Proteste in Myanmar 20 Jahre alte Demonstrantin gestorben

Stand: 19.02.2021 12:49 Uhr

Sie ist das erste offizielle Todesopfer bei den Protesten gegen den Militärputsch in Myanmar: Eine angeschossene Studentin erlag ihren schweren Verletzungen. Die Wut auf den Straßen wird immer größer.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

"Doe Ayeh" - "Es ist unsere Aufgabe!" So lautet der Schlachtruf der Demonstranten in Myanmar - Widerstand als Bürgerpflicht. Die Nachricht vom Tod einer 20 Jahre alten Studentin hat die Wut auf den Straßen weiter angeheizt. Vergangene Woche war die junge Frau von einem Schuss aus einer scharfen Waffe in den Kopf getroffen worden. Die Ärzte hatten sie für hirntot erklärt - dass sie nun gestorben ist, kommt insofern nicht überraschend. Doch Mya Thwet Thwet Khine gilt längst als Symbolfigur des Protestes gegen die Militärjunta.

Ein 15 Meter großes Plakat der Studentin hängt von einer Brücke in Yangon, es zeigt den Moment, in dem sie angeschossen wurde. "Ihr Herz hörte auf zu schlagen", sagt ihre Schwester. "Ich möchte alle Bürger ermutigen, sich den Protesten anzuschließen, damit wir dieses System loswerden. Das ist alles, was ich sagen will."

"Ich will nicht in einer Diktatur aufwachen"

Autofahrer in Yangon lassen ihre Wagen auf der Straße stehen oder fahren Schlangenlinien, um die Sicherheitskräfte aufzuhalten - auch städtische Busse stehen quer. "Ich beteilige mich an diesem Protest, weil ich die Militärregierung nicht mag", sagt ein Busfahrer.

Der Massenprotest hat zunehmend auch Auswirkungen auf die Wirtschaft. Eisenbahner setzten ihren Streik zuletzt fort, obwohl die Polizei am Vorabend mit harter Hand gegen sie vorgegangen war. Drei Viertel aller Angestellten im öffentlichen Dienst sind im Streik, alle Privatbanken sind geschlossen. Eine Gruppe namens "Myanmar Hackers" hat nach eigenen Angaben die Websites der Zentralbank, zahlreicher Regierungsbehörden und des staatlichen Fernsehsenders MRTV angegriffen.

"Ich will nicht in einer Diktatur aufwachen", sagt ein junger Mann. "Wir Demonstranten wollen nicht den Rest unseres Leben in Angst verbringen. Deshalb muss dieses System fallen. Wir werden weiter protestieren, bis die Militärjunta verschwindet und unsere gewählte Regierung zurückkehrt!"

Ein Demonstrant steht vor einem Panzer in Yangon. | Bildquelle: REUTERS
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Ein Mönch steht in Yangon vor einem Panzer und demonstriert gegen die Militärgewalt.

Menschen werden ohne Haftbefehl eingesperrt

Militär und Polizei setzen Tränengas und Gummigeschosse gegen die Demonstranten ein. Und sie nehmen immer mehr Mitglieder aus der Bewegung des zivilen Ungehorsams fest - meistens nachts. Das Kriegsrecht gibt ihnen die Handhabe, Menschen ohne Haftbefehl einzusperren. Oft erfahren die Angehörigen nichts über das Schicksal der Inhaftierten.

"Wir warten jeden Tag hier vor dem Gefängnis, um etwas über unsere Kinder zu erfahren - aber sie sagen uns nichts", berichtet ein besorgter Vater. "Wir dürfen nicht einmal nah an das Tor herankommen. Und die Behörden behaupten, sie wissen auch nicht, was mit unseren Kindern passiert ist."

Wut des Volkes unterschätzt

Inzwischen hat auch der Prozess gegen Aung San Suu Kyi begonnen - sie soll illegal Funkgeräte aus dem Ausland importiert und gegen das Katastrophenschutzgesetz verstoßen haben. Der ehemaligen De-facto-Staatschefin drohen wegen der absurden Vorwürfe bis zu sechs Jahre Haft. Die Armee hatte sie am 1. Februar festgenommen und die Macht in Myanmar übernommen.

General Min Aung Hlaing hat jedoch offenbar die Wut und den Widerstandswillen des Volkes unterschätzt. Beobachter befürchten eine gewaltsame Niederschlangung der Massenproteste. Am Nachmittag wurden weite Teile der Innenstadt von Yangon durch Soldaten abgeriegelt.

Die Wut wächst weiter - Massenproteste in Myanmar
Holger Senzel, ARD Singapur
19.02.2021 11:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Februar 2021 um 11:00 Uhr.

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Holger Senzel, NDR

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