Wikipedia-Logo auf einem Computerbildschirm | Bildquelle: picture alliance / Sven Hoppe/dp

20 Jahre Wikipedia Ort für gesammeltes Weltwissen

Stand: 15.01.2021 05:52 Uhr

Gedruckte Enzyklopädien - das war einmal. Heute sucht man überall auf der Welt in Wikipedia nach Fachwissen, es gibt Versionen in rund 300 Sprachen. Doch der Erfolg ist nicht ohne Makel.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Das Online-Lexikon Wikipedia ist eine Erfolgsgeschichte. Die deutsche Ausgabe ist mit gut 2,5 Millionen Artikeln die viertgrößte, de facto aber die zweitgrößte - nach einer philippinischen und schwedischen Version, die vielfach aus automatisch generierten Texten bestehen und nach der englischen.

Dennoch hat das Angebot auch mit vielen Problemen zu kämpfen: In Deutschland geht die Zahl der Autoren stetig zurück, der Umgangston wird oft als rüde beschrieben - und der Autorinnenanteil liegt bei gerade mal zehn Prozent. 

Leicht verfügbar - auch zum Abschreiben

In den reichen Industrienationen recherchiert ein Internetnutzer durchschnittlich neun Mal im Monat auf den Wikipedia-Seiten - damit gehört die Online-Enzyklopädie zu den meistabgerufenen Seiten im Internet. Es gibt Artikel in rund 300 Sprachen. Wikipedia ist zu einer Art Basiswissen der Welt geworden. Besonders Lehrer können ein Lied davon singen, wenn sie entdecken, dass ihre Schüler allzu offensichtlich daraus abgepinnt haben.

Für Wikipedia-Co-Gründer Jimmy Wales ist klar: Wer mitmacht, bringt eine Passion mit. "Das unterscheidet uns von vielen anderen Angeboten im Internet", erzählt er tagesschau.de im Gespräch. "Uns geht es darum, einander zu helfen, indem wir Wissen teilen."

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales | Bildquelle: REUTERS
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Erst nach einer Umbenennung wurde sein Projekt ein weltweiter Erfolg: Jimmy Wales

Das Anfangsgebot: Schnelligkeit

Der heute 54-jährige US-Amerikaner mit Wohnsitz in London ist nach wie vor einer der wichtigsten Köpfe im Wikipedia-Universium. Aus seinem 1999 gestarteten kommerziellen Nupedia-Projekt, das schon damals auf freiwillige Autoren setzte, ist Wikipedia hervorgegangen. "Wiki" ist hawaiianisch und heißt schnell - Nupedia wuchs aber zunächst alles andere als schnell. Als sich Wales entschloss, Nupedia einen Bereich vorzuschalten, bei dem die Leser die Texte auch direkt bearbeiten konnten, explodierten die Zugriffszahlen. Nupedia war Geschichte und Wikipedia geboren.

Die ursprüngliche Idee habe man sich damals von der wachsenden Open-Source-Software Community abgeschaut, erzählt Wales. Gleichzeitig sei auch eine dezentrale Organisation wichtig gewesen: "Hätten wir uns damals als Forum organisiert, wo jeder etwas reinschreiben kann, hätten wir uns nicht so lange gehalten." 

Die Themen-Mischung machts

Der große Erfolg der Enzyklopädie liegt auch an ihrer Mischung: Sie bildet unser Wissen in seiner Gesamtheit ab. Da gehört der Boulevard ebenso dazu wie Themen, die für eine gedruckte Enzyklopädie zu profan wären.

Wikipedia verändert sich ständig weiter, Texte werden korrigiert und aktualisiert. Große Enzyklopädien wie den Deutschen Brockhaus, der 2014 eingestellt wurde, oder die Encyclopedia Britannica, die nur noch digital verfügbar ist, hat die Online-Schwester längst hinter sich gelassen.

Rund dreieinhalb Millionen Freiwillige schreiben, redigieren und prüfen die Artikel. Sie erhalten dafür kein Geld. Was die Autoren antreibt, unbezahlt mitzuarbeiten, war sogar schon Gegenstand wissenschaftlicher Forschungsarbeiten. Das Ergebnis: Es ist die Idee, an etwas größerem mitzuarbeiten. Etwas, auf das die ganze Welt Zugriff hat - ohne Urheberrecht, Paywall oder Mitgliedsgebühr.

