Cañada Real in Spanien Kein Strom - seit einem halben Jahr

Stand: 28.03.2021 05:19 Uhr

Die Cañada Real bei Madrid wurde für viele Arbeiter und Migranten von der Hüttensiedlung zur Heimat. Im Oktober brach dort das Stromnetz zusammen. Seitdem leben 8000 Menschen ohne Elektrizität - und niemand sieht sich zuständig.

Von Natalia Bachmayer, ARD-Studio Madrid

Wenn gegen halb acht die Sonne untergeht, holt Zakharia Errahmouni Kerzen und Teelichter aus dem Schrank. Richtig wohl ist ihm dabei nicht: Vor ein paar Wochen erst hat sich seine kleine Tochter in einem unbeobachteten Moment die Haare verbrannt. Ein bisschen lässt er den fünfjährigen Taissir und die dreijährige Rohayna aber noch spielen, bevor sie ins Bett gehen. Er will nicht, dass sie Angst haben oder sich anders fühlen als ihre Freunde im Kindergarten und in der Vorschule. Alles soll so normal sein wie möglich.

Das Viertel Cañada Real, in dem Errahmounis Familie wohnt, zieht sich 16 Kilometer durch den Südosten von Madrid. Offiziell sind es um die 8000 Menschen, die sich hier eingerichtet haben, möglicherweise auch Ein- oder Zweitausend mehr. Die meisten von ihnen Migranten aus Marokko oder Rumänien, aber auch spanische Roma - Menschen, die sich die Mieten in besseren Vierteln nicht leisten können.

Entstanden ist die Cañada in den Vierzigerjahren, als eine Art Laubenkolonie mit improvisierten Hütten und Häuschen, die sich Arbeiter aus dem spanischen Süden vor den Toren der Hauptstadt zusammenzimmerten. Irgendwann wurden auch Stromleitungen durch die Siedlung gezogen, von denen sich jeder ein bisschen für den eigenen Bedarf abklemmen konnte. Alles geduldet, aber nie legal.

Zakharia Errahmouni abends mit Kindern | Bildquelle: Natalia Bachmayer - ARD-Studio Madrid
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Zakharia Errahmounis Familie sitzt abends bei Kerzenschein zusammen - seit einem halben Jahr.

Im Oktober brach das Stromnetz zusammen

Die Cañada Real ist in sechs Sektoren unterteilt. In den nördlichen Teilen ist sie ein fast dörfliches Idyll mit solide gemauerten Häusern und Gärtchen, in denen Obstbäume stehen und Hühner herumlaufen.

Sektor 6 im Süden dagegen ist zur Elendssiedlung geworden - und zu einem der Drogenumschlagplätze der Stadt. Ein paar Hundert Meter Schotterpiste gelten als kritische Zone, die Polizei zeigt mit Streifenwagen und berittenen Einheiten Präsenz, greift aber selten wirklich ein.

Die Familien, die direkt daneben wohnen, ärgern sich über den Verfall ihres Viertels. "Als ich vor 20 Jahren aus Marokko hierhergekommen bin, war der Sektor 6 eine arme, aber eine normale Gegend", erzählt Errahmouni. Jetzt werde direkt vor seiner Haustür in jeder zweiten Hütte Marihuana angebaut. Die Pflanzen brauchen enorm viel Licht. Im Oktober brach das Netz zusammen, seither leben 4000 Menschen ganz oder teilweise ohne Strom.

Elendsiedlung und Drogenumschlagplatz | Bildquelle: Natalia Bachmayer - ARD-Studio Madridempty>
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Der "Sektor 6" der Cañada Real ist einer der Drogenumschlagplätze Madrids.

Stromverträge wurden nie abgeschlossen

Eine Verpflichtung, die Versorgung wieder aufzunehmen, hat das örtliche Energieunternehmen nicht. Die Häuser der Cañada Real stehen bis heute in keinem Grundbuch, folglich wurden auch nie Stromverträge abgeschlossen.

Also machen Kinder seit sechs Monaten bei Kerzenschein ihre Schulaufgaben, und Kühlschränke und Kochplatten laufen mit eilig angeschafften Generatoren stundenweise im Notbetrieb. Die Behörden - lokale, regionale wie nationale - erklären sich für unzuständig und schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Im Januar tobte Schneesturm "Filomena" über Madrid hinweg, im Februar platzte dem UN- Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte der Kragen. Die spanische Regierung habe auf seine Anfrage erklärt, sie sei für die Cañada Real nicht verantwortlich, twitterte Olivier de Schutter: "Was wirklich unverantwortlich ist: Kinder mitten im Winter ohne Strom zu lassen."

Sektor 6 Cañada Real | Bildquelle: Natalia Bachmayer - ARD-Studio Madrid
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Da nie Stromverträge für die Hüttensiedlung abgeschlossen wurden, sehen sich lokale Stromversorger nicht in der Pflicht.

"Ist nunmal unsere Heimat"

Die Bewohner des Sektors 6 fürchten, dass die Untätigkeit System hat und sie aus ihren Häusern vertrieben werden sollen. Schon seit Jahren gibt es Pläne, rund 150 Familien umzusiedeln und sie in Sozialwohnungen unterzubringen - doch öffentlich geförderter Wohnraum ist knapp. Die wenigen Familien, die sich auf das Angebot einließen, landeten weit von Madrid entfernt auf dem Dorf, wo es weder Arbeit noch Schulen für die Kinder gebe, berichtet der Anwalt Victor Palomo.

Seine Kanzlei vertritt ein gutes Dutzend Mandanten, die sich gegen die Umsiedlung wehren. Er hält den Umgang mit der Cañada Real für zutiefst unehrlich: Noch in den Siebziger- und Achtzigerjahren habe es in Madrid viele solche Wohngegenden gegeben, die mittlerweile völlig normale, legale Stadtviertel seien. Die Cañada Real dagegen habe man jahrzehntelang ignoriert. Doch jetzt entstünden in der Nachbarschaft lauter schicke Neubauviertel - und sie werde allmählich zum Ärgernis.     

Cañada Real und Neubausiedlungen | Bildquelle: Natalia Bachmayer - ARD-Studio Madrid
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Rund um die Cañada Real sind Neubausiedlungen entstanden - seitdem gilt das Elendsviertel als Problem.

Zakharia Errahmouni hat sein Haus vor fast 20 Jahren selbst gebaut. Es ist sein Lebenstraum, sein kleines Stück Spanien, mit sauber gefegtem Innenhof, Topfpflanzen und Zierkacheln. Und mittlerweile ist es auch seine Lebensversicherung: Seit einem schweren Arbeitsunfall ist Errahmouni Frührentner, er könnte sich nirgendwo anders eine Wohnung leisten. Wegzugehen ist für ihn undenkbar. Die Cañada mag nicht immer und nicht überall ein guter Ort sein, sagt er. "Aber sie ist nunmal unsere Heimat."

Über dieses Thema berichtete das Erste am 28. März 2021 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".

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