Corona-Krise im Iran Leerer Basar, volle Krankenhäuser

Stand: 14.04.2021 11:43 Uhr

Im Iran spitzt sich die Corona-Situation zu. Ein Neuinfektionen-Höchststand bringt die Kliniken ans Limit, Impfstoffe fehlen weiterhin. Ein geplanter Teil-Lockdown geht aber an der Realität der Menschen vorbei.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul. z.Zt. Teheran

Der Ärger der Menschen ist in Teheran derzeit deutlich zu spüren. Innerhalb weniger Sekunden bildet sich eine Menschentraube, als das ARD-Team auf der Straße Passanten nach ihrer Meinung zum Corona-Management der Regierung fragt. Der Unmut ist bei den meisten sehr groß. "Der Staat müsste uns unterstützen, aber er tut es einfach nicht", meint ein junger Mann, der ein dunkles T-Shirt mit der US-amerikanischen Flagge drauf trägt. "Ich bin ein einfacher Arbeiter. Ich würde gerne zu Hause bleiben, aber wenn keine Unterstützung da ist, sind wir doch alle gezwungen arbeiten zu gehen."

Die Islamische Republik verzeichnet derzeit einen Höchststand an Neuinfektionen: Am Dienstag waren es fast 25.000 binnen eines Tages. Im gleichen Zeitraum wurden 291 Corona-Tote registriert, meldete das Gesundheitsministerium. Besonders schlimm ist die Lage in der Hauptstadt Teheran. Laut Medienangaben mussten auf dem Zentralfriedhof Extra-Schichten wegen der vielen Corona-Toten eingelegt werden.

Massenimpfungen erst ab September

Abhilfe schaffen könnte die Corona-Impfung. Doch bisher hat das Land nur wenig Impfstoffe eingeführt. Die Regierung macht die Wirtschaftskrise und US-Sanktionen dafür verantwortlich. Viele Iraner werfen der Führung ein gefährliches Spiel mit Menschenleben vor. Anfang Januar hatte der Oberste Führer Ayatollah Khamenei die Einfuhr bestimmter Impfstoffe aus dem Westen abgelehnt.

Erste Lieferungen soll es bereits aus Russland geben, weitere Verhandlungen mit Moskau sollen laufen. Außerdem setzt die Regierung im Iran auf ein eigenes Vakzin. Die Folge: Massenimpfungen für die etwa 83 Millionen Menschen im Land soll es nach derzeitigem Stand erst ab September geben.

Die Situation in den Teheraner Krankenhäusern ist bereits jetzt alarmierend. Laut dem Gouverneur sind seit Anfang der Woche alle für Corona-Patienten verfügbaren Betten belegt. Das Gesundheitsministerium macht für den rasanten Anstieg eine Reisewelle rund um das Iranische Neujahrsfest Ende März, Anfang April verantwortlich.

In den sozialen Netzwerken erntet das Ministerium dafür viel Spott: Der Staat habe vielfach nichts unternommen, selbst nachweislich positiv Getestete hätten quer durchs ganze Land reisen können, obwohl sie bei den Behörden per Handy registriert waren.

Ladenbesitzer und Tagelöhner unter Druck

Nun versucht die Regierung gegenzusteuern: Seit dem Wochenende gilt in vielen Teilen des Landes ein Teil-Lockdown. In Teheran sieht das wie folgt aus: Geschäfte, Restaurants und Schulen sind geschlossen. Auch der Große Basar, das Herz Teherans, musste dicht machen. Auf den Straßen drumherum herrscht dennoch viel Betrieb, hier arbeiten viele Tagelöhner: Schuhputzer, Moped-Kuriere oder Straßenverkäufer, sie alle sind auf jeden Cent angewiesen. "Schließen sie auch die Steuerbehörde? Nein, die ist weiterhin offen", empört sich ein Mann im kurzärmeligen Poloshirt. "Dieses System kann nur noch eines: Uns unter Druck setzen. Es lebt von den Krisen im Land."

Im Basar selbst herrscht völliger Stillstand. Die Läden sind mit Eisentoren verschlossen, nur vereinzelt fahren Lieferanten auf Mopeds durch die langen Korridore, die die verschiedenen Flügel des Basars miteinander verbinden. Über zehn Kilometer erstreckt sich die Fläche durch das südliche Zentrum der Stadt, beherbergt etwa 10.000 Geschäfte, die alles verkaufen, was im täglichen Leben notwendig ist: Lebensmittel, Haushaltsware, Kleidung und vieles mehr.

Ein kleiner Laden hat sein Metalltor leicht geöffnet, es brennt Licht. Innen sitzen zwei Händler, sie verkaufen normalerweise Stoffe. Die derzeitige Situation belaste sie sehr, erzählen beide. Ihre Ersparnisse seien völlig aufgebraucht. Auch sie berichten, dass sie keine Unterstützung vom Staat erhalten: "Es wäre gut, wenn man von uns zumindest für ein Jahr lang keine Steuern nehmen würde", erzählt einer der Beiden. "Leider machen sie das nicht." Sie hätten schon viele Krisen im Iran erlebt, jetzt seien sie ratlos.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. April 2021 um 12:00 Uhr.

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