Corona-Krise in Europa Der zweite Sommer ohne Festivals?

Stand: 10.04.2021 11:31 Uhr

Europas Musikfestivals sind weltbekannt. Doch im zweiten Pandemiejahr sind viele Veranstalter zermürbt: Sie müssen ins Nichts planen - und vermissen finanzielle Hilfe und Anerkennung.

Von Roman Rusch, ARD-Studio Brüssel

Bernd Dicks und Sascha Tietze haben einen riesigen Plan auf dem Tisch ausgerollt - und sind in Ihrem Element: Es geht um Feuerwerk und Pyro-Effekte, um der Festivalstadt "Parookaville" Leben einzuhauchen. Rund 200.000 Gäste feiern in Weeze am Niederrhein jedes Jahr im Sommer eines der größten europäischen Dance-Festivals. Das Konzept: Eine bunte Phantasiestadt mit Schwimmbad, Rummel, Kirche und jeder Menge Musik.

Ob und wie "Parookaville" dieses Jahr allerdings überhaupt stattfinden kann, wissen die beiden nicht. Sicher ist nur: Eine Großveranstaltung im Sommer wird es wegen der Corona-Pandemie nicht geben. "Wenn man 70.000 Gäste jeden Tag testen möchte, dann dauert das mehrere Stunden", erklärt Festivalgründer Dicks. "Und dann hat man auch noch das Problem, dass ein paar Leute positiv getestet werden. Das ist logistisch überhaupt nicht zu stemmen."

Eventbranche: ein Umsatzgigant

Er und Feuerwerk-Experte Tietze reden heute daher nur über Pyroeffekte für eine kleine Veranstaltung, die man im Live-Stream übertragen könnte. Und fühlen sich ansonsten mit ihren Problemen ziemlich alleine gelassen."Die Wertschätzung durch Politik und Gesellschaft dieses Branchenzweiges ist komplett hinten rüber gefallen", meint Dicks.

Pyrotechniker Sascha Tietze | Bildquelle: Roman Rusch / ARD-Studio Brüssel
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Pyrotechniker Sascha Tietze.

Versicherungen gegen Pandemieausfälle gebe es seit Beginn der Corona-Krise nicht mehr. Eine Perspektive oder klare Ansage für die Branche fehle: "Wir warten auf diesen Rettungsschirm, der von Olaf Scholz, der im Dezember angekündigt worden ist. Also wir finden, wir werden hier schon sehr, sehr unfair behandelt."

Dabei ist die Kreativ- und Kulturbranche in Europa ein Beschäftigungs- und Umsatzgigant: 7,6 Millionen Menschen arbeiteten 2019 im Sektor - allein 1,5 Millionen in der deutschen Veranstaltungsbranche. Der europaweit generierte Umsatz: 643 Milliarden Euro.

Tietze hat die Angestellten seiner Pyrofirma in Kurzarbeit geschickt. Auch Dicks hat für seine Beschäftigten Kurzarbeit beantragt. Immerhin, so sagt er, sei das in Deutschland gut gelöst. Er unterhalte sich oft mit seinen Europäischen Kollegen - und die seien sehr verzweifelt: "In Spanien, da ist Kurzarbeitergeld gedeckelt auf 1000 Euro pro Person. Es gibt die Kollegen in Ungarn, die sagen, sie haben gar kein Kurzarbeitergeld. Der Kollege hat viele Mitarbeiter, die lange Jahre beim Festival gearbeitet haben, rausschmeißen müssen."

Festivals - ein Lebensgefühl

300 Kilometer entfernt, tief in den belgischen Ardennen, hat Jean Pierre Bissot es etwas leichter. Einmal im Jahr veranstaltet er das renommierte "Gaume Jazz Festival" - und weil die Festivalkultur in Belgien auch ein Lebensgefühl ausdrückt, bekommt er mehr finanzielle Unterstützung: "Streng kalkuliert werden wir am Ende wohl Geld verlieren", sagt er. "Aber wir haben es besser als viele andere. Es gibt zum einen Subventionen vom Staat und zum anderen Sponsoren, die fest an unserer Seite stehen."

Jean Pierre Bissot | Bildquelle: Roman Rusch / ARD-Studio Brüssel
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Jean Pierre Bissot organisiert das "Gaume Jazz Festival".

Sein kleines Festival ist eine wichtige Einnahmequelle für Hotels und Gastronomie im Sommer. Wenn Corona die Anreise auswärtiger Gäste im August unmöglich machen würde, fiele das alles weg. Doch Bissot hat auch renommierte Jazz-Musiker aus Island, Indien und Kuba eingeladen. "Es ist ein Eiertanz!", klagt er. "Je nachdem, wie sich die den Hygieneregeln für August ändern, müssen wir eben alles wieder umschmeißen."

Das Organisationsteam des Gaume Jazz Festivals in Belgien tagt | Bildquelle: Roman Rusch / ARD-Studio Brüssel
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Das Organisationsteam des "Gaume Jazz Festivals" will die Besucher regional verköstigen - wenn es denn stattfindet.

Im Zweifel müsse es so laufen wie im vergangen Jahr: ausschließlich mit belgischen Künstlern. Bei der Versorgung der Besucher will er 2021 ebenfalls ganz regional ordern - Fritten, Bier und Waffeln vor Ort bestellen: "Bei uns gibt es doch alles in der Nähe. Da braucht es kein Steak aus Argentinien. Und so helfe ich den Erzeugern in unserer Region zu überleben und ihre Produkte zu vermarkten."

Viele Mitarbeiter gehen

In Deutschland macht Pyrotechniker Tietze sich Sorgen um die Zukunft der Branche. "Du hast Angst, dass dir gut ausgebildetes Personal, das du die letzten Jahre aufgebaut hast, verlorengeht", sagt er. "Wir haben schon zwei Mitarbeiter aus der Büro und einen aus der Produktion verloren. Die sind zu Versicherern und der Deutschen Bahn gegangen."

Die Branche sei vernetzt wie kaum eine andere in Europa; viele Kolleginnen und Kollegen hätten schon aufgegeben oder seien kurz davor. "Ohne uns wird es still", sagt Tietze zum Abschied. "Und dann werden manche erst merken, dass der Mensch ein soziales Wesen ist - und Veranstaltungen eben doch systemrelevant."

Das zweite Jahr ohne Großveranstaltungen im Sommer - es zwingt viele in Europas Festvial-Branche in die Knie.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 11. April 2021 um 12:45 Uhr im "Europamagazin".

Korrespondent

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Roman Rusch, WDR

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