Österreichs Kanzler Kurz bei einer Regierungspressekonferenz in Wien. | Bildquelle: dpa

Attentat in Wien Haben die Behörden versagt?

Stand: 04.11.2020 15:53 Uhr

Der Attentäter von Wien saß bereits 2019 in Haft, wurde aber vorzeitig entlassen - für Bundeskanzler Kurz eine falsche Entscheidung. Für den Innenminister ein Grund, das System zu hinterfragen.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Intensiv setzen die österreichischen Sicherheitsbehörden ihre Ermittlungen fort, um das Umfeld des mutmaßlichen Attentäters und mögliche Hintermänner zu erfassen.

Neben den bisherigen 14 vorläufigen Festnahmen in Wien und Niederösterreich verhaftete die Schweizer Justiz am Dienstag zwei junge Männer, die in einem engen Kontakt zu dem 20-Jährigen mutmaßlichen Attentäter gestanden haben sollen.

Nach Angaben der Schweizer Justizministerin Keller-Sutter handelt es sich bei den 18 und 24 Jahre alten Verhafteten um "Kollegen" des mutmaßlichen Attentäters. Die drei jungen Männer hätten auch physischen Kontakt gehabt und seien den Behörden aus Terrorismusverfahren der Schweizer Bundesanwaltschaft bekannt gewesen.

Mutmaßlicher Täter war bereits 2019 in Haft

Die österreichischen Sicherheitsbehörden gehen unverändert davon aus, dass es sich bei dem 20-Jährigen Attentäter um einen Einzeltäter handele. "Aufgrund unserer Erkenntnislage sind wir recht zuversichtlich, dass es nur ein Täter ist. Wir bleiben aber aufmerksam", sagt Franz Ruf, Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit. Man sei in erhöhter Alarmbereitschaft. "Aber derzeit ist die Erkenntnislage so, dass es einen einzelnen Täter gibt, der von uns neutralisiert worden ist."

Der Attentäter war den Behörden schon einmal ins Netz gegangen. Im April 2019 wurde er wegen des Versuchs, sich der Terrororganisation "Islamischer Staat" in Syrien anzuschließen, zu 22 Monaten Haft verurteilt worden. Im Dezember 2019 war der junge Mann, der die österreichische und nordmazedonische Staatsbürgerschaft besaß, dann aber vorzeitig aus der Haft entlassen worden.

Kurz: Vorzeitige Entlassung "war definitiv falsch"

Massive Kritik an der vorzeitigen Haftentlassung des 20-Jährigen mutmaßlichen Attentäters übten Bundeskanzler Sebastian Kurz und Innenminister Karl Nehammer. Wäre anders entschieden worden, "dann hätte dieser Terroranschlag so nicht stattfinden können", sagte Bundeskanzler Kurz. "Insofern war die Entscheidung, dass dieser Täter freigelassen wurde, definitiv falsch, mit dem heutigen Wissenstand."

"Der Täter ist vorzeitig entlassen worden, hat das Deradikalisierungsprogramm ausgenutzt für diese vorzeitige Entlassung, hat vier Menschen getötet und 22 verletzt", so Nehammer. "Aus meiner Sicht ist das Anlass genug, unsere Systeme zu hinterfragen."

Versagen der Behörden

Der damalige Anwalt des mutmaßlichen Täters, Nikolaus Rast, begründete dessen vorzeitige Entlassung im vergangenen Jahr gegenüber dem ORF: "Er wird dann bedingt entlassen, wenn er eine positive Zukunftsprognose hat, von der sich das Gericht offensichtlich überzeugt hat und ich hatte denselben Eindruck." Aus heutiger Sicht klinge das absurd, sagt Rast. "Ein harmloser junger Bub, der es offensichtlich geschafft hat, uns alle zu täuschen. Das Gericht zu täuschen, den Anwalt zu täuschen, wahrscheinlich auch die Polizei zu täuschen, die Bewährungshelfer zu täuschen."

Der österreichische Verfassungsschutz habe nach der Haftentlassung die Observierung des späteren mutmaßlichen Attentäters eingestellt. Unterdessen berichteten NDR,WDR und Süddeutsche Zeitung, dass die slowakischen Behörden in diesem Sommer ihren österreichischen Amtskollegen mitgeteilt hätten, dass der mutmaßliche Attentäter im Sommer zusammen mit einem weiteren Mann in der Slowakei versucht habe, Munition zu kaufen.

Ermittlungsstand nach Terroranschlag in Wien
Clemens Verenkotte, ARD Wien
04.11.2020 14:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. November 2020 um 16:45 Uhr.

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