Schulen in Frankreich "Lockdown nur als letzter Ausweg"

Stand: 10.02.2021 14:14 Uhr

Anders als Deutschland hat es Frankreich geschafft, seit Sommer Kitas und Schulen geöffnet zu lassen. Mediziner begrüßen diesen Schritt ausdrücklich. Kommt Frankreich so besser aus der Corona-Krise?

Von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Was ihre Coronapolitik betrifft, ist Frankreichs Regierung vor allem Kritik gewöhnt. Ganze 60 Prozent der Französinnen und Franzosen geben in einer aktuellen Umfrage an, dem Krisenmanagement nicht zu vertrauen. Da dürfte ein solches Lob sicherlich gut tun: "Die Vorgaben der Politik sind im Allgemeinen exzellent!"

Das sagt kein Geringerer als Robert Cohen. Der Medizin-Professor ist einer der Sprecher der französischen Kinderärzte-Vereinigung und lobt damit eine viel diskutierte Entscheidung in Frankreich, nämlich die Kitas, Kindergärten und Schulen seit dem Sommer komplett geöffnet zu lassen.

Studie soll geringes Risiko belegen

Für Professor Cohen ist das ein wahres Geschenk. "Wir haben aktuell ein ganzes Bündel von Belegen die zeigen, dass geschlossene Schulen für Kinder extrem schlimme Auswirkungen haben und das sogar noch umso mehr, wenn sie ohnehin schon sozial, psychisch oder lerntechnisch benachteiligt sind", sagt er.

Dass einige Epidemiologen auch in Frankreich in den geöffneten Schulen durchaus eine große Gefahr sehen, ficht den Kinderarzt nicht an. Zum einen habe der Lockdown im November gezeigt, dass die Infektionszahlen auch mit geöffneten Schulen massiv gesenkt worden seien. "Wir werden in den kommenden Tagen eine Untersuchung sogar auf Englisch veröffentlichen, die zeigt, dass die Schulen bis jetzt kaum eine Rolle bei der Verbreitung des Virus gespielt haben."

Für die Kinder sei die Lage in der Pandemie schon fast "verrückt-paradox", führt der Mediziner aus. "Wir sehen da eine Explosion der Selbstmordversuche. Wie kann man zulassen, dass die Kinder durch die Hintertür an Covid sterben, obwohl das Virus selbst sie nicht tötet?", warnt er.

Lob von der UNESCO

Bei der Regierung haben die Kinderärzte mit ihren Sorgen ein offenes Ohr gefunden. Premierminister Jean Castex bezieht sich bei seinen Entscheidungen immer wieder auf ihren Rat. Er sieht sein Land damit auf dem richtigen Weg. "Die UNESCO hat erst kürzlich anerkannt, dass Frankreich zu den Ländern gehört, die es geschafft haben, die Schulen seit Beginn der Pandemie so viel wie möglich geöffnet zu halten", freute sich Castex beim großen Corona-Lagebericht am vergangenen Donnerstag.

Damals verzichtete er wie in der Woche zuvor auf einschneidende Maßnahmen. So gilt im ganzen Land zwar weiterhin eine strenge Ausgangssperre täglich ab 18 Uhr und eine dringende Mahnung zur Arbeit im Homeoffice. Auch die Regeln für die Schulen wurden angesichts der vermehrt auftretenden Virus-Varianten zuletzt verschärft: Ab sechs Jahren müssen Schüler nun medizinische Masken tragen, Klassen werden ab einem Corona-Fall für eine Woche geschlossen.

Milder Wirtschaftseinbruch

Der Einzelhandel bleibt bis auf die großen Einkaufszentren weiter geöffnet, mit guten Folgen für die Wirtschaft. "Nach den allerletzten Schätzungen liegt die wirtschaftliche Aktivität aktuell nur vier Prozent unter dem Normalwert", sagt der Premier. Der Wirtschaftseinbruch sei somit schwächer als bei vielen Nachbarn, die die gleiche Pandemie erlebten.

Die Infektionszahlen liegen mit rund 20.000 neuen Fällen am Tag zwar einigermaßen hoch, bleiben aber nun schon seit einigen Wochen stabil. Die Zahl derer, die mit oder an Corona sterben, ist aktuell sogar rund 40 Prozent niedriger als in Deutschland. Vielleicht auch, weil Frankreich mehr als doppelt so viele Tests durchführt.

"Wir kennen die Folgen"

Regierungschef Castex stellt nicht in Frage, dass die Politik geöffneter Schulen und Geschäfte angesichts der neuen Varianten trotzdem eine Gratwanderung ist. "Aber wir kennen auch die wirtschaftlichen, sozialen, menschlichen und manchmal sogar gesundheitlichen Folgen eines Lockdowns", sagt er. Der könne deshalb nur als allerletzter Ausweg betrachtet werden. Und den müsse Frankreich, solange die Lage stabil sei, eben noch nicht nehmen. 

Covid19 – der französische Weg
Marcel Wagner, ARD Paris
10.02.2021 12:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 10. Februar 2021 um 11:35 Uhr.

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