Irak-Reise Papst trifft Schiitenführer al-Sistani

Stand: 06.03.2021 10:34 Uhr

Papst Franziskus ist im irakischen Nadschaf von Schiitenführer Ajatollah al-Sistani empfangen worden. Der einflussreiche islamische Kleriker sagte nach dem Treffen, Christen hätten gleiche Rechte wie alle anderen Iraker.

Friedliche Koexistenz - diese Botschaft wollen Papst Franziskus und Großajatollah Ali al-Sistani gemeinsam senden. Das Treffen fand in der historisch wichtigen Stadt Nadschaf statt.

Als der Papst ein paar Schritte zu Fuß zum Haus des 90 Jahre alten Islam-Gelehrten ging, wurde er von einer Gruppe Menschen in traditioneller Kleidung begrüßt. Auf dem Weg hinein flogen weiße Tauben als Zeichen des Friedens los.

Papst dankt al-Sistani

Das katholische Kirchenoberhaupt betonte nach Angaben des Vatikans die Bedeutung des interreligiösen Dialogs für den gesamten Nahen Osten. Zudem dankte der Argentinier al-Sistani für dessen stabilisierende Rolle in den vergangenen Jahren, er habe "seine Stimme zur Verteidigung der Schwächsten erhoben".

Al-Sistani machte sich für die christliche Minderheit im Land stark. Christen sollten in Frieden leben und hätten die gleichen Rechte wie alle anderen Iraker, sagte er. Die religiösen Institutionen spielten eine Rolle dabei, Christen zu schützen.

Die Zusammenkunft war monatelang von dem Büro des Ajatollahs und dem Vatikan geplant worden.

Die Schiiten

Schiiten sind neben den dominierenden Sunniten eine der beiden Hauptrichtungen des Islam. Etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten, nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu gehören der Iran, der Irak und Bahrain. Im Irak, dem Ursprungsland der Schia, machen Anhänger dieses Bekenntnisses zwei Drittel der Bevölkerung aus.

Höchste Lehrautorität im Irak und darüber hinaus ist Großajatollah Ali al-Sistani mit Sitz in Nadschaf. Als heilige Stätten der Schiiten gelten die Schreine der Imame in den irakischen Orten Kerbela, Nadschaf, Samarra und al-Kazimiyya, ein Vorort von Bagdad. Der Iran verfügt mit Maschhad und Qom ebenfalls über wichtige Wallfahrtsstätten.

Al-Sistanis Stimme hat Gewicht

Al-Sistani wird im mehrheitlich schiitischen Irak verehrt, auch bei Schiiten weltweit sind seine Ansichten zu religiösen Fragen gefragt.

Und er ist auch politisch einflussreich: 2014 rief er etwa in einer Fatwa, also einem religiösen Erlass, alle fähigen Männer auf, gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" zu kämpfen. Danach füllten sich die Reihen schiitischer Milizen. Als der Irak 2019 von regierungskritischen Protesten erfasst wurde, führte seine Predigt zum Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten Adil Abdul-Mahdi.

Gemeinsames Beten in Ur

Nach dem Treffen mit al-Sistani ging es für den Papst weiter zu einem hochkarätig besetzten interreligiösen Treffen in Ur. Die im Süden des Landes gelegene Stadt gilt als Heimat der biblischen Gestalt Abraham, auf die sich Juden, Christen und Muslime gleichermaßen als Stammvater berufen. Zusammen mit dem katholischen Kirchenoberhaupt versammelten sich Vertreter der unterschiedlichen Religionen an der geschichtsträchtigen Stätte, um für Frieden und Verständigung zu werben.

Am Abend will Franziskus eine Messe in der chaldäischen Kathedrale Bagdads feiern.

Der Papst war am Freitag zu dem viertägigen Besuch im Irak eingetroffen. Es ist der erste Besuch eines katholischen Kirchenoberhauptes im Irak und Franziskus' erste Auslandsreise seit Beginn der Corona-Pandemie.

Interreligiöser Dialog hat Priorität

Der Dialog mit dem Islam bildet einen Schwerpunkt von Franziskus' Pontifikat. 2019 hatte er in Abu Dhabi den Großimam der ägyptischen Al-Azhar-Moschee, Scheich Ahmed al-Tajeb, getroffen. Gemeinsam mit dem Leiter der höchsten Autorität des sunnitischen Islams unterzeichnete er damals ein "Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen".

Papst Franziskus trifft Schiitenführer Ajatollah al-Sistani im Irak
Björn Blaschke, ARD Kairo
06.03.2021 10:39 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete am 06. März 2021 B5 aktuell im Hörfunk um 11:34 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

Darstellung: