Polen Turows Nachbarn wollen keine Braunkohle mehr

Stand: 17.04.2021 04:08 Uhr

Im Dreiländereck zwischen Polen, Tschechien und Deutschland wird seit dem 18. Jahrhundert Braunkohle abgebaut. Nach dem Willen des polnischen Tagebau-Betreibers soll das bis mindestens 2026 so bleiben. Bei den Nachbarn wächst der Protest.

Von Dirk Lipski, ARD-Studio Warschau

Die Braunkohle gehört zu seiner Familiengeschichte: Bogdan Szydlowski arbeitet bereits in dritter Generation im Tagebau in Turow. Schon seine Großeltern und sein Vater lebten von der Kohle. Der 57-jährige Schlosser kann sich gar nicht vorstellen, je noch einmal etwas anderes zu machen. "Was könnte ich auch anderes tun? Wer würde mich noch einstellen?", fragt er. Er ist der Hauptverdiener der Familie, finanziert das Studium für zwei seiner drei Kinder. Und so geht es auch seinen Nachbarn und Freunden in der nahe gelegenen Kleinstadt Bogatynia.

Bis 2026 ist Szydlowski wohl auf der sicheren Seite: So lange läuft die aktuelle Genehmigung für den Braunkohle-Tagebau Turow. Der polnische Betreiber Polska Grupa Energetyczna, kurz PGE, würde gerne bis 2044 verlängern. Ob das klappt, ist aber unsicher geworden - schon die Genehmigung bis 2026 löst über die Grenzen hinaus Streit aus. Ein baldiges Aus aber hätte drastische Folgen für die ganze Gegend, sagen die meisten Einwohner.

Eine lange Tradition

Seit dem 18.Jahrhundert wird im Dreiländereck zwischen Polen, Deutschland und Tschechien Braunkohle abgebaut. Ein riesengroßes Loch ist mittlerweile entstanden, rund 230 Meter tief, auf einer Fläche von mehr als 28 Quadratkilometern. Die Kohle wird zum benachbarten Kraftwerk Turow transportiert, dem drittgrößten in Polen. Es gilt damit als ein zentraler Baustein der Energieversorgung des Landes.

Umweltschützer fordern schon lange ein Ende der Kohleverstromung, vor allem aus Klimaschutzgründen. Turow stößt nach Angaben von Greenpeace Polen jährlich 80 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus. Und das sei nicht das einzige Problem, sagt Aktivistin Anna Meares: "Der Braunkohleabbau Turow ist verbunden mit dem Abpumpen von unheimlich großen Wassermengen. Im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern rund um den Tagebau kommt es zu einer massiven Absenkung des Grundwassers."

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Eine Tristesse, wie man sie aus vielen Tagebau-Gebieten kennt: Der Abbau der Braunkohle hat eine kilometerweite Ödnis geschaffen. (Sendungsbild)

Die Sorgen der Nachbarstaaten

Das ist auch in den Nachbarländern Tschechien und Deutschland zu spüren. Tschechien ist wegen des sinkenden Grundwasserspiegels besorgt. Und die deutschen Nachbargemeinden befürchten zusätzlich Bauschäden an den Gebäuden.

Deshalb haben beide Länder Beschwerde gegen die Betriebsgenehmigung bis 2026 bei der EU-Komission eingelegt. Tschechien klagt darüber hinaus vor dem Europäischen Gerichtshof.

"Die polnischen Behörden nehmen europäisches Recht nicht ernst", sagt etwa der Oberbürgermeister der deutschen Stadt Zittau, Thomas Zenker. Einwände gegen das Projekt wären bei der vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfung komplett ignoriert worden. Das müsse man nachholen, fordert er: "Klar beschreiben, welche Folgen passieren könnten, welche Risiken es gibt, was man dagegen tut und - ganz wichtig: Wie ist die Perspektive danach?"

Greenpeace-Aktion am Kraftwerk Turow in Polen im Jahr 2013 | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Greenpeace protestiert schon lange gegen das Kraftwerk Turow und die Braunkohleverstromung - hier mit einer Aktion im Jahr 2013

"Vollkommen transparenter Prozess"

Auf polnischer Seite ist man sich keiner Schuld bewusst. Die erforderliche Betriebsgenehmigung sei streng nach den geltenden Gesetzen erteilt, die Auswirkungen auf die Umwelt seien sehr genau berücksichtigt worden. Die Kritik aus den Nachbarländern kontert Rafal Skorupinski, der Chef-Bergbauingenieur von PGE, so: "Die Unterlagen und Daten, die wir ausgewertet haben, kommen von Experten der tschechischen und deutschen Seite. Der Prozess war vollkommen transparent." Deshalb sei man "überrascht" über den Vorwurf, über die Umweltfolgen nicht informiert gewesen zu sein.

Wenn der polnische Betreiber PGE eine Genehmigung bis 2044 bekäme, wären nach Expertenschätzungen auch sämtliche Vorräte abgebaggert. Für eine so lange Laufzeit spräche auch der Umweltschutz, meint PGE. Wenn der Tagebau jetzt schließen würde, könnte es innerhalb von zwei Jahren zu Erdrutschen kommen und die Lausitzer Neiße in die Ausgrabung fließen. "Das wäre eine ökologische Katastrophe, die die ganze Region umfassen würde", sagt Skorupinski. Außerdem brauche man einfach Zeit, um eine sichere Re-Naturierung vorzubereiten.

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Die Türme des Kraftwerks Turow überragen auch die umliegenden Orte (Sendungsbild)

"Ohnehin unrentabel"

Für die Umweltschützer dagegen ist die Zeit der Kohleverstromung längst vorbei. "Wir wissen doch, dass zusammen mit den steigenden Preisen für den Kohlendioxid-Ausstoß und der immer strengeren Klimapolitik der EU ein weiteres Bestehen auf Kohle ohnehin unrentabel ist", sagt Anna Meares.

Jetzt ist die EU-Komission am Zug: Sie muss entscheiden, ob es zu einer neuerlichen Prüfung der Umweltverträglichkeit kommt. Für Bogdan Szydłowski ist unklar geworden, wie lange die Geschichte seiner Familie mit dem Braunkohletagebau noch andauern wird.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin - am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten

Über dieses Thema berichtet das Europamagazin am 18. April 2021 um 12:45 Uhr.

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