Griechenland Orthodoxe rebellieren gegen Corona-Regeln

Stand: 06.01.2021 15:14 Uhr

Griechenlands Regierung ist eingeknickt. An sich müssen Kirchen wegen der strengeren Corona-Maßnahmen geschlossen bleiben. Doch heute feierten diese mit den Gläubigen das Epiphaniafest.

Von Verena Schälter, ARD-Studio Athen

Andreas Chronis steht vor der Athener Kathedrale, denn heute feiern orthodoxe Christen das Epiphaniafest und gedenken damit der Taufe Jesu. "Wir können nicht nicht am Gottesdienst teilnehmen. Es ist ein sehr wichtiger Tag, ich würde fast sagen noch wichtiger als Weihnachten. Und wir Griechen haben unsere Traditionen an diesem Tag."

Gut 30 Gläubige nehmen an der Messe teil, mit Abstand und Maske. Alles wartet auf den Höhepunkt des Festgottesdienstes: die Segnung durch Erzbischof Hieronymus II., Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Griechenland. Dabei hält er einen in Weihwasser getauchten Basilikumzweig vor sich, und die Gläubigen drücken nacheinander ihr Gesicht dagegen und bekreuzigen sich.

So machen sie es seit Jahrhunderten. Doch in diesem Jahr ist es für die einen ein Akt der Rebellion, für andere ist es vor allem fahrlässig.

Denn direkt nach dem Jahreswechsel hatte die Regierung die Corona-Einschränkungen wieder deutlich verschärft. Der gesamte Einzelhandel musste erneut schließen, genauso wie Friseure oder Kosmetikstudios - und die Kirchen.

Kirche ignoriert Regierung

Die Antwort der Kirche folgte prompt: Am nächsten Tag verkündet Bischof Athinagóras, Sprecher der Heiligen Synode, dem obersten Organ der Orthodoxen Kirche Griechenlands, "dass die Gotteshäuser auf bleiben für die Beteiligung der Gläubigen an den Messen für Epiphania".

Allerdings nur unter Einhaltung der strengen Hygiene- und Abstandsregeln, die bereits für die Kirchen über Weihnachten und Neujahr gegolten haben. Damit hat sich die Kirche über die Regierung hinweggesetzt.

Die wiederum reagierte mit einem Appell. "Wir fordern die Kooperation der Kirche. Jeder sollte seine Verantwortung übernehmen, und das gilt auch für die Kirche", so die stellvertretende Regierungssprecherin Aristotelía Pelóni.

Die Kirche - ein heikles Thema

Und dabei ist es geblieben, denn für die Regierung ist das Thema heikel. Die Kirche hat nach wie vor einen hohen Stellenwert in Griechenland. Sie ist durch den Artikel drei der Verfassung geschützt und trägt den Titel "Staatskirche". Damit sind Kirche und Politik eng miteinander verwoben.

Wie eng, zeigt auch dieses Beispiel: Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis hatte Anfang der Woche sein Kabinett umgebildet und einige Minister ausgetauscht. Gestern wurden die sechs neuen Regierungsmitglieder vereidigt. Durchgeführt wird die Zeremonie von Erzbischof Hieronymus: "Gratulation! Ich wünsche Kraft. Und auf gute Zusammenarbeit!"

"Ich habe überhaupt keine Angst"

In der Kathedrale von Athen ist der Festgottesdienst zu Ende. Die Gläubigen strömen hinaus. Angst vor Corona hat hier niemand. "Ich habe überhaupt keine Angst. Ich bin 82 Jahre alt und fürchte mich vor gar nichts", sagt dieser Kirchgänger. Und ein anderer: "Für mich war es sehr wichtig! Ich bin gekommen, weil es meine religiöse und moralische Pflicht ist und um meinen Glauben zu stärken - und das trotz der Verbote."

Und auch Erzbischof Hieronymus ist überzeugt, dass die Kirche die Gläubigen nicht gefährdet hat: "Schauen Sie sich an, welche Maßnahmen die Kirche ergriffen hat. Und dann fahren Sie mal zum Strand oder zum Syntagma-Platz und ziehen Sie ihre eigenen Schlüsse."

Welche Folgen der heutige Tag im Hinblick auf das Pandemie-Geschehen hat, wird sich frühestens in einigen Tagen zeigen.

 

Orthodoxe Kirche rebelliert gegen Corona-Einschränkungen
Verena Schälter, ARD Athen
06.01.2021 14:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. Januar 2021 um 16:48 Uhr.

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