Terrormiliz IS Geschwächt, aber nicht verschwunden

Stand: 24.02.2021 10:52 Uhr

Nachdem die Terrormiliz "Islamischer Staat" aus vielen Gebieten in Syrien und im Irak vertrieben wurde, sind die Dschihadisten wieder da aktiv, wo sie herkamen: im Untergrund. Vor allem in der Wüste formiert sich der IS neu.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Mindestens 21 Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sollen jüngst bei russischen Luftangriffen im Nordosten Syriens getötet worden sein, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Im Programm des Fernsehsenders "Sky News Arabia" befürchtete allerdings ihr Leiter, Rami Abdel Rahman, dass solche Angriffe den IS derzeit nicht wirklich schwächen würden.

"Die Hälfte Syriens besteht aus Wüste. Die russischen Luftangriffe fanden in einem Gebiet statt, das 40.000 Quadratkilometer groß ist", sagte Rahman. "Die IS-Extremisten kennen das Gebiet und seine Höhlen und Verstecke genau. Niemand kann den IS dort besiegen."

Terrormiliz IS formiert sich in der Wüste neu

Siyamend Ali, ein Kommandeur des kurdisch dominierten Kampfbündnisses "Demokratische Kräfte Syriens", teilt diese Einschätzung. Die angeblich geschlagene Terrormiliz würde sich in der Wüste neu formieren und wieder erstarken, sagte der Kommandeur gegenüber dem ARD-Studio Kairo. Dies habe auch damit zu tun, dass der internationalen Staatengemeinschaft offenbar der Wille fehle, das IS-Problem besonders im Nordosten Syriens wirklich zu lösen.

Dort wie auch im Westen des Irak beherrscht der IS zwar kein großes zusammenhängendes Gebiet mehr. Aber dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zufolge sollen sich zu beiden Seiten der irakisch-syrischen Grenze immer noch rund 10.000 IS-Kämpfer befinden. Sie hätten sich lediglich zurückgezogen, zumeist in schwer zugängliche Wüstengebiete.

Terroristen überfallen angrenzende Siedlungen

Von dort terrorisieren sie die Bevölkerung in angrenzenden Siedlungen, zum Beispiel nahe der nordostsyrischen Stadt Deir az-Zor. Jede Nacht würden sie in ihrer Gegend ein, zwei oder drei Menschen bei Überfällen töten, erzählt eine Frau während einer Überlandfahrt im Sammeltaxi. Sie habe Angst um ihre Kinder.

Viele der Opfer seien Verwandte von ihr gewesen. Die Sicherheitskräfte müssten was dagegen tun, vor allem gegen die Schläferzellen des IS. Die Menschen wollten in Sicherheit leben.

Die Extremisten nehmen Geiseln, um Lösegeld zu erpressen. Und sie verüben Anschläge. Allein im Januar sollen es in Nordostsyrien mehr als 100 gewesen sein. 

Der Fahrer des Sammeltaxis hat ebenfalls Angst vor dem IS: "Nach Sonnenuntergang kann sich niemand mehr aus dem Haus trauen, weil es Morde und Entführungen gibt. Nachts ist es gefährlich."

Kampf gegen IS ist längst nicht zu Ende

Auch im Irak reden viele bereits von einem Comeback des IS. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres soll er dort mindestens 900 Anschläge verübt haben. Sollte die Terrormiliz tatsächlich weiter erstarken, dann würde es ihr auch wieder leichter fallen, Anhänger zu rekrutieren. Der Kampf gegen den IS ist längst noch nicht zu Ende.

Im Irak können die Antiterror-Einheiten zwar Erfolge im Kampf gegen die IS-Dschihadisten vorweisen, aber sie brauchen die Unterstützung der internationalen Militärkoalition unter Führung der USA. Die Zahl der amerikanischen Spezialkräfte im Irak wurde allerdings erst 2020 um mehr als die Hälfte gesenkt, auf 2500 Mann.

Kurden fühlen sich vom Ausland allein gelassen

Und im Nordosten Syriens fühlen sich die Kurden und ihre Verbündeten mit dem IS vom Ausland alleingelassen. Der syrische Militärexperte Ahmed Rahal, der aus dem Exil in Istanbul die Lage beobachtet, sieht in der halbherzigen Unterstützung ein strategisches Versagen.

Terrorgruppen seien dazu in der Lage, sich anzupassen, erklärte er im Programm des Senders "Alghad TV". Alle Kriege, die gegen den IS geführt wurden, hätten ihn nicht vernichtet, sondern nur verdrängt und vertrieben.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. Februar 2021 um 10:18 Uhr.

Korrespondent

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Jürgen Stryjak, SWR

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