Huanan seafood market in Wuhan, China | Bildquelle: REUTERS

Coronavirus Die schwierige Suche nach dem Ursprung

Stand: 15.01.2021 18:56 Uhr

Die Experten der WHO, die in China den Ursprung des Coronavirus erforschen sollen, haben ihre Arbeit aufgenommen. Zunächst nur virtuell, denn sie sind erst einmal für zwei Wochen in einem Hotel in Wuhan in Quarantäne.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking

Im Dezember 2019 mehrten sich in der zentralchinesischen Millionenmetropole Wuhan die Berichte über eine mysteriöse neue Lungenkrankheit. Woher sie kam, war lange unklar. Mittlerweile sind sich die meisten Experten einig: Das Coronavirus SARS-COV-2 - Auslöser von Covid 19 - stammt von Fledermäusen, vielleicht aus Südchina. Aber wann es auf den Menschen übergesprungen ist, sei immer noch unklar, sagt Peter Embarek. Er ist Leiter der WHO-Expertenmission, die am Freitag in Wuhan ihre Arbeit aufgenommen hat. Zunächst sind aber nur Videoschalten mit chinesischen Wissenschaftlern möglich, denn das Experten-Team ist in Quarantäne.

"Wir wissen, dass das Virus irgendwann in Fledermäusen auftauchte. Und wir wissen, dass in Wuhan im Dezember 2019 menschliche Fälle auftraten. Aber was ist dazwischen passiert? Wie viele andere Tierarten gab es dazwischen und wo?" Das müsse noch herausgefunden werden. "Wir wissen nicht, was in dieser Zeit geschah, und danach suchen wir", erklärt Embarek.

Der Wildtiermarkt war wohl eher Ort eines Superspreader-Events

Lange Zeit konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf den großen Fisch- und Wildtiermarkt in Wuhan. Einige der ersten Erkrankten hatten Verbindungen mit dem Markt, andere aber wiederum nicht. Das Gelände ist längst von einem großen Absperrzaun umgeben und wurde gründlich desinfiziert. Die internationalen Wissenschaftler wollen den Markt trotzdem besuchen.

Eine Luftaufnahme des abgesperrten Wildtiermarktes in Wuhan. | Bildquelle: REUTERS
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Der abgesperrte Fisch- und Wildtiermarkt in Wuhan. Hier soll das Coronavirus erstmals vom Tier auf den Menschen übergesprungen sein - so eine der Theorien.

Fabian Leendertz, Epidemiologe am Robert Koch-Institut in Berlin und Spezialist für Krankheitserreger aus dem Tierreich, hat aber Zweifel, dass die Antwort dort zu finden ist. "Die große Frage ist ja, ob dieser Übersprung vom Tier auf den Menschen tatsächlich in diesem Markt stattgefunden hat. Die wahrscheinlichere Hypothese ist ja, dass der Markt kontaminiert wurde von symptomatischen Menschen und dass das nur eines der ersten Superspreading-Events dort war."

Unbewiesen ist bislang auch die These, dass das Virus aus einem Labor stammt. Nichts in der Zusammensetzung des Virus deute darauf hin, dass es künstlich erzeugt sei, sagen Experten. Aber das Institut für Virologie in Wuhan hat sich mit Forschungen zu Fledermäusen international einen Namen gemacht. Dass es da einen Zusammenhang zwischen dem Institut und dem Corona-Ausbruch gibt, ist bislang reine Spekulation. In der Beschreibung der Forschungsmission der WHO, über die monatelange mit China verhandelt wurde, kommt das Institut als möglicher Ursprungsort jedenfalls nicht vor.

China hat eigene Theorien

China selbst propagiert seit Monaten eigene Theorien: Demnach stamme das Virus womöglich gar nicht aus China, heißt es in den Staatsmedien. Regelmäßig werden die Militärfestspiele im Oktober 2019 in Wuhan genannt. Das Virus sei bei dem großen Sportereignis von Ausländern eingeschleppt worden, heißt es. Die WHO nennt solche Thesen "hoch spekulativ". Aber auch Pekings Außenamtssprecher Zhao Lijian versucht immer wieder, von China abzulenken.

"So wie die Pandemie-Lage sich ständig verändert, vertieft sich auch das Wissen über das Virus. Immer mehr ganz frühe Krankheitsfälle werden entdeckt. Daher wird die Suche nach dem Ursprung des Virus sicherlich noch in anderen Länder und Orten weitergehen", so Zhao.

Suche nach Patient Null

In Berichten über eine neue Studie aus Italien hieß es in dieser Woche: Bereits im November 2019 habe es in Mailand möglicherweise einen ersten Corona-Fall gegeben. China sieht darin eine Bestärkung seiner Theorie. Allerdings, auch aus China gibt es unbestätigte Medienberichte über erste Fälle im November 2019. Daher würden sich die WHO-Experten die chinesische Forschungsdaten zu den frühen Ausbrüchen gerne anschauen. Aber es nicht klar, wie offen die chinesischen Wissenschaftler sind und was sie preisgeben dürfen.

In jedem Fall ist es unwahrscheinlich, dass die WHO-Mission schnell das Geheimnis um den Ursprung des Virus lüften kann. "Ich denke, wir werden auch nach dieser ersten Mission noch keine klaren Antworten haben", sagt Missions-Leiter Embarek. "Aber ein Anfang ist dann gemacht, dann wird es hoffentlich weitere Missionen geben, weitere Studien - und langsam werden wir besser verstehen, woher das Virus kommt." Das aber, sagen die Wissenschaftler, kann unter Umständen viele, viele Jahren dauern.

Die schwierige Suche nach dem Ursprung des Corona-Virus in China
Ruth Kirchner, ARD Peking
15.01.2021 17:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Januar 2021 um 23:31 Uhr in der Sendung "Das war der Tag".

Korrespondentin

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Ruth Kirchner, RBB

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