Einzige Einnahmen: Spenden

Hinter dem Heer der Freiwilligen steht eine relativ kleine Organisation mit Hauptsitz in San Francisco. Die Wikimedia Foundation beschäftigt gut 100 Entwickler und nimmt durch die jährlichen Spenden gut 120 Millionen Dollar ein. Der deutsche Förderverein kommt auf 80.000 Mitglieder und verfügt über einen Jahresetat von 18 Millionen Euro.

Das Besondere: Das Angebot ist bis heute nicht-kommerziell, die gemeinnützige Organisation finanziert sich allein aus Spenden. "Würde dieses Modell nicht so gut funktionieren, wären wir gezwungen, uns nach anderen Einnahmequellen umzusehen", sagt Wales. "Das wäre ungesund für uns. Man würde versuchen, so viele Klicks wie möglich zu erhalten. Dann wären wir aber kein Ort mehr für gesammeltes Wissen."

Diskutiert wurde eine Finanzierung durch Werbung aber immer wieder. Wales soll 2002 selbst diesen Schritt erwogen haben. Das sorgte für große Missstimmung in der weltweiten Community der Wikipedianer und wurde wieder beerdigt.

Teilnehmer der dreitägigen WikiCon 2013 sitzen im Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in Karlsruhe (Baden-Württemberg) zusammen. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Auf Treffen wie der WikiCon (hier im Jahr 2013) beraten Autoren auch über die Qualitätssicherung.

Ist die deutsche Version genauer?

Das größte Angebot ist die englischsprachige Wikipedia-Version mit gut 6,1 Millionen Artikeln. Der deutschen Version haftet jedoch der Ruf an, besonders genau zu sein. Scherzhaft meint Wales: "Die Deutschen sind schlau und gutaussehend." In Deutschland gebe es eine große Tradition für Enzyklopädien wie den Brockhaus. Deshalb sei Wikipedia hier so beliebt. 

Doch fehlerlos ist das Angebot nicht. So wurde in der englischsprachigen Ausgabe 15 Jahre lang behauptet, dass in einem deutschen Konzentrationslager in Warschau 200.000 Polen vergast worden seien. Es gibt zwar keinen Zweifel, dass es das Konzentrationslager Warschau gegeben hat, es war aber kein Vernichtungslager. 

Schleichwerber haben es schwer

Sonst scheint die Qualitätskontrolle relativ gut zu funktionieren: PR-Agenturen haben in den großen Sprachausgaben kaum eine Chance, Schleichwerbung oder Falschinformationen unterzujubeln - auch wenn es diese Versuche immer wieder gab und gibt.

Fehleranfällig sind kleinere Artikel mit geringen Zugriffszahlen; sie laufen eher Gefahr, durchs Raster zu fallen. Es sei recht schwer, die Qualitätskontrolle zu unterlaufen, meint Wikipedia-Co-Gründer Wales. "Seit Jahren beschäftigen und diskutieren wir unsere Quellen. Es kommt auf die Gemeinschaft an. Quellen und Bestätigungen sind für uns ein zentrales Element."

Einen Kritikpunkt muss sich Wikipedia seit Jahren gefallen lassen: Rund 90 Prozent der Autoren sind Männer - die meisten davon aus westlichen Industrienationen. Die Diskussionskultur gilt als ruppig, vor allem Neueinsteiger werden dadurch abgeschreckt.

Sorge um den Journalismus

Als besondere Herausforderung für die Zukunft sieht Wales - aus nicht uneigennützigen Motiven - das Verschwinden von Lokal-Journalismus an. Denn der habe auch Einfluss auf die Nachwuchsarbeit bei Wikipedia. Ohne guten Journalismus könne der erste Entwurf aktueller Geschichte nicht festgehalten werden.

Wales hält es für eine Herausforderung unserer Gesellschaften, sicherzustellen, dass guter Journalismus eine verlässliche Finanzierung findet. Auch wenn die Zahlen der Autoren in Deutschland abnimmt: Mit dem deutsch- und englischsprachigen Kinderlexikon Klexikon gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer. 

Der New Yorker Künstler Michael Mandiberg präsentierte 2016 eine Installation, die die Gröߟe Wikipedias verdeutlichen sollte. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Auch die Kunst beschäftigt sich mit Wikipedia. Der New Yorker Künstler Michael Mandiberg präsentierte 2016 eine Installation, die die Gröߟe der Online-Enzyklopädie verdeutlichen sollte.

Wikipedia wird 20
Marcus Schuler, ARD Los Angeles
15.01.2021 07:05 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Januar 2021 um 08:38 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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