Gewalt gegen Demonstranten Myanmars blutigster Tag

Stand: 04.03.2021 07:59 Uhr

Sie schießen auf Demonstranten - oft ohne Vorwarnung - und hindern Sanitäter daran, sich um Verletzte zu kümmern. Die Militärjunta kennt bei der Unterdrückung der Proteste keine Grenzen mehr.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Soldaten in Tarnfleckuniform starren bedrohlich in die Kamera, streicheln glänzende Messing-Patronen, bevor sie geladene Magazine in ihre Sturmgewehre schieben. "Hiermit werden wir schießen", warnt einer die Demonstranten, "keine Gummigeschosse. Schaut her, das sind die richtigen".

"Dieses Gewehr verschießt 30 Kugeln in einer Minute", sagt ein anderer lächelnd, "Habt ihr das verstanden?"

Die Internetplattform TikTok ist heute geradezu überflutet mit Drohgebärden myanmarischer Militärs, irritierend vor allem die Kindergesichter der Soldaten, die mit ihren Waffen herumfuchteln. Finstere Videobotschaften am Morgen nach dem blutigsten Tag seit dem Militärputsch vor über einem Monat.

Soldaten machen vor nichts mehr halt

Menschen rannten panisch vor heranstürmendem Militär davon, Tränengasschwaden zogen durch die Straßen Yangons, Schüsse fielen. 38 Tote an einem einzigen Tag zählten UN-Beobachter. Damit stieg die Zahl der Opfer auf insgesamt 59. Mindestens, denn viele Schwerverletzte schweben nach wie vor in Lebensgefahr, von Schüssen in Kopf oder Brust getroffen.

"Ich kann diese Gewalt nicht länger ertragen", meldet die Mitarbeiterin des ARD-Radios aus Yangon: "Um ehrlich zu sein, ich fühle mich hoffnungslos seit gestern. Ich habe gesehen, wie Soldaten Sanitäter daran gehindert haben, sich um Verletzte zu kümmern. Sie sind in ein Krankenhaus eingedrungen und haben Personal verprügelt. Ich fürchte, sie sind an einem Punkt, wo sie alles tun, um ihre Macht zu erhalten. Sie haben die Angst in die Herzen und Köpfe der Menschen gepflanzt - und es wird immer schlimmer und schlimmer." 

Menschen in Mandalay suchen Deckung während das Militär auf sie schießt | Bildquelle: REUTERS
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Angel (19) wurde später von einer Kugel getroffen - hier sucht sie mit anderen Demonstrierenden Deckung

Internationale Appelle, die Gewalt zu beenden, verhallen ungehört - das Militär scheint im Gegenteil mit jedem Tag brutaler gegen die Massenproteste vorzugehen. In vielen Städten des Landes eröffneten Sicherheitskräfte das Feuer ohne Warnung auf größere Menschenansammlungen - auch zwei Jugendliche im Alter von 14 und 17 Jahren waren unter den Toten. Hunderte Menschen wurden festgenommen.

Demonstranten trotzen der Gewalt

"Es ist unsere Aufgabe", skandieren die Demonstranten in den Straßen. Ziviler Ungehorsam als Bürgerpflicht. Zehntausende marschieren auch heute durch die Straßen Yangons, Mandalays und Naypidaws. "Wir sind wie Wasser", ist einer ihrer Slogans, "ihr könnt uns nicht stoppen".

"Alle unsere Zukunftspläne und Träume sind jetzt dahin", sagt ein 26-jähriger Student, der am Goethe-Institut Deutsch lernt, aber es gebe jetzt Wichtigeres: "Ja, ich habe Angst und Sorge, und manchmal bin ich traurig. Aber das kann man nicht ändern. Alle diese Gefühle werden weg sein, wenn wir die Revolution gewinnen. Wir haben keine Wahl."

Berichterstattung wird verhindert

Auch Journalisten werden zunehmend an der Berichterstattung gehindert oder inhaftiert und angeklagt. Schockierende Bilder von Blut und Gewalt finden über soziale Medien ihren Weg in die Welt.

Westliche Nationen - inklusive der USA - erwägen härtere Sanktionen gegen Myanmar, die Militärjunta ließ eine UN-Beobachterin wissen, sie sei bereit, jeglichen Sanktionen und jeder Isolation zu widerstehen. Aus dem Hauptquartier von General Ming Aung Hlaing wurde der Satz übermittelt: "Wir haben gelernt, mit nur wenigen Freunden zu marschieren."

Blutige Tage in Myanmar
Holger Senzel, ARD Singapur
05.03.2021 08:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. März 2021 um 09:00 Uhr.

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Holger Senzel, NDR

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