner Einschätzung jetzt in der Corona-Krise ganz besonders. Weil gerade benachteiligte Schüler feste Strukturen für das tägliche Lernen brauchen, ihre Lehrer sehen und hören müssen. Lernen sei eben nicht nur Wissenstransfer, sondern auch ein sozialer Prozess.

"Den Schaden für Gesundheit, Entwicklungs- und Berufschancen für Kinder, die dauerhaft nur eingeschränkten Kontakt zu Bildung und zu Freunden haben, den macht niemand wieder gut. Für Kinder aus bildungsfernen Schichten gibt es im Leben nur eine wirkliche Chance. Und das ist eine gute Schulbildung."

Die Coronakrise hat nach Einschätzung der Vereinten Nationen die größte Störung der Bildungssysteme in der Geschichte verursacht. Einige Länder in der EU konnten das einigermaßen auffangen, weil digitales Lernen schon vor der Pandemie eingeübt war. Die skandinavischen Länder gehören dazu, auch Frankreich und Spanien.

Schlechte digitale Infrastruktur

Deutsche Kinder haben auch hier einen Nachteil, sagt Bildungsforscher Schleicher. Weil die Digitalisierung mindestens zehn Jahre Verspätung hat. "Nur ein Drittel der Schulen verfügen über eine effektive Online-Plattform. Womit Deutschland wirklich am unteren Drittel der OECD-Staaten rangiert."

Nach seinen Untersuchungen gibt es auch in Deutschland Lehrerkollegien, die den gesamten Unterricht inzwischen Online organisieren - meistens in Eigeninitiative, oft ohne Unterstützung der Schulministerien, manchmal gegen deren Widerstand. Von den guten Lösungen könnten andere lernen. Aber dazu müsste der Austausch besser organisiert werden.

"Es fehlt nicht nur an digitaler Infrastruktur, sondern vor allem an geschulten Lehrkräften, die solche Technologien dann auch sinnvoll in den Unterricht integrieren können."

Frankreich als Vorreiter

Gibt es Länder, die beispielhaft sind, weil sie auch in der Coronakrise für Präsenzunterricht sorgen? Auf die Frage fallen dem internationalen Bildungsforscher zuallererst Länder in Asien ein. Korea, Japan und Singapur - Länder, die insgesamt erfolgreich mit der Coronakrise umgehen. Damit habe man viele Einschränkungen auch in den Schulen vermeiden können.

"Es gibt eine zweite Gruppe von Ländern, die den Kindergärten und Schulen absolute Priorität eingeräumt haben. Und denen es auch gelungen ist, Schulen bei schwieriger Infektionslage sicher offen zu halten. Frankreich zum Beispiel."

Frankreichs Regierung wehrt bisher jeden Vorstoß in Richtung Schulschließung ab, trotz hoher Inzidenzwerte, und hat dabei die Rückendeckung der Bevölkerung.  Schule hat Priorität, dafür müssen die Erwachsenen härtere Einschränkungen hinnehmen. Ausgangssperren zum Beispiel, schon am frühen Abend. Unterrichtet wird mit halben Klassenstärken im Wechsel, bei strengen Hygienevorschriften.

Fragen im Europaparlament

Im Europaparlament fragen sich viele Abgeordnete, warum die Politiker in Deutschland nicht intensiver nach Wegen suchen, den Präsenzunterricht zu ermöglichen.

"Vielmehr als über generelle Schulschließungen müssen wir jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir Schulen schnell und sicher wieder öffnen können", sagt Andreas Glück, ein FDP-Europaageordneter. Der Gesundheitsexperte fordert intelligente Lösungen statt einer generellen Absage von Unterricht. Geräte zur Luftreinhaltung in allen Klassenzimmern fordert Glück als eine wirksame Maßnahme, damit könnte die Aerosolkonzentration schon stark reduziert werden. "Als Chirurg kann ich Ihnen sagen, wir haben Lüftungssysteme im OP, die mit Hilfe einer laminaren Luftströmung die Luft zuverlässig austauschen und auch reinigen können."

Was in Krankenhäusern die Regel ist, gilt für Schulen als zu kostspielig. Schwer verständlich findet der Europaabgeordnete und Arzt das angesichts der Konsequenzen von Schulschließungen. Homeschooling hält er für sozial ungerecht, Kinder ohne Unterstützung seien die Verlierer. Der FDP-Politiker fordert systematische Coronatests in den Schulen und vor allem eine andere Reihenfolge beim Impfen. "Lehrer müssen aber auch in der Impfpriorität weiter nach oben gesetzt werden. Lehrer sind systemrelevant."

Andere Länder räumen Kindergärten und Schulen Priorität ein
Helga Schmidt, WDR Brüssel
10.02.2021 06:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Februar 2021 um 07:00 Uhr.

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